Greifbar

GreifBar plus am 11.10.2009

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                   Kraft, Liebe, Christus – wofür die Kirche betet


 

    Der Apostel bittet für die Gemeinde:

    14 Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, 15 der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, 16 dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, 17 dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid. 18 So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, 19 auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle. 20 Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, 21 dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.(Epheser 3, 14 – 21) 


Liebe Gemeinde, die Kirche betet dafür, dass ihre Glieder stark werden an Lebenskraft, weiter in der Liebe und gewisser in der Christuserkenntnis. Gott will uns stärken auf dem Weg durch die Zeit in die Ewigkeit. Dabei wartet er auf unser Gebet. Viele Gemeinden, gerade missionarisch geprägte, haben ein Problem. Sie wissen, wie wichtig eine Umkehr zu Gott ist. Sie nehmen wahr, wie wenig davon in Kirche und Gesellschaft geredet wird. Das verführt sie dazu, beinahe ihre ganze Verkündigung allein auf dieses Thema zu beschränken: Wie Menschen zum Glauben kommen und wie sie Christ werden. Aber natürlich geht diese Sicht der Lebenswende – wenn auch vielleicht nur indirekt – von einer verkehrten Sicht des Lebens aus. Eine Lebenswende ist kein Lebensende. Mit dem Christwerden ist das Leben ja nicht aus und zu Ende. Eine Bekehrung bedeutet keinen Punkt, sondern einen Doppelpunkt. Jetzt geht das richtige Leben erst los! Weil derjenige, der glaubt, aber weiß, dass er sein Leben nicht mehr selber in der Hand hat, sondern auf die Führung eines anderen angewiesen ist, deswegen ist das Leben eines Menschen mit Gott begleitet von dem Gebet: „Gott, mach etwas aus meinem Leben.“ Der Verfasser des Epheserbriefes betet nicht für sich, sondern für die gesamte Gemeinde. Er betet für die, die zum Glauben bekommen sind und ihr Leben mit Gott führen wollen. Er sagt: „Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater.“ Kniend zu beten ist eine sinnenfällige Gebetshaltung. Sie bringt zum Ausdruck, wem die Ehre gebührt und wer die Autorität ist. Mit meiner Körperhaltung drücke ich dann aus, wer in meinem Leben das Sagen hat. Vielleicht wäre es gut, wenn wir auch in der heutigen Zeit, wo wir nicht mehr vor Kaisern und Königen oder anderen menschlichen Autoritäten bereit sind zu knien, mit dieser Demutsgebärde zum Ausdruck bringen, wem allein die Ehre gebührt. An der richtigen Stelle zu knien, hilft aufrecht zu gehen. Nicht umsonst gibt es das Wort: „Wer vor Gott kniet, kann vor Menschen aufrecht steht!“ Gott ist der allein richtige Adressat unserer Sehnsucht nach Geborgenheit und unseres Verlangens nach Gerechtigkeit. Wie glücklich sind wir, dass wir Gott – nach der Erlaubnis Jesu – als unseren Vater anreden dürfen. Er sorgt für uns, er weiß um unsere Bedürfnisse, er sieht voraus, was für uns gut ist. Deswegen beten wir: „Vater unser…“. Wie glücklich sind wir aber auch, dass nicht eine menschliche Vaterschaft das Vorbild ist für die Gottesbeziehung, sondern Gottes Fürsorge für seine Kinder Beispiel gibt, wie menschliche Väter sein sollen. Manch ein Mädchen, manch ein Junge hat von seinem menschlichen Vater diese Geborgenheit und Zärtlichkeit erwartet, wurde aber enttäuscht. Jahrzehnte- und jahrhunderte lang wurde es vertuscht, aber wir wissen heute um Gewalt in den Familien und um die Überforderung menschlicher Väter. Allein Gott ist der „rechte Vater über alles, was das Kinder heißt im Himmel und auf Erden“. Nur mit diesem Wissen kann auch das verratene