Greifbar

GreifBar plus am 18.10.2009

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                  Gemeinden - einig und doch völlig verschieden


     So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, 2 in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe 3 und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: 4 "ein" Leib und "ein" Geist, wie ihr auch berufen seid zu "einer" Hoffnung eurer Berufung; 5 "ein" Herr, "ein" Glaube, "eine" Taufe; 6 "ein" Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen. 7 Einem jeden aber von uns ist die Gnade gegeben nach dem Maß der Gabe Christi. 8 Darum heißt es (Psalm 68,19): »Er ist aufgefahren zur Höhe und hat Gefangene mit sich geführt1 und hat den Menschen Gaben gegeben.« 9 Dass er aber aufgefahren ist, was heißt das anderes, als dass er auch hinabgefahren ist in die Tiefen der Erde? 10 Der hinabgefahren ist, das ist derselbe, der aufgefahren ist über alle Himmel, damit er alles erfülle. 11 Und er hat einige als Apostel eingesetzt, einige als Propheten, einige als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer, 12 damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes. Dadurch soll der Leib Christi erbaut werden, 13 bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi, 14 damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch trügerisches Spiel der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen. 15 Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus, 16 von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am andern hängt durch alle Gelenke, wodurch jedes Glied das andere unterstützt nach dem Maß seiner Kraft und macht, dass der Leib wächst und sich selbst aufbaut in der Liebe. (Eph 4,1-16)


Mir geht es so wie den meisten von uns denke ich, ich habe auch erst vor kurzem davon gehört, dass Gabi gestorben ist und bin selber noch dabei diese Nachricht zu verdauen. Ich hab 's erst vor ein paar Stunden gehört und in der Zwischenzeit war nicht wirklich Gelegenheit irgendetwas grundlegend  zu verändern an der Predigt, die ich für heute Nachmittag vorbereitet habe, deswegen halte ich mich an das was Raik vorhin gesagt hat: wir feiern Gottesdienst heute, Gemeindegottesdienst so wie es Gabi so wichtig war. Es wird noch eine eigene Trauerfeier geben, in der wir Raum und Zeit haben, unser Trauer Ausdruck zu verleihen und auch von unserer Hoffnung zu reden, die wir als Christen so haben. Deswegen halte ich die Predigt, die ich für heute Nachmittag  vorbereitet habe, die gehört in unsere Reihe zum Epheserbrief, sie wird kürzer und auch deutlich schlichter ausfallen als sie ursprünglich geplant worden ist, aber die Grundgedanken sind die gleichen. Nur eine Bemerkung möchte ich an den Anfang stellen, nämlich, soweit ich Gabi kannte, gab es kaum etwas, was ihr mehr am Herzen lag, als diese Gemeinde und deswegen ist es vielleicht auch gerade angemessen, dass wir heute über einen Text aus dem Epheserbrief nachdenken, indem es um das Potenzial der Gemeinde geht, darum geht wozu wir berufen sind, um die Einheit der Gemeinde um das was wir als Christen als Gemeindeglieder gemeinsam haben. Deswegen wollen wir darüber jetzt auch gemeinsam nachdenken.

 

 

Manche Menschen haben ja die Sorge, wenn sie sich dem christlichen Glauben anschließen, dann werden sie Teil eines großen Vereins, dessen Mitglieder alle merkwürdig gleichförmig sind. Sie glauben an das Gleiche, sie sehen vielleicht auch gleich aus, sie haben die gleichen Hobbys, die gleichen Beschäftigungen, vielleicht sogar den gleichen Kleidungsstil. Manche Menschen haben die Sorge: Wenn ich Christ werde, was wird dann aus meiner Eigenständigkeit, lösen sich dann nicht alle Unterschiede auf? 

 

Unser Predigttext aus Epheser 4 sagt: Das Gegenteil ist der Fall. Das Gegenteil ist der Fall, gerade weil wir als Christen so viel miteinander gemeinsam haben und so Zentrales miteinander gemeinsam haben, können wir uns Unterschiedlichkeiten und Buntheit leisten. Das, was wir miteinander gemeinsam haben ist immer viel wichtiger und viel zentraler, als all das Andere, was uns unterscheidet, und deswegen können wir uns ganz viel Buntheit leisten. Unterschiedliche Begabungen, wir sind unterschiedlich gestrickt, wir können uns mitunter sogar Spannungen leisten, wenn die Gemeinsamkeit klar ist.  

