Greifbar

GreifBar plus am 04.10.2009

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                                Gezielter Geheimnisverrat


    1Deshalb sage ich, Paulus, der  Gefangene Christi Jesu für euch Heiden - 2ihr habt ja gehört, welches Amt die Gnade Gottes mir  für euch gegeben hat: 3Durch Offenbarung ist mir  das Geheimnis kundgemacht worden, wie ich eben aufs kürzeste geschrieben habe. 4Daran könnt ihr, wenn ihr's lest, meine Einsicht in das Geheimnis Christi erkennen. 5Dies war in früheren Zeiten den Menschenkindern nicht kundgemacht, wie es jetzt offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist;  6nämlich dass  die Heiden Miterben sind und mit zu seinem Leib gehören und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium, 7dessen Diener ich geworden bin durch die Gabe der Gnade Gottes, die mir nach seiner mächtigen Kraft gegeben ist. 8Mir, dem  allergeringsten unter allen Heiligen, ist die Gnade gegeben worden,  den Heiden zu verkündigen den unausforschlichen  Reichtum Christi 9und für alle ans Licht zu bringen, wie Gott seinen geheimen Ratschluss ausführt, der von Ewigkeit her verborgen war in ihm, der alles geschaffen hat;  10damit jetzt kund werde die mannigfaltige Weisheit Gottes den  Mächten und Gewalten im Himmel durch die Gemeinde. 11Diesen ewigen Vorsatz hat Gott ausgeführt in Christus Jesus, unserm Herrn, 12durch den wir  Freimut und Zugang haben in aller Zuversicht durch den Glauben an ihn. 13Darum bitte ich, dass ihr nicht müde werdet wegen der Bedrängnisse, die ich  für euch erleide, die für euch eine Ehre sind.(Eph 3,1-13)

Liebe GreifBar-Gemeinde,

als Martin Luther am 24. September 1531 über den Abschnitt aus dem Epheserbrief predigen musste, den wir eben gehört haben, seufzte er vernehmbar auf. Er sagte: „Weil die Zeit so trifft, dass man diese Epistel liest, will ich’s tun, aber sie ist ein wenig zu hoch. Die heutige Epistel ist nicht eine Predigt für das Volk; aber weil’s der Sonntag gibt, nehmen wir’s an.“ Vielleicht habt Ihr eben bei der Lesung aus Epheser 3 auch gedacht: Ich verstehe nur Bahnhof. Aber weil’s der Sonntag gibt, nehmen wir’s an. Vielleicht habt Ihr das wichtigste Wort des ganzen Abschnitts auch noch im Ohr:  das Wort „Geheimnis“. Es geht um Geheimnisse in diesen Zeilen, gleich an mehreren Stellen spricht Paulus von einem Geheimnis, das ihm aufgedeckt wurde und das er nun weitersagt.

Das Wesen von Geheimnissen ist , dass sie nicht weitergesagt werden. Geheimnisse sollen geheim bleiben. Sonst droht Strafe. Wer etwa bei Coca Cola arbeitet und das Geheimnis der genauen Zusammensetzung dieses Lebenselixiers verrät, dem droht eine saftige Strafe. Wer jetzt schon wüsste, wer genau demnächst welchen Posten in der Bundesregierung einnimmt, könnte sich damit eine goldene Nase bei den Medien verdienen, unter Umständen aber auch einigen Ärger. Es gibt das Amtsgeheimnis, das Briefgeheimnis, das Fernmeldegeheimnis, es gibt das Bankgeheimnis und das Steuergeheimnis, es gibt die Verschwiegenheitspflicht und das Beichtgeheimnis.  Wikipedia fasst zusammen: „Ein Geheimnis ... ist eine Information ..., deren Kenntnis unter wenigen Geheimnisträgern bleibt, die der Geheimhaltung unterliegen.“ Echte Geheimnisse sollen verborgen bleiben.   

