GreifBar plus am 29.11.2009
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Die Nacht ist vorgedrungen
- 8 Bleibt niemand etwas schuldig! Was ihr einander jedoch immer schuldet, ist Liebe. Denn wer den anderen liebt, hat damit das Gesetz erfüllt. 9 Wenn nämlich das Gesetz sagt: »Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst keinen Mord begehen, du sollst nicht stehlen, du sollst der Begierde keinen Raum geben!«, dann sind diese und alle anderen Gebote in dem einen Wort zusammengefasst: »Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst!« 10 Die Liebe tut dem Mitmenschen nichts Böses an. Darum ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes. 11 Bei dem allem seid euch bewusst, in was für einer entscheidenden Zeit wir leben. Unsere Rettung ist jetzt noch näher als damals, als wir zum Glauben kamen, und es ist höchste Zeit, dass ihr aus dem Schlaf aufwacht. 12 Die Nacht geht zu Ende, bald bricht der Tag an. Darum wollen wir uns von allem trennen, was man im Dunkeln tut, und die Waffen des Lichts ergreifen. 13 Lasst uns ein einwandfreies Leben führen, mit dem wir im Licht des Tages bestehen können, ein Leben ohne Schlemmen und Saufen, ohne sexuelle Ausschweifung und ohne Streit und Rechthaberei. 14 Legt das alles ab, und zieht ein neues Gewand an: Jesus Christus, den Herrn. Beschäftigt euch nicht länger damit, wie ihr die Begierden eurer eigenen Natur zufrieden stellen könnt. (Röm 13)
„Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern.
Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.
Dem alle Engel dienen, wird nun ein Kind und Knecht.
Gott selber ist erschienen zur Sühne für sein Recht.
Wer schuldig ist auf Erden, verhüll nicht mehr sein Haupt.
Er soll errettet werden, wenn er dem Kinde glaubt.
Die Nacht ist schon im Schwinden, macht euch zum Stalle auf!
Ihr sollt das Heil dort finden, das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet, seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah.
Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr.
Von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.
Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.
Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt.
Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.“
Liebe Gemeinde,
„die Nacht geht zu Ende, bald bricht der Tag an.“ So hören wir es von Paulus. „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern.“ So dichtet es Jochen Klepper nach, und so haben wir miteinander gesungen.
Jochen Klepper hat dieses Lied als sein letztes Weihnachtslied 1938 gedichtet. Vom Tag, der nicht mehr fern sein soll, war nichts zu sehen, von der Nacht, die angeblich im Schwinden sein soll, um so mehr. Jochen Klepper wusste, was es heißt, in der Nacht zu leben. Als er Pfarrer werden wollte, machte seine labile Gesundheit ihm einen Strich durch die Rechnung. Als er Hanni heiratete, eine jüdische Frau mit zwei Töchtern aus erster Ehe, brach seine Familie mit ihm. Als das Dritte Reich kam, flog er aus der Reichsschrifttumskammer, das war für ihn als Schriftsteller eine Art Berufsverbot. Je länger das Dritte Reich währte, so bedrohlicher wurde es für ihn und seine Familie. Als es sehr bedrohlich wurde, bot man ihm Schutz an, wenn er sich nur von seiner Familie lossagte. Eine Tochter konnte nach England emigrieren, die andere blieb. Als er Soldat wurde, schloss man ihn wegen seiner jüdischen Frau aus der Wehrmacht aus, er sei wehrunwürdig. Als die letzte Chance, eine Ausreise nach Schweden, an Adolf Eichmann scheitert, nahmen seine Frau, seine Tochter und er sich das Leben, am 10. Dezember 1942. Im Tagebuch Kleppers steht ein letzter Eintrag: „Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun - ach, auch das steht bei Gott. Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der uns trägt. In dessen Anblick endet unser Leben.“
„Die Nacht geht zu Ende, bald bricht der Tag an.“ So hören wir es von Paulus. „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern.“ So dichtet es Jochen Klepper nach, und so haben wir miteinander gesungen.
Menschen, die das singen und hoffen, kommen häufig aus der schwärzesten Nacht. Sie wissen, was es heißt, wenn sich die Welt verdunkelt und die Schatten in unsere Seele kriechen. Nicht nur Jochen Klepper wusste das.