Kind beten: „Vater unser…“. Drei Bitten hat der Apostel für die Glieder der Gemeinde, für uns. Wir sollen stark werden durch Christus (1), wir sollen die Weite der Liebe Christi erfahren (2) und uns von der Fülle Gottes erfüllen lassen (3). Stark durch Christus Die erste Bitte des Apostels ist die Bitte um Kraft. Wir, die wir das Gefühl kennen, „auf dem Zahnfleisch zu gehen“, die von einem Burn-out bedroht sind und die manches Mal das Gefühl haben, uns fehle die Kraft, den nächsten Tag zu durchstehen, wir brauchen die Kraft, die Gott schenken kann. Gott hat diese ewige, unverbrauchte Energie. Er kann uns geben „nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit“ (V. 16). Wer Kraft braucht, ist bei Gott an der richtigen Stelle. Gott ist ein geistliches perpetuum mobile. Entscheidend ist, wo Gott mit seiner Stärkung ansetzt. Der Ansatzpunkt der Stärkung Gottes ist der „inwendige Mensch““. Das ist für uns Heutige wahrscheinlich gar nicht so einfach zu verstehen. Wir lassen uns ja betören von dem äußeren Eindruck. Das schicke Äußere entscheidet vielfach über den Erfolg eines Menschen. Wer erfolgreich sein will, der muss mindestens den Eindruck erwecken, jung, schön und voller Lebensfreude zu sein. Sonnenstudiobräune und Styling erheischen Aufmerksamkeit. Der inwendige Mensch ist aus der Mode gekommen. Häufig merken wir zu spät, dass der Blickfang vor uns innerlich hohl, gedanklich flach und ohne emotionalen Tiefgang ist. Schönheit ist nicht nur eine Frage des Äußeren. Sie drückt sich auch aus in der Fähigkeit zur Anteilnahme und zum Verständnis. Es gibt auch emotionale und geistige Schönheit. Deswegen schätzt die Bibel den „inwendigen Menschen“ hoch ein. Wie wird man aber nun innerlich schön? – Durch die Verbindung zu Jesus Christus. Das ist heute überhaupt nichts Selbstverständliches mehr, auch nicht in der Kirche, auch nicht in Lobpreis singenden Gemeinden. Stattdessen ist ein Glaube an ein höheres Wesen, an Gott wieder „in“. Die heute weit verbreitete Frömmigkeit ist eine Frömmigkeit des ersten Glaubensartikels. Sie geht davon aus, dass Gott unser Schöpfer ist und er von daher eine Beziehung zu allen Menschen als seinen Geschöpfen hat. Sie kann sich Gott gar nicht anders als einen liebenden Gott vorstellen. Es gibt heute viele Lieder, die Gott als mein Gegenüber und als das Ziel meiner Sehnsucht preisen, ohne den in Jesus Christus Mensch gewordenen, gekreuzigten und auferstandenen Christus zu meinen. Solch ein Glaube steht vor großen Problemen, wenn dann das eigene Leben, so, wie man es sich vorgestellt hat, scheitert. Ein Gottglaube ohne eine Beziehung zu Jesus Christus wird immer die Frage stellen, warum Gott denn dieses oder jenes zulasse. Ohne eine lebendige Christusbeziehung sind die Verluste in den Beziehungen und das Zerbrechen des Lebens nicht auszuhalten. Die Mitte aber des christlichen Glaubens sind das Leiden und das Sterben Jesu Christi am Kreuz. Indem ich höre von dem Weg Christi – und ich weiß ja, dass in ihm Gott selber auf dem Plan ist – nehme ich wahr, wie Christus selbst mit Verlust und Scheitern, Zerbrechen und Verzweiflung leben musste. Martin Luther lehrte, dass in der Zeit des Erdenlebens Christi die göttliche Seite in ihm in einen Austausch getreten ist mit der menschlichen Seite in ihm. Etwas schlichter könnte ich sagen: Gott hat die Verlust- und Leidenserfahrung eines menschlichen Lebens an seinem eigenen Leibe aushalten müssen. Ziel und Höhepunkt der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus ist deswegen sein Sterben am Kreuz. Wenn ich Christ werde, wenn ich getauft werde, dann verschmilzt mein Leben mit dem Leben und dem Tod Jesu Christi. Das ist die spezifische Art christlicher Identität. Nicht indem ich versuche, mich zu finden, komme ich zur mir selbst, sondern indem Christus mich findet, finde ich meine Identität. Taufe bedeutet: Christus nimmt Wohnung in mir. Dass Christus nun auch in unseren Herzen wohne durch den Glauben und mit dem Glauben auch der Glaubende in der Liebe eingewurzelt und gegründet sei, ist die Bitte des Apostels. Die Liebe Christi schenkt Weite Der Apostel schließt eine Bitte an, die sich nach einer himmlischen, vierdimensionalen Geometrie anhört. „So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist.“ (V18). Aber es geht hier nicht um ein mystisches Verständnis des Kosmos oder eine spekulative Sicht auf die neue Welt Gottes mit dem himmlischen Jerusalem, sondern es geht um die Öffnung einer allumfassenden Schau auf das Leben, das Christus schenkt. Wer mit Christus lebt, der erlebt diese Welt nicht nur dreidimensional nach Breite, Länge und Höhe, sondern er lebt in einer Tiefendimension. Die Tiefe der Liebe Christi setzt am inwendigen Menschen an. Am inwendigen Menschen eröffnet sich uns noch einmal eine neue Welt, einer Welt nach Innen. Mit Christus nehmen wir an seinem Leben teil. Christus ist überall und mit allen Menschen. Wer in der Liebe Christi eingewurzelt ist, nimmt Anteil an Christi Leben mit allen Menschen. Wir weinen mit den Weinenden. Wir klagen mit den Klagenden. Wir freuen uns mit den Freuenden. Wir genießen mit den Genießenden. Nicht umsonst sagt der Apostel Paulus einmal, er sei allen alles geworden. Die Gestalt Christi ist vielfältiger, als unsere enge christliche Phantasie sich das träumen lässt. Wenn wir uns von der Liebe Christi treiben lassen, dann entdecken wir diese Weite. Wir werden ratlos und verzweifelt mit den Milchbauern, die nur 20 Cent für den Liter Milch bekommen, den sie produziert haben, obwohl er ihnen 34 Cent gekostet hat. Wir leiden mit den Menschen, die vom gegenwärtig sich wandelnden Klima und seinen Folgen am meisten betroffen sind. Es macht uns bereit, mit all unseren Kräften zu versuchen, dem Klimawandel zu begrenzen und die ersten Klimaflüchtlinge bei uns aufzunehmen. Wir wissen, Christus würde sich freuen, wenn in ganz Vorpommern für ein Jahr in allen christlichen Gemeinden einmal ein echtes und wirkliches Bemühen um Mission angesagt wäre. Wenn es den Christen gelingen würde, im Laufe eines Jahres einmal jedes Haus und jede Familie und jede Person zu besuchen und sagen würde: „Wissen Sie eigentlich, dass Sie Gott unendlich wertvoll sind? Wissen Sie eigentlich, dass Christus Sie persönlich kennt und Sie liebt? Wissen Sie eigentlich, dass Gott seine Menschen so wertvoll sind, dass Christus für Sie gestorben ist?“ Und wir würden sie fragen, ob sie eine Bibel im Haus haben oder ob wir ihnen vielleicht eine schenken dürften und dass wir gerne bereit sind, mit ihnen unser Leben zu teilen, wenn sie dies möchten. Da werden wir auf Umweltaktivisten treffen, wie auf die, die immer noch der alten Zeit nachhängen und mit der Gegenwart unzufrieden sind. Wir werden auf den treffen, der immer noch von der friedlichen Revolution 1989 träumt, aber auch der Familie begegnen, die das Hakenkreuz auf dem Mutterkreuz neben die Taufkerze gestellt hat. Wir werden die Sportlichen und die korpulenten Unsportlichen treffen. Bei allen werden wir feststellen, weil sie Geschöpfe Gottes sind, liegt in ihnen und in ihrem Leben etwas, das wir lieben können. Wir werden manches, was uns abhält und abstößt überwinden müssen, weil wir uns ihnen nähern dürfen als die, die von Jesus Christus geliebt werden. Darum betet der Apostel, dass auch wir „die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft“ (V. 10). Wir können nur den Menschen glaubhaft von Christus erzählen, die wir auch lieben. Wenn Jesus sogar den Zöllner und die Hure lieben konnte, werden wir uns für keinen Menschen hier in Vorpommern zu schade sein. Von der Fülle Gottes erfüllt Das Gebet des Apostels hört nicht bei der Bitte um das Starkwerden durch Christus und das Einwohnen der Liebe Gottes in uns auf, sondern zielt auf einen übergroßen Zweck: „Damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.