 

Drei Gedanken zu unserem Text: Erstens: Berufen zur Einheit – einander ertragen 

 

Vers 1 unseres Textes: Paulus schreibt: „So ermahne ich euch nun, ich der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid.“

 

Paulus schreibt als der Gefangene in dem Herrn. Er sitzt im Gefängnis für das, was er glaubt und was er verkündigt, und jemand, der so viel investiert für das was er glaubt, der kann es sich auch leisten zu ermahnen. Wenn jemand, der ein relativ bequemes Leben führt, sagt: „Ich ermahne euch, radikaler zu sein,“ verpufft das wahrscheinlich. Paulus dagegen gibt alles für das, was er glaubt, und deswegen hat er das Recht, zu anderen Menschen zu sagen: Bitte lebt auch so, lebt nicht unter euren geistlichen Möglichkeiten, lebt nicht geistlich auf Sparflamme. Ihr seid als Christen und als Gemeinde berufen zu etwas Großem. Das müssen wir uns als Teil einer Großkirche vielleicht auch selbstkritisch sagen lassen, dass manchmal  bei uns der Eindruck erweckt wird: ‚Naja, Christsein ist ja schön und gut, Glaube ist eine feine Sache, aber bitte übertreiben wir es doch nicht  damit. Bitte nicht zu leidenschaftlich, bitte nicht so, dass es zu sehr auffällt.’ Vielleicht haben wir diese Tendenz schon hin und wieder erlebt, in den großen institutionellen Kirchen, vielleicht auch bei uns selbst, dass wir sagen: ‚ Dabeisein ist ja eine feine Sache, aber zu nah an mich heran lassen möchte ich das nicht, das könnte anstrengend werden.’

Paulus sagt: „Ich ermahne auch, dass ihr der Berufung würdig lebt.“ Was meint er damit? Meint er, dass wir aufrecht gehen sollen? Meint er, dass wir gefällig gekleidet sein sollen, oder meint er, dass wir die erforderlichen theologischen Grundkenntnisse haben sollten? Nein, er meint etwas viel simpleres.

Vers 2 und Vers 3 „In aller Demut  und Sanftmut, in Geduld, ertragt einer den anderen in Liebe, und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens.“ Mit anderen Worten: Wenn man seiner Berufung würdig lebt, die man als Christ und als Gemeindeglied hat, dann zeigt sich das daran, wie wir uns untereinander in der Gemeinde verhalten. Daran zeigt es sich, ob wir unserer Berufung würdig leben – nicht ob wir würdig aussehen oder würdig einherschreiten, sondern es zeigt sich daran, wie wir miteinander in der Gemeinde umgehen, daran kann man es erkennen. Man sollte es nicht unterschätzen, was manchmal an kleinen Gesten hängt. Ich habe mal einen Vortrag gehalten in einer großen Stadt anderswo in Deutschland, da kam ich hinterher ins Gespräch mit einer jungen Frau, die vor kurzem in diese Stadt gezogen war, und ich fragte sie: „Und hast du schon eine Gemeinde gefunden hier in der Stadt?“ Ich wusste, dass sie gläubig war und sie sagte: „Ja, das hat allerdings eine Weile gedauert. Ich bin viele Wochen lang in eine Gemeinde gegangen, in der ich die einzige Person meiner Altersgruppe war, die anderen waren alle älter. Eines Sonntags tauchte dort eine andere junge Erwachsenen auf, und ich bin auf diese Frau zugegangen und habe gesagt: ‚Hallo, bist du neu hier? Ich bin auch noch nicht lange hier.‘ Und diese junge Frau sagte dann: ‚Das ist gut, dass du mich ansprichst, ich bin nämlich das erste Mal seit langer Zeit überhaupt  wieder in einer Gemeinde, und ich habe mir gesagt: Wenn mich keiner anspricht, komme ich nicht wieder.“ Glück gehabt... Das heißt nicht, dass wir wie wild jetzt auf alle zustürzen sollen, vielleicht wollen manche auch erst mal ihre Ruhe haben. Es zeigt nur: Manchmal hängt es an so kleinen Gesten.

