Greifbar

GreifBar plus am 03.01.2010

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                                          Leben. Aber ewig!


 

    11 Und das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. 12 Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.
    13 Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes. (1.Joh 5,11-13)

Liebe GreifBar-Gemeinde,

 

erinnern Sie sich noch an die Schweinegrippe? Das war so eine drohende Epidemie, schon ne Weile her. 2009 vielleicht? Eine meiner persönlichen Lieblingsgeschichten aus dieser Zeit spielt im September 2009, in einem Zug, kurz vor der Abfahrt. Ich hatte meinen Platz gefunden und beobachtete die Szenerie: Fahrgäste und Rollkoffer rumpeln über den Gang, der eine wedelt vor dem anderen mit seiner Platzkarte, „Entschuldigung?“, Koffer werden verstaut, „Darf ich behilflich sein?“, Jacken aufgehangen. Da mischen sich drei Nieser lautstark in die gedämpfte Geschäftigkeit. Pause. Ein rüstiger Damenkopf schiebt sich nach oben, Kinn Oberkante Rückenlehne und dann, deutlich vernehmbar: „Ich möchte betonen, dass ich nicht krank bin!“

Ja, so wars. Ziemlich resolut, die Dame! Heute frage ich mich, woher wusste sie so bestimmt, dass sie nicht krank ist? War sie mit ihrem popeligen Niesen beim Arzt, hat 120,- € hingeblättert, um sich schriftlich geben zu lassen, dass sie keine Schweinegrippe hat? Oder niest sie immer zu Beginn einer Bahnfahrt? Hat sie Allergien? War sie sich womöglich gar nicht sicher? Hat sich nur selbst Mut zugesprochen. Hat sie vielleicht jemand pikiert angesehen? Ich weiß es leider nicht.

Ich weiß, dass unser Predigttext ganz ähnlich resolut daher kommt. Ist Euch aufgefallen, wie bestimmt Johannes formuliert? Nur drei Verse und in allen steht praktisch dasselbe. Johannes, warum so resolut? Ist er sich nicht ganz sicher und musst es deswegen besonders bestimmt schreiben? Hat ihn jemand pikiert angesehen und glaubt nicht so recht, was er erzählt? Hat er einen Test machen lassen und muss nun das Ergebnis mitteilen?

Johannes ringt mit dieser Gemeinde, der er schreibt. Er ringt um ihr Verständnis und er ringt um ihr Vertrauen. Ihm ist unsagbar wichtig, was er schreibt. Seinen Lesern anscheinend noch nicht.

 

Dem setzt er Gewichtiges entgegen: „Das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat.“ Seltsame Vokabel, Zeugnis. Auf meinem letzten Zeugnis stand groß Prüfungszeugnis drauf, erstes theologisches Examen, ein paar Zahlen, die Unterschrift vom sächsischen Bischof, besondere Bemerkungen gab es keine, einen Stempel und ein Datum. Ähnlich wie ein Schulzeugnis. Der Bischof war bei meinem Examen gar nicht dabei. Er konnte nur bestätigen, was andere ihm versichert haben. Nun kann ich nachweisen: Alles, was nötig ist, um als Theologe durchzugehen, kann ich. Wenn mich jemand als Theologin einstellen will, dann hat er mein Zeugnis. Da kann er sich einen Eindruck verschaffen. Er muss nicht erst meine Prüfer anrufen oder selbst eine theologische Prüfung durchführen.

Ganz ähnlich das Zeugnis, von dem Johannes redet. In seinem Fall ist es keine Schule oder Universität, die das Zeugnis ausstellt, sondern er sagt, das ist Gott selbst. Das ist Johannes Trumph, der Kreuzbube, den kann keiner: Es ist Gottes Zeugnis. Darauf steht: Jesus ist mein Sohn! Hier gibt es keine Zahlen. Aber eine besondere Bemerkung: Wer an ihn glaubt, hat das Zeugnis auch und gehört damit zu mir. Kein Mensch, kein Bischof oder Papst setzt sein Siegel hier drunter. Da gibt es höchstens noch die Unterschrift vom heiligen Geist. Und noch etwas ist besonders. Dieses Zeugnis gibt es mit unendlich vielen beglaubigten Kopien. Gott ist mit diesem Zeugnis freigiebig. Er gibt es weiter. Wer es annimmt, der hat es auch. Und wer es hat, der kann sich und andere damit vergewissern: Alles, was nötig ist, um das ewige Leben zu haben, hab ich. Wie gesagt, keine Prüfung, keine Noten.