Verraten werden sie dann eher versehentlich: Da ist ein Priester, der sich von seiner Gemeinde verabschiedet, die Rede beim Abschiedsfest soll ein bekannter Politiker aus der Gemeinde halten, aber er verspätet sich. Der Priester überbrückt die Zeit, indem er selbst etwas über seine Jahre im Dienst dieser Gemeinde erzählt: Am Anfang war ich sehr erschrocken. Als ich zum ersten Mal im Beichtstuhl saß, hörte ich eine erschreckende Beichte: Der Mann, der da saß, bekannte, er habe einen Fernseher gestohlen, wurde erwischt, konnte sich aber herausreden. Seinen Eltern hat er Geld gestohlen. Seine Frau betrog er mit der Frau seines besten Freundes. Unerlaubte Drogen hatte er genommen. Ich war ziemlich verstört und dachte: Wo bin ich hier hingeraten. Mit der Zeit aber fand ich heraus, dass die Menschen hier gar nicht so übel waren, im Grunde gute und liebevolle Mitchristen. Der Priester war gerade durch mit Erzählen, als endlich der Politiker unter vielen Entschuldigungen wegen seiner Verspätung den Raum betrat. Hastig trat er ans Mikrophon, um die versprochene Rede zu halten, und er begann mit den Worten: Ich werde nie den Tag vergessen, an dem unser Priester seinen Dienst antrat. Ihr werdet es nicht glauben, aber ich war der erste, der zu ihm zur Beichte ging! Auch das wäre wohl besser ein Geheimnis geblieben.

Geheimnisse sind Informationen, die vertraulich sind. Aber Paulus tut genau das Gegenteil: Er sieht es also seine Berufung an, anvertraute Geheimnisse weiterzuerzählen. Und zwar ein doppeltes Geheimnis: Es ist 1. das Geheimnis des Apostels. Und es ist 2. das Geheimnis eines göttlichen Masterplans.

Also zuerst: Das Geheimnis des Apostels - GNADE

Paulus schreibt einen Brief und er erzählt auch von sich.  Er sitzt im Gefängnis, vermutlich in Rom. Und dann stellt er sich vor, wie diese Nachricht in der Gemeinde aufgenommen wird. Paulus im Knast! Paulus vor der Hinrichtung. Ein Apostel in Ketten! Paulus fürchtet, dass sie das völlig entmutigt. Genau das aber will er verhindern: Werdet nicht müde, sagt er am Ende, auch nicht wegen der Schwierigkeiten, in denen ich stecke. Aber warum sollte sie das aufrichten? Paulus ist immer noch im Knast; sie sorgen sich um ihn. Sie sorgen sich vielleicht auch ein bisschen um sich selbst. Was ist das bloß, wenn es denen, die an Jesus glauben, so schlecht ergeht? Wann sind wir an der Reihe?

Darum erzählt ihnen Paulus ein wenig von seinem Geheimnis. Er ist erstaunlich gelassen und heiter. Das merkt man, und ein bisschen trotzig. Denn er spricht von der Gnade, die ihm widerfuhr und die sich wie ein roter Faden durch sein Leben zieht.

Ich bin, sagt er, der Gefangene Jesu Christi. Ich bin nicht der Gefangene des römischen Kaisers. Wegen Christus sitze ich im Knast, in seiner Hand ruht mein Schicksal. Es ist wie bei Jesus vor Pilatus: Pilatus brüstet sich, weil er doch über Jesus und sein Geschick verfügen kann. Aber Jesus sagt nur: Nichts könntest du, wenn es Gott nicht so fügte. Nichts. Ich bin der Gefangene Christi, sagt Paulus. Was immer mit mir geschieht: Ich bin in seiner Hand. Das ist mein Geheimnis: Er verliert nicht die Kontrolle. Gnade.