“ (V. 19). Es gibt im Christenleben ein Wachsen, Zunehmen und Fortschreiten, dessen Ziel wir aber nicht aus unseren Kräften erreichen können, sondern nur, wenn Gott es uns schenkt. Gott will uns in unserem Leben mehr und mehr erobern. Wer mit Gott lebt und um die Ineinflussnahme Gottes auf unser Leben bittet, macht die Erfahrung, dass Gott uns immer mehr ausfüllt mit seiner heiligen Gegenwart. Auch, wenn wir den Eindruck haben, immer nur Anfänger zu sein, so lässt er uns doch wachsen und zu einem Ziel kommen. Dieses Ziel beschreibt der Apostel in einer abenteuerlich anmutenden Formulierung, „dass wir erfüllt werden mit der ganzen Gottesfülle“. Wenn wir Christ werden, beherbergen wir ein Stückchen von Gott in uns. Wenn wir im Glauben wachsen, ist das Ziel, „den ganzen Gott in uns zu beherbergen“. Vielleicht merken wir den Fortschritt im Glauben und im Vertrauen auf Gott alleine gar nicht. Wir können uns aber prüfend selbst fragen, ob es einen Unterschied in unserem Glauben gibt, so wie wir vor zwanzig Jahren geglaubt haben, als wir Christen geworden sind, und wie wir heute glauben. Wenn unser Glaube nicht tot ist, dann wächst er. Dann werden wir auch zunehmen in der Erkenntnis des Glaubens und Fortschritte machen in unserer Fähigkeit zu lieben. Gibt es in unserem Leben Menschen, die wir nicht lieben können? Gibt es Menschen, die wir aufgegeben haben und denen wir aus dem Weg gehen? Dann hat Gott noch einen weiteren Weg mit uns vor. Gottes Möglichkeit mit uns sind größer. Er hat mit uns mehr vor, als wir sogar von ihm erbitten. Gottes Möglichkeiten sind größer als das, was wir von ihm verstehen. Und es ist gut, dass die Kraft Gottes, die uns wirkt, nicht abhängig ist von dem Kleinglauben unseres Gebetes und von dem Fassungsvermögen unseres Verstehens. Gott kann an uns viel über das hinaus tun, „was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt“ (V. 20). Gottes Kraft ist unermesslich. Deswegen können wir nur vor ihm stehen und staunen und sagen: „Herr, es ist unglaublich, was du zu wirken in der Lage bist, hab Dank, dass du uns immer wieder beschämst in unserem Kleinmut und dass du unser Herz weitest auf dich und deine Menschen hin.“ Gottes Möglichkeiten sind unerschöpflich. Wir können, dürfen und sollen „erfüllt werden mit der ganzen Gottesfülle“. Wir handeln Gott zu klein. Wir sind mit jemandem fertig und tun so, als seien Gottes Wege mit ihm schon zu ihrem Ende gekommen. Wir sind von uns selbst enttäuscht und haben es aufgegeben, dass wir uns in dieser oder jener Beziehung noch verändern. Aber Gott kann! Er kommt mit niemandem, auch mit uns selber nicht an ein Ende. Wir sollen „erfüllt werden mit der ganzen Gottesfülle“. Dieser Gedanke ist unglaublich. Der ewige, allmächtige Gott in uns, in unserem Leben? Wenn wir Gott bitten, etwas aus unserem Leben zu machen, dann dürfen wir ihn nicht einschränken. Wir erwarten von ihm nicht die Wiederholung des ewig Gleichen, sondern Stärkung durch die Kraft Christi, die Erweiterung unseres Horizontes durch seine Liebe und Erfüllung unseres Lebens mit Gottes Fülle. Ja, wir erwarten Ungeheuerliches! „Deswegen sei Gott Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ (V. 21).

 


 G. Voigt, Das heilige Volk. Homiletische Auslegung der Predigttexte. Neue Folge: Reihe II, Göttingen 1979, 264.