 

Johannes will, dass eins klar ist: Dieses Zeugnis, das jeder haben kann, macht es ein für alle mal deutlich: Du gehörst zu Gott. „Das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat.“ Damit hast Du das ewige Leben. Super! Die ganze Menschheit spinnt Romane um diesen Traum, Krimis, Dramen, Tragödien. Die Idee, man könnte vielleicht bei der Gelegenheit auch gleich noch ewig jung bleiben, lockt zusätzlich. Stellt Euch vor, der Brunnen am Fischmarkt wäre ein sogenannter Jungbrunnen. Ihr steigt ein – Sachen könnt Ihr anlassen – tobt ein bisschen mit den Kindern – vielleicht geht Ihr lieber im Sommer – und steigt jung wieder heraus. Jung und schön setzt Ihr Euch beim Stadtbäcker auf den Freisitz und feiert mit einer schönen Tasse Kaffee und anderen Jungbrunnenbesuchern Euer Leben. Was für eine Sehnsucht drückt sich damit aus! Könnte doch alles ewig schön sein! Könnte doch alles ewig frisch bleiben! Keine welken Blumen mehr. Wäre dann nicht alles friedlich? Hätte es sich dann nicht auch erledigt mit Neid und Eifersucht und Streit, zum Beispiel?

Ein paar kluge Denker haben diesen Traum weiter gedacht, in die Realität hinein buchstabiert: Ob die Idee wirklich so gut ist? Woody Allen gibt zu bedenken: „Die Ewigkeit dauert lange, besonders gegen Ende.“. Ein französischer Dichter schüttelt den Kopf: „Der Durchschnittsmensch, der nicht weiß, was er mit diesem Leben anfangen soll, wünscht sich ein anderes, das ewig dauern soll.“ Wir ahnen es, Neid und Streit und Eifersucht gibt es nicht nur wegen schwindender Jugend oder endlichem Leben. Die hätten wir dann für immer in immer gleichen Formen. Wie ätzend!

 

„Dieses Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn hat, der hat das Leben.“ Unser ewiges Leben hat einen Anfang. Es fängt in der Krippe an. Als Jesus geboren wurde, ist mal eben die Ewigkeit mit unserer Welt kollidiert. Sie ist ein Teil von dieser Welt geworden, ein richtiger Mensch. Gott hat die Ewigkeit in diese Welt hineinbuchstabiert. Der ewige Gott wird zeitweise Mensch und zieht alles Menschliche förmlich ein in seine Ewigkeit. Wir haben es an Weihnachten ausgiebig gefeiert. Es ist die einzig mögliche Antwort auf die Menschensehnsucht. In die Ewigkeit geht’s nicht über Magie, Jungbrunnen, Verlängerung dieses Lebens. In die Ewigkeit geht es über den Sohn in der Krippe. Wenn wir Gottes Zeugnis annehmen, wenn wir an Jesus Christus glauben, dann leben wir, dann leben wir mit Gott. Und das heißt, dann Leben wir ewig. Wir leben dann in seiner Liebe. Wir kommen nach Hause. Wir kommen dahin, wo wir hingehören, wo wir uns im Grunde unseres Herzens alle hinsehnen. Wer glaubt, den kann auch der Tod nicht mehr von Gott wegreißen. Der bleibt mit Gott zusammen. Sein Leben bleibt in Gottes Herz eingenistet. Die tiefste menschliche Sehnsucht findet ihr Zuhause endgültig. Dazu hat Christiane Moldenhauer am Altjahresabend hier eindrücklich gesprochen. Dies ist eine ausdrückliche Lese- und Hörempfehlung: www.greifbar.de

Liebe Gemeinde und nun fehlen mir die Worte. Ich weiß nicht, wie ich es uns begreiflich machen kann, dass dieses unser Leben so von der Ewigkeit geküsst, so geheiligt, so geliebt, so nachhausegholt ist, dass es jetzt schon ewig ist. Es ist so leicht misszuverstehen. Wenn ich mir vorstelle, ich schwärme jemandem von meinen Hoffnungen vor, die ich durch Jesus habe und sage im Brustton der Überzeugung: „Ich lebe ewig!“ Dann ist das doch erstmal nur falsch zu verstehen. Und doch ist es so. Natürlich gibt es dieses Leben jetzt, das auch aufhört mit dem Tod. Und doch gibt es auch mein ewiges Leben. Bei allem, was nach dem Tod neu sein wird, ganz anders, jetzt noch nicht vorstellbar, wird mir doch auch einiges mächtig bekannt vorkommen. Ich komme nach meinem Tod nicht in die Fremde, ich komme Nachhause.