Da ist Jakob, der seine gute Herkunft aus vornehmer Familie verspielt hat, immerhin war er ein Enkel Abrahams. Aber jetzt ist er nur noch ein Vagabund, reich zwar, aber immer auf der Flucht vor seinem wütenden Bruder Esau, den er mehrfach übers Ohr gehauen hat. In der finstersten Nacht, an einem Fluss, ringt einer mit ihm, und Jakob ist ihm nicht gewachsen. Jakob merkt, er ringt mit Gott selbst. Da kommt der Morgen, das Morgenrot kündet einen neuen Tag an. Und Jakob ruft: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Und Gott segnet ihn, aber Jakob bleibt eine schmerzhafte Erinnerung an diesen Kampf, eine Jakobshüfte, er wird fortan hinken, gesegnet, aber auch geschlagen geht er dem neuen Tag entgegen. Er ist Gott begegnet und das war alles andere als harmlos. Und er ist nun ein anderer, die Dinge kommen allmählich in Ordnung, aber die Wunde des nächtlichen Kampfes bleibt. Jakob kommt aus der Nacht, der Nacht des Leidens.
Da ist Nikodemus, der hochgebildete und hochangesehene Gelehrte, der in der Nacht zu Jesus kommt. Und Jesus redet mit ihm. Aber sein ganzes kluges Weltbild, seine ganze Weisheit wird ihm in dieser Nacht zerschlagen. Ein neuer Mensch musst Du werden, Nikodemus, von Gott neu geboren. Wie kann das sein, fragt er. Er versteht nichts mehr. Diese Nacht wird wohl eine Wende für Nikodemus, diese Nacht an der Seite von Jesus. Aber seine ganze Wissenssicherheit hat sich verfinstert. Als es Tag wird, ist nichts mehr, wie es war. Nikodemus kommt aus der Nacht, der Nacht des Zweifels.
Da ist Simon Petrus, der leidenschaftliche Anhänger von Jesus. Aber da kommt die Nacht, in der es darauf angekommen wäre. Die Nacht, in der er Wort hätte halten müssen. Bist Du nicht einer von diesen Jesus-Leuten, fragen sie an, als er sich am Feuer wärmt. Und Petrus? Nein, sagt er, nein, und das entschieden und endgültig, ich kenne diesen Menschen nicht. Mut und Treue versinken in der Finsternis. Gewiss, später, an einem frühen Morgen, bei Sonnenaufgang, wird Jesus ihn aufs Neue rufen und er wird folgen, aber er wird es nicht vergessen, dass er durch die Nacht gegangen ist, die Nacht des Versagens.
Wir begegnen Menschen, die die Nacht kennen. Die Nacht des Leidens, des Zweifels und des Versagens. Sie singen, dass die Nacht vorgedrungen ist und der Tag nicht mehr fern. Sie singen vom Advent. Sie kennen die Sehnsucht nach dem Licht.
Ich liebe Bücher und Filme über die Arktis. Dort ist es jetzt schon seit Wochen nahezu finster. Die Sonne kommt nicht mehr über den Horizont. Wenn im Frühjahr, so etwa im Mai, Juni die Sonne zum ersten Mal wieder auftaucht, bei minus 40°, wenn das Meer noch 2 km vom Ufer tief zugefroren ist, dann versammeln sich die Inuit und stehen still da, bis die Morgenröte über dem Eis schimmert, und wenn dann die Sonne aufgeht, brechen sie in Jubel aus: Das Licht ist zurückgekehrt, die lange Nacht des Winters nähert sich dem Ende.
Darum geht es heute, am Ersten Advent. Dieser Erste Advent ist den Menschen gewidmet, die um die Nacht wissen. Die Nacht, die sich schwer auf die eigene Seele legt, die Nacht der Trauer, die Nacht der Einsamkeit, die Nacht der Furcht vor dem, was kommen könnte, die Nacht des Zweifels, die Nacht der Zerstrittenheit, die Nacht der Sorge um geliebte Kinder und andere Menschen.