Und deswegen sagt Paulus: „In aller Demut und Sanftmut, in Geduld sollen wir unsere Berufung würdig leben.“ Demut, Sanftmut und Geduld, und was er damit meint ist nichts Seichtes. Ich weiß nicht, was bei euch klingelt, wenn ihr die Worte Demut, Sanftmut, Geduld hört. Ich glaube nicht, dass damit etwas Seichtes gemeint ist, so als ob man ständig sagen müsste: ‚Du ich find das irgendwie gar nicht gut, was du da machst.’ Wenn in der Bibel von Demut, Sanftmut und Geduld gemeint ist, dann ist etwas sehr robustes gemeint. Es heißt ja weiter im Vers 2: „Ertragt einer den anderen in Liebe.“ Das heißt: Es geht nicht um Sympathie. In der Gemeinde können einem viele Menschen sympathisch sein. Manche sind einem nicht sympathisch, das ist statistisch unterschiedlich verteilt. Sympathie oder mangelnde Sympathie kann man nicht beschließen, sie ist da oder sie ist nicht da. Sie hängt manchmal an Dingen, die man überhaupt nicht kontrollieren kann. Es kann also sein, dass einem einzelne Menschen gar nicht so sympathisch sind, es kann sogar sein, dass es auch Spannungen gibt, nicht zufällig schreibt Paulus: „Ertragt einer den anderen in Liebe“, manchmal muss man andere ertragen. Wenn das so einfach wäre, stünde da nichts von „ertragen“. Manchmal gibt es also Spannungen, nur wenn wir das wörtlich nehmen: „Ertragt einer den anderen in Liebe“, dann heißt das: Bei Jesus ist niemand unerträglich.

Für Jesus ist niemand unerträglich. Die Frau eines guten Freundes von mir arbeitet als Lehrerin an einer Schule im Südwesten Deutschlands, und wir haben uns mal in größerer Runde darüber unterhalten, woran man eigentlich Unterschiede erkennt zwischen Leuten, die versuchen nach den Maßstäben von Jesus zu leben und anderen, die es nicht versuchen, und sie sagte: „Manchmal sind die Unterschiede nicht so groß, das muss man fairerweise sagen. Aber eins habe ich festgestellt, was meine Lehrer, Kollegen und Kolleginnen manchmal sagen, was ich als Christin nie sagen könnte, vielleicht würde es mir raus rutschen, aber ich weiß, eigentlich kann ich es nicht sagen. Sie sagen nämlich manchmal über irgendeinen Menschen mit dem sie nicht können: ‚Ach, ich hasse den einfach, der ist für mich gestorben, fertig aus’.“ Und sie sagt: „Das kann ich nicht sagen. Ich habe Schwierigkeiten mit Menschen, ich habe manchmal Spannungen, aber ich habe nicht das Recht zu sagen: ‚Der ist für mich gestorben.’“ Für Jesus ist niemand unerträglich.

Wie geht das, einander in Liebe ertragen, miteinander klarkommen, auch wenn es nicht immer automatisch geht? Und das sage ich in dem Bewusstsein, dass wir uns größtenteils sowieso sehr sympathisch sind. Aber wie geht das, wenn es mal nicht so einfach ist, wie geht das? Ich glaube, es geht auf Dauer nicht aus eigener Kraft, nicht dadurch, dass man sich am Riemen reißt und immer versucht, ein bisschen angestrengt zu lächeln, sondern man braucht für dieses Ertragen in Liebe eine festere Grundlage. Deswegen mein zweiter Gedanke.

Zweitens Ein Leib ein Herr – mehr "eins" als „verschieden“

Es gibt ja eine ganze Reihe von Fragen, nach dem Schema: Was haben X und Y gemeinsam? „as haben ein Apfel und eine Birne gemeinsam? Usw. Viele von diesen Fragen und Witzen, die damit zusammenhängen sind ein bisschen geschmacklos, manche sind auch ganz nett, ich verzichte auf Beispiele. Wenn man nun die Frage stellte: Was haben ein Christ und ein Christ gemeinsam? Dann würde man wahrscheinlich antworten müssen: Eventuell haben sie weniger miteinander gemeinsam, als viele denken. Ein Christ und ein Christ können, von außen gesehen, ganz wenig miteinander gemeinsam haben, das liegt nämlich daran, dass es Christen gibt in Greifswald und in Christen in Kuala Lumpur, Christen in Paramaribo und Christen in Uelzen, Christen in Rostock  und Christen in Nairobi. Es gibt Christen die hören laute E-Gitarren Musik und Christen, die hören lieber Harfenmusik. Es gibt  Christen, die können lesen und schreiben, und Christen, die das nicht können, und so weiter und so weiter. Wenn man alle Christen auf dieser Welt versammelte, hätte man eine riesige Menge von ganz unterschiedlichen Charakteren und Menschen vor Augen.