Und dann: Ich bin ein Diener des Evangeliums von Jesus. Wiederum Gnade. Ich mit meiner Lebensgeschichte, der allergeringste unter allen Heiligen. Ich darf es weitersagen, darf erleben, wie Menschen vom Tod zum Leben finden, wie sich Menschenleben bei Jesus verändern und erneuern. Ich bin reich beschenkt. Was immer geschieht, es muss diesem Auftrag dienen. Ich liege in Ketten, aber noch dadurch kommt das Evangelium voran, es kommt in den Knast, es kommt vor den Kaiser. Ich bin ein Diener des Evangeliums, ich bin ein Gefangener des Christus. Ich bin hochgeehrt von Gott, dass er mir seine Geheimnisse anvertraut hat. Macht Euch bitte keine Sorgen um mich! Gnade!

Das ist ein Geheimnis: Heute ist Erntedankfest. Wofür können wir danken? Was macht unser Leben reich? Wir danken für die ganz elementaren Dinge, und das ist gut so. Essen und Trinken. Gesundheit und Geisteskraft. Freundschaft und Liebe. Genuss und Gewinn. Anerkennung und Ehre. Das ist in Ordnung. Im Evangelium werden wir an diesem Tag aber immer etwas ernüchtert und gewarnt: Der reiche Kornbauer hatte all das, war munter und fröhlich und dachte: Das ist es! Nun kann meine liebe Seele ruhig sein. Aber Jesus nennt ihn einen Dummkopf. Reich an Dingen, aber nicht reich bei Gott.  Woher kommt Reichtum bei Gott? Paulus sagt: ich bin ein Gefangener Christi. Ich bin ein Diener des Evangeliums. Gott hat ausgerechnet mir ein großes Geheimnis anvertraut. Gnade. Mein Leben hat sich gelohnt. Ich weiß, wozu ich da bin. Ich weiß, bei wem ich zu Hause bin. Egal, was kommt: Es ist schon gut. Erntedank bei Paulus: im Knast.

Erntedank bei uns: Haben wir vieles? Oder mangelt uns manches, das wir anderen neiden? Wer zu Jesus gehört, kann sagen: Ich bin Eigentum Christi. Ich bin eine Dienerin des Evangeliums. Gott hat ausgerechnet mir sein Evangelium anvertraut. Gnade. Erntedank in Greifswald: Reich bei Gott.

Aber müsste es dann nicht auch gut gehen oder doch wieder gut werden – mit Paulus und all den Dienern des Evangeliums? Wenn wir doch ihm gehören, müsste es dann nicht alles, alles gut werden mit uns, schon auf Erden? Müsste nicht Paulus frei kommen und noch lange durch die Welt reisen und predigen? Müsste nicht gesund werden, die so schwer in unserer Mitte erkrankt ist, und gerade so von der Liebe Gottes beredt Zeugnis geben? Müsste nicht der Not ein Ende gemacht sein, dem Mangel an Geld, dem Mangel an Gemeinschaft, der Not mit unseren Kindern, dem Mangel an innerer Freude? Müsste nicht alles, alles gut werden?

Nein, sagt Paulus, wir sind die Gefangenen Christi und seine Diener und Geheimnisträger. Wir tragen das Wesen unseres Herrn an uns. Und es kann sein, dass es geheimnisvoll in die Tiefe mit uns geht. In den Kerker, in die Armut, in die Krankheit, in das Leiden und in das Sterben – und wir verstehen es nicht. Nicht jedes Geheimnis wird uns aufgedeckt!

Und dann dennoch Gnade und Erntedank und Reichtum bei Gott? Ja, sagt Paulus. Er hat’s im Griff. Luther lässt den Paulus in seiner Auslegung ein wenig weiter reden: „Ihr seht, dass ich in Rom gefangen bin. Die Welt und der Teufel haben mich in ihrer Hand. Das wird euch vielleicht erschrecken und einen bösen Argwohn machen, dass ihr denkt: Wär er ein rechter Apostel gewesen, wär ihm solches nicht zugestoßen!“ Ja, ist es nicht so: Wenn es nicht gut mit uns wird, ist das nicht ein hartes Argument gegen unseren Glauben? Nein, sagt Paulus, und Luther lässt ihn noch ein Stück weiterreden: „Besser ist’s, dass ich zu Rom im Turm sitze, als dass ich in Ephesus auf der Kanzel stehe.“ Warum: Weil Gott mich dahin führt, wo ich hin soll. Und wenn ein Paulus dabei gewaltsam umkommt, so erweckt sich Gott 20 neue Pauli. Das trägt ihn durch, und das hat mit dem zweiten Geheimnis zu tun, aber zuvor meine erste Erntedankfrage an Euch: Was lässt Euch heute danken? Und: Wo seid Ihr so ganz unzufrieden? Denn darüber will Jesus mit uns reden und sagen: Du bist doch reich! In allem. Trotz allem. Durch mich.