Die Nacht ist vorgedrungen. Nicht weil es nicht so schlimm ist. Nicht weil es immer noch gut gegangen ist. Nicht weil sich alle Probleme lösen lassen.
Die Nacht ist vorgedrungen, weil das Licht kommt. Das ist der Advent. Deshalb zünden wir Lichter an. Zündet viele Lichter an in diesen dunklen Tagen.
Jesus ist gekommen. Darum kann es nicht immer Nacht bleiben. Jesus wird kommen, und dann ist vorbei mit der Nacht. Im Reich Gottes geht die Sonne nicht mehr unter. Jesus kommt zu dir. Auch wenn du leidest, zweifelst, dich sorgst und schuldig geworden bist. Auch wenn es finster in deiner Seele ist: mit dir wandert nun der Stern der Gotteshuld, mit dir wandert Jesus. Und so wanderst du auf das Licht zu, auf einen neuen Tag.
Versteht Ihr, die Zukunft gehört Jesus, und darum gehört die Zukunft nicht der Nacht. Es wird Tag, man kann den feuerroten Streifen schon am Horizont erkennen. Er war ja schon da, und er wird kommen. Zwischen erstem und zweitem Advent leben wir, noch nachtumhangen, aber mit dem Blick schon nach vorne, zum Licht, zum Tag, wie die Inuit, wenn sie auf die Sonne warten.
Wie sieht das Volk von Jesus in Greifswald aus? Was werden wir für eine Gemeinde sein? Menschen, denen die Nächte der anderen erspart bleiben? Nein, und das wissen wir ja auch. Menschen, die ebenso verfinstert und hoffnungslos sind alle anderen? Nein, zumindest muss es nicht so sein, wenn wir miteinander den Blick auf Jesus ausrichten und uns an ihn klammern. Das Volk von Jesus in Greifswald, das sind Menschen, die aus der Nacht kommen und dem Licht entgegengehen.
Was aber machen wir mit der Wartezeit? Das ist die zweite Frage, die Paulus sich stellt. Was aber machen wir mit der Wartezeit?
Der Abschnitt aus dem Römerbrief, der uns heute aufgegeben ist, ist hier recht deutlich. In der Mitte stehen die tröstlichen Worte von der Nacht, die im Schwinden ist, und von dem Tag, der anbrechen will. Davor werden wir an die zehn Gebote erinnert, danach werden wir aufgerufen, uns nicht gehen zu lassen, weder sexuell noch beim Essen und Trinken und auch nicht in Auseinandersetzungen. Die Brücke zwischen den tröstlichen Worten und den Aufforderungen bildet ein Appell, einen Morgenappell: Genug geschlafen, liebe Gemeinde, aufwachen, es wird Zeit. Stellt Euer Verhalten schon jetzt auf den hellen Tag, auf Jesus ein. Lasst die nächtlichen Aktivitäten. Die gehören doch einer Vergangenheit an, die versinkt. Lebt so, wie es dem Tag entspricht.
Seid Ihr noch wach oder schon aufgeweckt?
Nun muss ich sagen, dass ich diese Predigt auf zwei langen Zugfahrten geschrieben habe. Und das war ein harter Test hinsichtlich dieses Appells: Ich fuhr also von Dortmund nach Berlin, frühmorgens, und die Nacht war im Schwinden, etwa zwischen Hamm und Bielefeld schenkte Gott mir eine Powerpoint-Präsentation zu Römer 13: Die Sonne ging glutrot über dem Teutoburger Wald auf. Herrlich! Getrübt wurde allerdings diese schöne Illustration unserer Hoffnung durch die unüberhörbare Gegenwart von 11, von exakt 11 älteren Mädels, die offensichtlich nach Berlin zum Musical wollten. Ich staune immer wieder darüber, wie das geht, dass 11 Frauen ohne Punkt und Komma gleichzeitig reden und sich dabei prächtig verstehen können, obwohl der Redefluss nur etwa alle 45 Sekunden refrainartig von gemeinsamen Lachsalven unterbrochen wird. Morgens vor 8 das Ganze! Ganz allmählich waberte der Geruch von Bier und Mettbrötchen durch das Abteil. Wenn die 11 dann wenigstens über Fußball geredet hätten. Stattdessen ging es um Alkohol, Reisen, Männer, dumme Leute im Zug, die der Lärm stört (sollen sie doch einen Schlafwagen buchen!). Es folgte Krankheiten (Ich hab Rücken!) und wieder Männer. „ich hab da noch Buletten“, „gib mir mal noch ein Bier“. Dabei suchte ich kontemplative Stille für diese Predigt. Während die Sonne über dem Teuto aufging. Wenn Euch meine Rede also heute etwas konfus vorkommt, wisst Ihr, woran es liegt.