Zugleich haben alle diese Menschen viel mehr miteinander gemeinsam als es den Anschein hat. 

Vers 4-6: Da schreibt Paulus: „Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe und ein Gott und Vater aller, der da ist über Allen und durch alle und in Allen.“ Zwei von diesen Begriffen greife ich mal heraus.

Paulus sagt: „Ein Leib,“ das heißt: Wir sind als Christen und auch als Gemeinde nicht einfach ein Verein. Wir sind auch bei GreifBar hoffentlich keine Vereinsmeier. Wir sind nicht ein Verein, sondern wir sind ein Organismus. Eine christliche Gemeinde ist ein Organismus, der vom lebendigen Jesus ins Leben gerufen worden ist. Und Jesus, der wirklich da ist, hält diesen Organismus am Leben.  Ein Herr, das heißt: Wir haben als Christen nicht nur in zentralen Punkten eventuell die gleiche Meinung, das wäre eine ideologische Gemeinschaft. Es geht gar nicht in erster Linie um die gleichen Meinungen, sondern es geht in erster Linie darum, dass wir den gleichen Herrn haben. Das wir alle Kontakt haben mit diesem Jesus, von dem wir glauben, dass er wirklich jetzt hier ist, näher als die Luft, die uns umgibt. Und von dem wir glauben, dieser Jesus versteht mich, wenn ich ihm meine innersten Gedanken und Fragen und Nöte zeige, und er versteht dich, wenn du ihm deine innersten Fragen und Gedanken und Nöte zeigst. Er versteht uns besser, als wir selbst uns verstehen und auch als wir einander verstehen.

Es ist der gleiche Herr für alle und deswegen habe ich mehr gemeinsam, mit dem Mitglied einer brasilianischen Pfingstgemeinde, die sich vielleicht in einem Wellblechschuppen trifft, als ich gemeinsam habe mit dem wissenschaftlichen Mitarbeiter einer Universität aus dem Rheinland, der genauso wie ich ganz bestimmte amerikanische Romane gerne liest und genauso wie ich zu einem der letzten getreuen SPD-Wähler geworden ist. Ich habe trotzdem mehr gemeinsam mit dem ersten, wenn er an Jesus glaubt, als mit dem zweiten, wenn er nicht an Jesus glaubt. Was uns verbindet, ist größer als das, was uns unterscheidet. Und das gilt auch für uns hier in dieser Gemeinde: Was mich, was dich mit anderen in dieser Gemeinde verbindet, ist größer und wichtiger und tiefer als alles, was dich von anderen unterscheidet. Merken wir uns das, das nächste Mal, wenn wir mit irgendjemandem Schwierigkeiten haben, dann brauchen wir nicht schönzureden, was es an Schwierigkeiten gibt. Aber wir können uns klarmachen: Moment, Moment, bei allem, was es schwer macht – was mich mit dem Anderen verbindet, ist größer und tiefer und wichtiger als alles, was uns unterscheidet.

Merken wir uns das und überprüfen wir, fragen wir uns mal selbst: Wovon werden wir als Gemeinde eigentlich wirklich zusammen gehalten? Werden wir nicht eigentlich doch ziemlich stark zusammen gehalten von unserer unzweifelhaften wechselseitigen Sympathie oder von unserem gemeinsamen Humor oder von einer ganz bestimmten GreifBar-Kultur? Das ist auch alles nicht schlimm, das ist immer so, wenn sich eine Gruppe von Menschen trifft, dann entwickeln sich diese Dinge. Der Punkt ist nur, solange der eigentliche Grund klar ist, ist das nicht schlimm. Solange das eigentliche, was uns verbindet klar ist, kann es auch andere Gemeinsamkeiten geben und dann sind sie gut und schön. Wovon werden wir eigentlich zusammen gehalten? Der eigentliche Grund ist, dass wir diesen einen Herrn haben: Jesus, der der gleiche ist für Milliarden von Menschen auf der ganzen Welt. 

Drittens: Verschieden, begabt, einander erbauen

Ich weiß nicht welche Gedanken ihr habt, wenn ihr das Wort “erbauen“ hört. Vielleicht seht ihr Poster vor euch von einem Sonnenuntergang, auf dem Bibelsprüche abgedruckt sind oder vielleicht glaubt ihr, dass man, um einander erbauen zu können, einen schwäbischen Akzent braucht. Ursprünglich ist das, was in der Bibel mit erbauen gemeint ist, ganz handfest. 