Das Geheimnis eines göttlichen Masterplans

Nun geht Paulus weit über sein persönliches Geschick hinaus: das ist das große, eigentliche Geheimnis Gottes. Er spricht von einem Masterplan Gottes.  Und dieser Masterplan öffnet die Tore weit für die Heiden. Das kommt uns vielleicht ganz selbstverständlich vor. Vielleicht finden wir es ganz normal, dass wir auch glauben dürfen und zum Volk dazu gehören. Vielleicht meinen wir, wir hätten einen Anspruch auf dieses dreifache „mit“, von dem Paulus redet: „Mit-glieder“ am Leib Christi, der Gemeinde, Miterben der herrlichen Zukunft, wenn Gottes Reich sich durchsetzt, Mitgenossen der Zusagen und Verheißungen, die Jesus seinem großen Volk gibt. Vielleicht haben wir uns so daran gewöhnt, dass wir nicht mehr viel Aufhebens davon machen: Klar, wir gehören dazu!

Paulus sagt: Keineswegs normal – vielmehr: ein Geheimnis. Ein lange vorbereiteter und mit Sorgfalt umgesetzter Masterplan. Denn normal ist Trennung und Unterscheidung. Normal ist: die einen sind drinnen, die anderen sind draußen. Normal ist: hier ist heiliger Raum, dort ist profane Welt, und die Grenze darf nicht jeder überschreiten. Normal ist: das ist das erwählte Volk Gottes, das sind die Heiden, und sie gehören nicht zum Volk und zwischen dem erwählten Volk und den Heiden ist eine hohe, hohe Mauer. Das ist normal.

Der Tempel in Jerusalem steht genau für diese große Unterscheidung. Da gibt es den heiligen Tempelbezirk, und die Vorhöfe, und bis dahin dürfen die Heiden, aber keinen Schritt weiter. Und dann gibt es den Vorhof der Frauen, und bis dahin dürfen die Frauen, aber keinen Schritt weiter. Und dann gibt es das Heilige, und bis dahin dürfen die Priester. Und dann gibt es das Allerheiligste, und dahin darf niemand, da ist der große Vorhang, der trennt den innersten Bezirk Gottes von der restlichen Welt, und nur der Hohepriester darf einmal im Jahr dieses Allerheiligste betreten.

Wir kennen solche heiligen Vorhänge auch: Ich darf manchmal weite Reisen machen, z.B. nach Südafrika, aber natürlich Touristenklasse. Und wenn man dann das Flugzeug betritt, wird man in die richtige Klasse geschoben. Und ich versuche dann immer mal einen Blick in die erste Klasse zu tun, aber da trennt ein Vorhang das Allerheiligste vom Profanen ab, und da steht ein Cherub vor der Tür. Und dann bekommen die im Allerheiligsten köstliche Mahlzeiten und feine Getränke und dürfen sich ausstrecken und ihnen werden duftende Tücher übergeben, mit denen sie sich erfrischen können. Und sie können ihren Film auswählen, und wenn sie schlafen möchten, werden ihnen neue, gemütliche Decken gebracht und ihre breiten Sessel verwandeln sich in Liegen. Wir hingegen werden in engen Gängen zusammengepfercht, müssen im Schweiß baden, in Folie verpacktes Essen mampfen, mit schmerzendem Rücken neben schwitzenden Schnarchern um etwas Ruhe kämpfen und Filme mit Meg Ryan oder Hugh Grant ertragen. Und es führt kein Weg von hier nach dort. Der Vorhang trennt das Heiligste vom Profanen.