Ich erzähle das aber aus einem anderen Grund: Es ist natürlich leicht, in der Stille eines Studierzimmers den Appell zu großzügigem, liebevollem, weitherzigem Verhalten zu verfassen, als in einem überfüllten, sauerstoffarmen, lärmreichen Zugabteil bei wachsender Wut über rücksichtslose Zeitgenossinnen. Und das ist doch wieder etwas nicht so Untypisches. Es war eine dieser Stunden, wo ich sagte: „Im Prinzip ja, Jesus, aber nicht hier und nicht jetzt!“
Gucken wir aber zuerst, was Paulus hier eigentlich sagt:
Paulus sagt: Wenn Ihr jetzt aufwacht, dann möchte ich, dass ihr niemandem etwas schuldig bleibt, und dass ihr untereinander Liebe übt, und das bitte stetig und auf Dauer. Wie geht das? Nun, indem ihr euch an die Gebote haltet und indem ihr ein zügelloses Leben meidet. Und das ist nun spannend: Im Advent kommen wir aus der Nacht, sind aufgeweckt und warten auf den Tag, und wir bereiten uns vor auf das Kommen des Tages, indem wir unser Leben ändern.
Da fallen ein paar Details auf:
1. Erstens sagt Paulus: Liebe üben und Gebote halten gehört zusammen. Ihr wollt wissen, wie man Liebe übt? Nun, haltet die Gebote! Ihr wollt wissen, in welchem Geist die Gebote zu halten sind? Nun, tut es mit Liebe, für andere, nicht gegen sie, zu ihrem Wohl, nicht zu eurem Nutzen. Das ist spannend: einander lieben, bedeutet für Paulus, einander die Gebote zuzumuten.
2. Zweitens fällt mir schon der Vorgang als solcher auf: Paulus spricht die Römer darauf an. In Gemeinden heute gibt es so eine Art Nichtangriffspakt. Ich störe dein privates Leben nicht und du meines auch nicht. Wir lassen den anderen gewähren – jedenfalls so lange er uns gewähren lässt. Es gibt da zwei Extreme: in der einen Gemeinde regiert so eine Art religiöse Stasi und kontrolliert alles, und wenn etwas nicht passt, werden erbarmungslos schlechte Noten verteilt. In der anderen Gemeinde gilt das Prinzip des privaten Lebens: „Ja, du, das musst du schon selber wissen, wie du das so machst!“ Dazwischen läge der Weg, den Paulus empfiehlt: im Geist der Liebe, die dem anderen das Beste gönnt, Geduld hat und stets das Wachstum des anderen im Blick hat, einander hinweisen, mahnen, bitten, nachgehen. Wach auf, trenne dich vom nächtlichen Lebensstil!
3. Drittens sagt Paulus: Haltet die Gebote und meidet ein zügelloses Leben. Auch das ist interessant: Das sind ausschließlich „Vermeidungsstrategien“. Nicht ehebrechen. Nicht töten. Nicht stehlen. Nicht gierig und neidisch sein. Nicht prassen. Nicht sexuell nehmen, was ich kriegen kann. Nicht rechthaberisch, stur, aggressiv den anderen niederringen. Meide das. Warum ist das so? Paulus ist eben stocknüchtern: bei Euch Nachtgestalten ist schon viel gewonnen, wenn ihr lasst, was Gott hasst. Anders gesagt: wenn ihr eurem Nächsten nichts Böses tut.