Vers 7: „Einem jeden aber von uns ist die Gnade gegeben, nach dem Maß der Gabe Christi.“ Mit anderen Worten: Jeder bekommt etwas. Und wenn es heißt: Nach dem Maß der Gnade Christi, dann heißt das, es ist für jeden mehr als genug da, das Maß der Gnade Christi ist nämlich ein unerschöpfliches Geschenk. Es ist für jeden mehr als genug da. Was genau ist jetzt gemeint, was ist das, was wir bekommen haben?

Vers 11 und Vers 12: „Und er (Christus) hat einige als Apostel eingesetzt, einige als Propheten, einige als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer, damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes, dadurch soll der Leib Christi erbaut werden.“ Darum geht's. Jesus verteilt Geschenke, er verteilt Gaben und Begabungen, und er verteilt sie dazu, dass wir sie in der Gemeinde einsetzen, zum Nutzen aller. Das ist gemeint mit erbauen. Wir bekommen etwas, wir bekommen Begabungen, Dinge, die so kein anderer hat. Wir können ganz bestimmte Dinge, die so kein anderer kann. Vielleicht merken wir das gar nicht, weil es uns so selbstverständlich ist, aber das sind die Gaben, die Jesus uns geschenkt hat. Und er hat sie uns geschenkt, damit wir sie zum Nutzen anderer einsetzen, dadurch erbauen wir einander. Darum geht's bei allen Gaben, die Jesus verteilt und darum geht's auch ganz besonders bei der Leitung der Gemeinde.

Vers 12: „Damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes.“ „Die Heiligen“ sind alle in der Gemeinde, und die Gaben, von denen vorher die Rede war, das sind vor allem Gaben, die die Gemeindeleitung (hoffentlich) hat. Das heißt: Es geht darum, als Leitung, dass die Gemeinde frei gesetzt wird um rauszufinden, was sie tun kann. Eine Leitung zeigt sich dadurch, dass sie Menschen freisetzt und dazu ermutigt und ihnen Mut macht und sie dazu befähigt, selber als Christen aktiv zu leben. Für mich war es eine Offenbarung, als ich als Theologiestudent, ich glaube im zweiten Semester, einmal zu Besuch war bei einer Gemeinde in einer westdeutschen Großstadt, die ziemlich aktiv und ziemlich lebendig war, sie wurde geleitet von einem Team, damals von drei Pastoren. Es war also eine große Gemeinde, und bei einem dieser Pastoren waren wir als christliche Studentengruppe zu Besuch, einen Abend lang erzählte er uns von seiner Gemeindearbeit, und er sagte ungefähr folgendes – das hatte ich so vorher noch nie gehört: „Unser Ziel als Leitungsteam ist es, die Gemeinde so zu gestalten, dass wir irgendwann mal weg sein können und es läuft alles gut weiter. Unser Ziel ist es, letztlich uns selbst überflüssig zu machen.“ Vielleicht ist euch das vertraut, für mich damals war das völlig neu, dass ein Pastor so was sagt: Mein Ziel ist, mich selbst überflüssig zu machen. Damit ist ja gemeint: Mein Ziel ist es, die Menschen in der Gemeinde so freizusetzen und so zu befähigen, das sie für Jesus leben können.

Das heißt, in diesem Sinne soll auch das L- Team dieser Gemeinde, das mir flüchtig bekannt ist, erbaulich sein. Auch das L- Team der Gemeinde soll in diesem Sinne erbaulich sein. Das jedenfalls ist unser Ziel als L-Team, euch uns alle in der Gemeinde zu befähigen, mit Jesus zu leben und die eigenen Gaben zu erkennen, und deswegen ist es gut, wenn die Gemeinde aus vielen verschiedenen Leuten besteht, mit unterschiedlichen Begabungen. Menschen, die unterschiedlich gestrickt sind, damit sie sich gegenseitig ergänzen. In unserem Predigttext ist von fünf bestimmten  Funktionen in der Gemeinde die Rede, das sind in diesem Text vor allem Leitungsfunktionen, Paulus spricht nämlich vom Apostel, vom Propheten, vom Evangelisten, vom Hirten und vom Lehrer.

Der Apostel, um das mal in unsere Sprache zu übersetzen, das ist jemand, der den Überblick behält, über die Gemeinde oder vielleicht sogar über mehrere Gemeinden und der merkt, wie das Reich Gottes in der Welt voran geht.