Aber jetzt kommt Gottes Masterplan: Er hat sich das von Ewigkeit her schon überlegt. Was er tut, ist keine spontane Sinnesänderung. Das ist das große Geheimnis: Er will auch die Heiden. Wer draußen ist, soll rein kommen. Wer nicht zum erwählten Gottesvolk gehörte, wird jetzt nachnominiert. Wer sich weit weg fühlte vom lebendigen Gott, soll kommen. „Zugang und Freimut“ nennt Paulus das: Zugang zu Gott, Zuversicht, von ihm geliebt und getragen zu sein. Zugang und Freimut. Auch für die Heiden. Auch für uns, die wir zunächst draußen und nicht drinnen waren. Das ist das Geheimnis. So war es gedacht, von Anfang an. Und Jesus hat dafür alles Nötige getan und erlitten, als die Zeit reif dafür war.

Das bedeutet: Gezielter Geheimnisverrat ist angesagt: Grenzen überwinden, Heiden einladen, Geheimnisse Gottes ausplaudern, Menschen zu Mitgliedern des Leibes, Miterben der Zukunft Gottes und Mitgenossen der Zusagen Gottes machen. Erntedank für Paulus: Jeder Heide, dem das Geheimnis verraten wurde. Jeder Heide, der zum Volk des Jesus hinzukommt. Das ist Erntedank, und deswegen ist vielerorts Erntedank auch Missionsfest.

Ich will es noch etwas zuspitzen.

Erste Zuspitzung: Wir hören immer häufiger: Wir können doch nicht so tun, als wüssten wir etwas, was die anderen nicht wissen. Als brächten wir ihnen die Wahrheit, die wir haben und sie nicht. Vor einer Woche bei der Zukunftswerkstatt der Evangelischen Kirche hatte ich einen Wortwechsel mit einer Professorin: „Meinen Sie denn, wir wüssten, was das Evangelium für einen anderen Menschen ist?“ Für sie war klar: Nein, das können wir nicht wissen. Doch, sage ich, doch: Wir wissen es. Es ist Jesus. Und wir kennen dieses Geheimnis für andere Menschen. Du bist zwar ein rechter Heide, aber Gott hat die Tore weit aufgestoßen, damit du hinzukommst, Mitglied, Miterbe, Mitgenosse sollst du sein. Klar, wir zeigen dabei nicht auf uns. Wir sind Geheimnisverräter, und Geheimnisverräter weisen von sich weg. Wegweiser, denn von sich weg weisen wir, Wegweiser, denn wir weisen auf den Weg, der uns gewiesen ist, aber den kennen wir: Jesus, Jesus für die Heiden. Lasst uns bloß nicht uns anstecken mit diesem Virus, der nicht wahrhaben will, dass uns der geheime Ratschluss Gottes, das ewige Geheimnis, der göttliche Masterplan tatsächlich offenbart wurde – aber doch nicht, um uns arrogant und hochnäsig zu machen, sondern um uns zu Dienern und Geheimnisverrätern zu machen.

Zweite Zuspitzung: Nicht müde werden! Wozu gibt es GreifBar, jetzt nach fast genau 7 Jahren? Wozu machen wir das eigentlich? Weil wir von Gott ein Geheimnis anvertraut bekamen. Negativ formuliert: nicht damit wir uns hier drinnen wohl fühlen und es uns gut geht. Nicht damit wir hier drinnen sind und die Heiden da draußen. Wir sind ein ganz kleines Stückchen von Gottes ewigem Masterplan. Als er sich GreifBar ausdachte, dachte er daran: Jesus für die Kinder im Plattenbau. Jesus für die Neu-Heiden an der Universität.  Jesus für die aus dem Osten und die aus dem Westen. Jesus für die Konfessionslosen an meinem Arbeitsplatz. Jesus für die, die in keine Kirche gehen. Jesus für den, der mit dem Leben nicht klarkommt. Jesus für den, der mit dem Leben prima klarkommt. Jesus für den Nachbarn, der jeden Sonntag im Garten werkelt. Jesus für den Nachbarn, hinter dessen Tür es so still ist.