4. Und viertens sagt Paulus: Das wird ein Kampf. Ihr braucht Waffen. Das erinnert an die letzte Woche, als uns Matthias Clausen etwas über die geistliche Waffenrüstung erzählte. Paulus sagt: Der Feind attackiert euch, wo ihr schwach seid. Er bringt euch in Gefahr, dass ihr wieder in eure nächtliche Existenz zurückfallt. Der Feind ist gefährlich, darum wehrt euch. Ihr könnt euch am besten wehren, wenn ihr euch an das haltet, was Jesus von euch möchte.
Unter dem Strich aber sollt Ihr danach streben, dass etwas vom Wesen des Jesus bei Euch zu sehen ist. Das ist nun ganz wichtig: Leute, die sich vom Bösen fernhalten, können nämlich unerträglich werden. Sie können zu den unerträglichsten Zeitgenossen überhaupt gehören: Ein Geruch von Pfefferminztee umgibt sie von weitem, ein Hauch von Überheblichkeit, ein Gestus der Miesepetrigkeit, eine Haltung der moralischen Überlegenheit, eine verkniffene Mimik, eine Ausstrahlung, bei der andere sich immer etwas schlecht fühlen müssen. So werden wir, wenn wir versuchen, uns von der Welt und allem Bösen fernzuhalten und dabei nicht an Jesus Maß nehmen, an seiner Großzügigkeit, an seinem Mitgefühl, an seinem weiten Herzen für unsere Halbherzigkeiten und an seiner unermüdlichen Bereitschaft, uns immer wieder die Hand entgegenzustrecken, wenn wir wieder einmal versagt haben.
Darf ich das aber doch einmal so sagen, einfach weiterreichen an die Gemeinde: Es ist höchste Zeit, dass ihr aus dem Schlaf aufwacht. Es ist höchste Zeit für uns GreifBar-Leute, ein adventliches Leben zu führen.
Nun werdet Ihr sagen: Wieso gerade wir? Wir morden und rauben nicht und die Zahl der wilden Feten haben wir schon erfolgreich reduziert! Sicher, aber jede Gemeinde hat ihren eigenen Beichtspiegel. Ich mache es einmal konkret, wohl wissend, dass ich mich damit jetzt kaum beliebt machen kann.
Wenn Paulus die römischen Christen ins Licht rückt, dass sie einander die Liebe schulden, dann bedeutet das: Sie werden daran erinnert, dass sie zueinander gehören. Liebe kann ich nur schulden und üben, wenn ich mit jemandem verbunden bin. Und verbunden sein kann ich nur, wenn ich selbst auch verbindlich werde. Nur dann kriege ich mit, was beim anderen gerade abläuft. Nur dann kann ich ihn wahrnehmen, Interesse zeigen, mich mitteilen, zuhören, dienen, begleiten, für jemanden da sein. Wenn ich Gemeindehopping betreibe, mir in dieser Gemeinde das eine und in einer anderen das andere vom Glaubensbüffet hole, oder wenn ich nur komme, wenn es gerade passt, halte ich mir zugleich den anderen vom Hals und entziehe mich jeder tieferen Beziehung.
Oder: Gehen wir noch einmal auf die Ebene der Gebote. Adventlich leben! Es ist höchste Zeit, dass ihr aus dem Schlaf aufwacht. Vernachlässigt eure Ehen nicht. Redet nicht schlecht hinter dem Rücken anderer. Verbeißt euch nicht stur in Nebensächlichkeiten. Geht nicht gleichgültig aneinander vorbei. Mutet einander die unbequemen Wahrheiten zu, wenn euch etwas auffällt, z.B. in der Art, wie die Kinder erzogen werden. Stellt euch nicht auf Kosten anderer in den Vordergrund. Lasst nicht immer andere für euch arbeiten. Es geht hier immer darum, etwas zu tun, weil wir aus der Nacht in den Tag gehen und auf das Licht zuschreiten. Wir trennen uns von dem nächtlichen Gehabe und leben adventlich. Jetzt aber kommt wieder das Problem meiner kleinen Selbsterfahrung im Zug: Das können wir in vielen Punkten bejahen, in manchen beherzigen, in einigen doch auch gut finden.