Der Prophet, das ist jemand, der ein sicheres Gespür und ein offenes Ohr hat für Gottes Willen in einer ganz bestimmten Situation. Und der Evangelist, das ist derjenige der keine Ruhe gibt und immer wieder sagt: „Leute, wir können uns doch nicht damit zufrieden geben, dass da draußen so viele Menschen sind, die von Jesus noch nichts gehört haben, das kann uns doch nicht egal sein!“ Und die anderen stöhnen manchmal und sagen: „Ist doch gut.“ Und er hört nicht auf.

Der Hirte, das ist derjenige, der keinen in der Gemeinde übersieht, auch und gerade die, die vielleicht ein bisschen unauffällig sind, und der in jedem einzelnen Menschen sieht, wie einzigartig und großartig Jesus ihn geschaffen hat und wie sehr er der Fürsorge bedarf.

Der Lehrer ist derjenige der sagt: „Das ist ja alles schön und gut, wenn wir als Gemeinde zusammenkommen und feiern, aber wir brauchen auch solide Informationen, sonst wird das Ganze irgendwann nebulös und wolkig.“

Alle diese Funktionen in der Gemeinde brauchen wir, und wir brauchen noch viel mehr Funktionen und noch viel mehr Begabungen in der Gemeinde. Wenn man im Neuen Testament nachschaut, wird man sehen, dass es auch andere Listen von Begabungen gibt, und die sind viel länger als diese Liste hier – die Pointe ist immer die gleiche: Jeder ist von Jesus begabt, entscheidend ist es, die eigene Gabe zum gegenseitigen Nutzen einzusetzen. Und deswegen, wenn du neu bist bei GreifBar, zum ersten Mal hier, lautet meine Empfehlung: Wende dich doch nach dem Ende des Gottesdienstes zum Beispiel an Karin Heide, die sitzt da oben, mit dem rotem Pullover, dunklem Haar, die ist innerhalb des Leitungsteams ganz besonders für die Mitarbeiterbetreuung da. Und vielleicht sagst du: „Ich muss mir das Ganze mal angucken, ich muss erst mal ein paar Mal wieder kommen und mal die Leute kennenlernen“ – das ist alles in Ordnung, aber vielleicht merkst du irgendwann: Hier möchte ich jetzt dabei sein. Der Königsweg, um dabei zu sein ist, den Ort zu finden wo man sich einbringen kann. Ob man nun findet, dass man viel Energie hat oder wenig Energie hat, jeder einzelne ist einzigartig begabt. Und im Gespräch zum Beispiel mit  so jemandem wie Karin kann man herausfinden, wo ein guter Platz wäre.

Vielleicht denkt ihr: „Das ist ja alles einfach nur geschickte Mitarbeiterwerbung, diese Predigt.“ Nein – nein, wirklich nicht, dazu ist das Ganze viel zu ernst, es geht nämlich um etwas viel Wichtigeres, es geht darum, dass wir gemeinsam mehr von Jesus erleben.

Vers 13: „Bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes zum vollendeten Mann, Mensch, zum vollen Maß der Fülle Christi.“ Auf Deutsch, es geht darum dass wir wachsen und immer mehr von Jesus erleben, begreifen und erkennen. Und immer mehr von Jesus erleben heißt nicht unbedingt, dass man in eine besondere Stimmung verfällt und an besondere Orte geht, sondern das heißt zumindest von diesem Text her: Das man lernt, zusammen mit ganz normalen Leuten Christ zu sein. Mit ganz normalen Leuten, die vielleicht schwierig sind, aber von denen wir wissen, für Jesus ist niemand unerträglich. Und gemeinsam mehr von Jesus zu erleben heißt, das man zusammen mit ganz normalen Leuten genau diese Mitte im Blick behält, Jesus der die Mitte ist, von ihm hängt alles ab.

Vers 15 und 16 „Lasst uns aber wahrhaftig sein, in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus, von dem aus der ganze Leib zusammen gefügt ist und ein Glied am anderen hängt durch alle Gelenke, wodurch jedes Glied das Andere unterstützt, nachdem Maß seiner Kraft und Macht, dass der Leib wächst und sich selbst aufbaut in der Liebe.“ Im wörtlichen Sinne: Von Jesus hängt alles ab, dafür leben wir. Seid ihr dabei? Amen