Wer ist heute ein Heide? Ein Heide ist ein Mensch, der von sich sagt: ich gehöre nicht dazu, nicht zu Gott und nicht zu Euch. Und: Ein Heide ist ein Mensch, von dem die fromme Welt sagt: Der gehört nicht dazu, nicht zu Gott und nicht zu uns. Ein Heide ist ein Heide, weil dieser Konsens entsteht: Der ist keiner von uns. Ich bin keiner von denen. Ein Heide schließt sich aus und wird ausgeschlossen. Ein Heide kann sich nicht vorstellen, mit uns Jesus zu loben. Und wir können uns nicht vorstellen, dass er mit uns Jesus lobt. Aber wollt Ihr ein Geheimnis wissen: Gottes Masterplan wirft alle Vorstellungen über den Haufen. Gott kann es sich nicht nur vorstellen, er will es mit jeder Faser seines Herzens: Heiden, die sagen: Ich gehöre jetzt auch zu Gott und zu Euch. Und Gemeinden, die sagen: Wir müssen alles tun, um Heiden gegenüber das große Geheimnis auszuplaudern. Du, ich muss dir ein Geheimnis verraten: Du bist weit mehr, als du ahnst. Du bist ein Wunschkind Gottes. Du bist geliebt, begabt, gesucht. Mitglied, Miterbe, Mitgenosse sollst du sein!

Und was sagt Jesus uns, GreifBar? Er sagt: meine Gemeinde – Geheimnisträgerin, Dienerin, Zeugin, Botin, Missionarin. Ihr seid meine Geheimnisträger für meine geliebten Greifswalder Heiden. Keine Vorhänge! Keine heiligen Räume! Kein drinnen und draußen. Senkt die Schwellen. Bringt ihnen das Geheimnis. Lasst Euch etwas einfallen. Überwindet die Angst und ladet Menschen ein, zum Glaubenskurs, zum GreifBar, zu Euch nach Hause. Sagt Leuten: „Du, ich muss dir ein Geheimnis verraten!“ Macht Aktionen zum 9. November auf dem Markt. Verschenkt Weihnachtsbäume in der Adventszeit. Singt Lieder. Tut Menschen solange Gutes, bis sie euch fragen, was eigentlich los ist. Geht Menschen nach und hört auf ihre Nöte. Setzt Menschen ein, deren Gaben brach liegen. Nur keine Vorhänge! Nur keine unnötigen Hindernisse. Nur kein Schweigen, wenn es um Jesus geht, und darum, wie ein Heide Anschluss an ihn findet.

Erntedank bei uns? Das hieße: wir haben so viele Gründe, Gott zu danken. Uns hat er durch seine Boten das Geheimnis seines Masterplans wissen lassen. Und er hat uns zu Boten gemacht, die sein Geheimnis ausplaudern sollen. Und jeder neue Heide, der zu uns alten Heiden hinzu stößt, ist ein Erntedankfest wert. Und jedes Erntedankfest ist auch ein Missionsfest, das uns an unsere Mission erinnert. Lasst uns das zum Schluss noch einmal gemeinsam sprechen, was Gott uns für Greifswald aufgetragen und anvertraut hat:

„Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht! Denn ich bin mit dir, und niemand soll sich unterstehen, dir zu schaden; denn ich habe ein großes Volk in dieser Stadt.“

Und Gottes Volk stimmt ein und ruft: AMEN.

 


 Eduard Ellwein (Hg.): D. Martin Luthers Epistel-Auslegung, 3. Band – Die Briefe an die Epheser, Philipper und Kolosser. Göttingen 1973, 13-18, hier: 14.

 Johannes 19,10+11.

 M. Luther, a.a.O.

 Apg 18,9f.