Wir gehen sozusagen 80% mit, aber dann kommen die 20%, bei denen es schwierig wird. Sollte Jesus nicht mit den 80% zufrieden sein? Aber dann berührt er plötzlich einen Punkt, an dem wollen wir einfach jetzt nicht gehorsam werden. Da tut es weh. Da baut sich dann in uns heftiger Widerstand auf. Wir meinen, um diesen Punkt geradezu kämpfen zu müssen. Wir blenden das aus, was Jesus jetzt will. Vielleicht wissen wir das ganz gut, was Jesus will. Aber wir wollen jetzt nicht, was Jesus von uns will.
Jesus trifft einen jungen Mann, der es wirklich ernst meint. Und er kann eine beeindruckende Bilanz vorlegen: er hält die Gebote seit seiner Kindheit. Jesus muss doch zufrieden mit ihm sein. Und Jesus schaut ihn an und hat ihn von Herzen lieb. Gerade darum berührt er den wunden Punkt: Du hast Dein Herz an Deinen Besitz gehängt. Komm, mach Dich los, gib weg, gib ab, gib Dich mir ganz, folge mir nach. Aber da meldet sich der Widerstand, da will der junge Mann nicht dran. Und so verweigert er sich. Und am Ende trennt er sich nicht vom Reichtum, sondern von Jesus. Und am Ende geht er weg, traurig.
Jeder von uns hat solche Punkte. Wir drücken das, was Jesus will, beiseite und tun, wozu es uns drängt, oder wo wir jetzt beim besten Willen nicht nachgeben, einem anderen die Hand reichen, eine Schwäche überwinden, eine Unordnung im Lebensstil lassen wollen. Und das Kernproblem dessen, was die Bibel Sünde nennt, wiederholt sich: An diesen Punkten verweigern wir den Gehorsam, weil wir Jesus nicht vertrauen. Wir misstrauen seiner Weisung und vertrauen dem eigenen Urteil, dass das jetzt so und nicht anders sein muss. Ich kenne das sehr gut: Nein, Jesus, alles, aber das jetzt nicht! Und der Kern ist Misstrauen. Und genau an diesen Stellen sucht der Feind, wie er uns ein Stück aus der Gemeinschaft mit Jesus herauslösen kann. Und dann noch ein Stückchen und noch ein Stückchen... Es wird höchste Zeit, dass ihr aus dem Schlaf aufwacht, sagt Paulus. Anders gesagt: Adventlich leben bedeutet, genau jetzt einen dieser wunden Punkte in Angriff zu nehmen und zu sagen: Ich will bekennen und abgeben, wo ich mich Jesus entzogen habe, ich will wieder beginnen, Vertrauen zu investieren. Das ist übrigens kein Gefühl, sondern ein Entschluss, manchmal auch gegen unser Gefühl. Ich will, sagen wir dann, die Nachtexistenz ablegen und die Tagschicht antreten.
Wie sieht das Volk von Jesus in Greifswald aus? Was werden wir für eine Gemeinde sein? Menschen, die einfach so leben wie alle, die einen Nichtangriffspakt schließen und sich lieber in Ruhe lassen. Eine Gemeinde, die man als religiösen Dienstleister aufsuchen kann, wo man aber ebenso gut wegbleiben kann? Oder eine adventliche Gemeinschaft, der auch andere abspüren: Die sind füreinander da. Die achten aufeinander. Die ringen darum, in ihrem alltäglichen Leben Jesus zu vertrauen und ihr Leben von ihm formen zu lasen. Und sie werden gesünder dabei und nicht etwa merkwürdiger. Sie werden mitfühlender und nicht etwa arroganter. Sie werden liebevoller und nicht etwa und verbissen und kalt. Das Volk von Jesus in Greifswald, das sind Menschen, die aus der Nacht kommen und dem Licht entgegengehen.
Das sind zwei sehr konkrete, nicht alltägliche Gedanken, die uns dieses Wort aus dem Römerbrief nahelegte: Es ist Advent. Die Nacht vergeht. Der Morgenstern wandert mit uns. Wir gehen dem Tag entgegen. Es wird nicht immer finster bleiben. Jesus ist gekommen. Jesus wird kommen. Ihm gehören wir. Darum wachen wir auf. Darum meiden wir das Bösen. Darum werden wir zu einer verbindlichen Gemeinschaft. Und Gottes Volk stimmt ein und ruft: Amen.