 

Nicht so einfach nicht wahr? So besonders ewig und so besonders göttlich sieht mein Leben jetzt im Verhältnis zu anderen auch nicht aus. Leichtes Feld für Menschen, die mir das ausreden wollen. Ich glaube, das ist der Grund, weshalb Johannes so insistiert. Es geht ihm nicht nur darum, seiner Gemeinde zu sagen, dass sie das ewige Leben hat. Es geht ihm darum, ihr zu sagen, dass sie es ganz sicher hat. „Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt.“ Steffen Fleßa hat am 27. Dezember über den Anfang des Johannesbriefs gepredigt. Da deutete sich schon an, dass es in der Gemeinde offensichtlich Prediger gab, die die Gemeinde verunsichert haben. Johannes geht nie auf diese Leute direkt ein. Er widmet sich voll und ganz seiner Gemeinde. Er bestärkt sie in dem, was sie wissen. Er erinnert sie, dass sie einen eigenen Standpunkt haben. Die anderen predigen vielleicht faszinierend, überzeugend und haben auch schon Gemeindeglieder abgeworben. Da kann man schon mal ins Grübeln kommen. Johannes  setzt dem nichts anderes entgegen, als seine feste Überzeugung, den Trumph des Zeugnisses von Gott. Johannes sagt es ganz deutlich: Ich schreibe Euch das, damit Ihr es wisst. Ihr glaubt das Zeugnis. Das ist von niemandem geringern als Gott. Also habt ihr den Sohn, also habt ihr ewiges Leben. Punkt.

Ich finde, es braucht gar keine schlechten Prediger, um sich seines ewigen Lebens unsicher zu sein. Dazu ist zum Beispiel die Zukunft selbst ist für sich schon so ungewiss. Das war jetzt am Jahreswechsel interessant zu beobachten. Jahresende heißt Jahresrückblick, vielfältigst. Dazwischen mischt sich nur zaghaft, nur zögerlich ein Jahresausblick. Das gilt auch für mein eigenes Leben. So ein paar Daten für dieses Jahr weiß ich schon, aber was weiß ich denn, was kommt? Und erst das ewige Leben, was soll ich dazu sagen, das entzieht sich meinem Denken und meinen Worten fast völlig. Ich habe in anderen Worten Ausdruck gefunden für mein Empfinden. Und ich lade Euch ein, dem nachzuspüren:

 

„Das Jahr liegt vor mir wie ein leeres Blatt Papier.

Einige Zeilen scheinen klar, aber die Geschichte dieses Jahres

kann immer noch ganz anders enden, als ich es jetzt ahne.“

 

Oder auch: „Die Ewigkeit liegt vor mir, wie ein leeres Blatt Papier.

Hell, leuchtend, einladend, ermutigend, beschrieben zu werden,

belebt zu werden, Zuhause zu sein.

Aber meine Geschichte mit der Ewigkeit

kann immer noch anders werden, als ich es jetzt ahne.“

 

„Mein Leben liegt vor mir, wie ein leeres Blatt Papier.

Ich möchte mit meinem Leben eine Geschichte schreiben,

die Leben schenkt, zurecht hilft und Gutes bewirkt.

Lass mich dich entdecken Gott, zwischen den Zeilen,

in den Worten der Güte und in der langen Geschichte deiner Treue.“

 

Liebe Gemeinde, das ist die schlichte Frage: Glaubt ihr an Jesus Christus? Ja? Na, dann ist alles klar. Jeder Tag in diesem beginnenden Jahr gehört mit Euch in die Ewigkeit. Die Tage haben Anfang und Ende und doch, sie sind nachhause geholt. Gottes Ewigkeit lebt in unserem Leben schon das ewige Leben.

Wenn ihr möchtet, dann antwortet dem insistierenden Johannes, antwortet unsrem Gott. Singt für Euch heute und für dieses Jahr und für die Ewigkeit laut: Mein Leben, gegeben für den Herrn der Welt, für das was wirklich zählt. Hier und jetzt, Spuren der Ewigkeit, Zeichen des Gottessohns in unserem Leben!

Amen.