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GreifBar plus am 07.02.2010

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                              „Das schärfste Messer der Welt”


    Gottes Wort – ein unbestechlicher Richter 12 Denn eines müssen wir wissen: Gottes Wort ist lebendig und voller Kraft. Das schärfste beidseitig geschliffene Schwert ist nicht so scharf wie dieses Wort, das Seele und Geist und Mark und Bein durchdringt und sich als Richter unserer geheimsten Wünsche und Gedanken erweist.13  Kein Geschöpf ist vor Gott verborgen; alles liegt offen und ungeschützt vor den Augen dessen da, dem wir Rechenschaft geben müssen. (Hebr.4,12-13)

 

Liebe Gemeinde,

manche Sonntage haben komische Namen, jedenfalls in der Sprache der Kirche. Für die meisten Leute ist heute einfach Sonntag. Für Kircheninsider ist heute der Sonntag Sexagesimae, nachdem vor einer Woche der Sonntag Septuagesimae war. Das heißt 60 (Sexagesimae) oder 70 (Septuagesimae) und markiert den ungefähren Abstand zu Ostern. Aber komisch klingt es ja schon: „Gehen wir an Sexagesimae zusammen ins Kino?“ „Wollen wir nicht dieses Jahr Septuagesimae bei Tante Kerstin verbringen?“

Und manchmal gibt es wirklich Komplikationen, wenn diese alten Namen auf die neue Zeit stoßen. Da sicherte ein fränkischer Pfarrer seinen Computer gegen allerlei Pornographisches. Die Kinder sollten den Rechner nutzen können, ohne irgendwelche Schmuddelseiten aufrufen zu können. Freilich verweigerte die Internet-Suchmaschine nun auch ihren Dienst, als er Predigthilfen zum Sonntag Sex-agesimae suchen ließ. Sex war auf diesem Rechner einfach gesperrt.

Die alten Namen verbinden sich immer mit bestimmten Themen. Jeder Sonntag im Jahr hat ein festes Thema. Und bei Sexagesimae ist es das Hören auf Gottes Wort. Und das ist auch das Thema in diesem extrem kurzen Bibelwort, um das es in der Predigt heute gehen soll: Hören auf das Wort. Nun haben wir ehrlich gesagt ein heftiges Problem: Diese beiden Verse sind alles andere als leicht zu verdauen. Das ist harte Kost. Und wenn sich gerade bei Euch ein kleines Unbehagen breit macht, könnte ich das nur zu gut verstehen. Für die, bei denen sich noch kein Unbehagen breit macht, lese ich die beiden Sätze noch einmal vor:

„Denn eines müssen wir wissen: Gottes Wort ist lebendig und voller Kraft. Das schärfste beidseitig geschliffene Schwert ist nicht so scharf wie dieses Wort, das Seele und Geist und Mark und Bein durchdringt und sich als Richter unserer geheimsten Wünsche und Gedanken erweist.  Kein Geschöpf ist vor Gott verborgen; alles liegt offen und ungeschützt vor den Augen dessen da, dem wir Rechenschaft geben müssen.“

Ich möchte gleich zur Sache kommen und die drei Gedanken, die mir heute für Euch gegeben sind, so gut es geht verdeutlichen:

Erstens: Der Zusammenhang – Was war los bei den Hebräern?

Zweitens: Das Bild – Das Wort Gottes als schärfstes Messer der Welt

Drittens: Die Aufforderung – Stellt euch der Anrede Gottes

Erstens: Der Zusammenhang – Was war los bei den Hebräern?

Wir wissen nicht genau, wer diesen Brief an die Hebräer geschrieben hat. Im Grunde wissen wir es überhaupt nicht. Wir wissen nicht viel über die Gemeinde, an die er zuerst gerichtet war. Aber manches kann man doch dem Brief selbst entnehmen. Der Briefschreiber ist in großer Sorge, fast in heller Aufregung. Ihm ist zu Ohren gekommen, dass nach der Begeisterung des Anfangs bei den Hebräern jetzt der Eifer schwer nachlässt. Manche kommen nur noch unregelmäßig, andere gar nicht mehr. Manche kämpfen mit Zweifeln, ob sie auf die richtige Karte gesetzt haben, andere lassen sich gehen und nehmen mit, was Spaß verspricht. Die sonntägliche Versammlung bröckelt, mehr noch, der Glaube schwindet. Mancher spielt mit dem Gedanken, das Vertrauen auf Jesus wegzuwerfen wie einen alten Schlafanzug, der allzu löchrig geworden ist. Und dieser Seelsorger sorgt sich um die Seelen seiner Hebräer: Was wenn sie aufhören Jesus nachzufolgen, was wenn sie sich ganz allmählich aus der Gemeinschaft verabschieden, erst innerlich und dann irgendwann äußerlich. Darum schreibt er diesen Brief, in dem er mal mahnt, mal erklärt, immer wirbt, auch warnt und vor allem Jesus vor Augen malt, der so viel für die Hebräer getan hat.

Die Frage dahinter lautet: In welche Richtung bewegt sich unser Glaube? Wachsen oder schrumpfen, Jesus entgegen oder von Jesus weg? Das ist die Frage. Wir haben beim Willow-Kongress ein Bild gesehen, das den Weg des Wachstums beschreibt.

 

Irgendwann haben wir uns auf die Suche gemacht und den Glauben an Jesus entdeckt. Und diese Suche war nicht vergeblich: Das Kreuz steht für den Übergang in unserem Leben: den Schritt über die Grenze, das Ja zu Jesus, den Anfang des Vertrauens, vielleicht ein Gebet, vielleicht ein Entschluss, vielleicht eine Taufe, vielleicht eine langsam gewachsene Einsicht. Seither leben wir im Glauben. Und da gibt es so etwas wie Wachstum: Wir fangen an, uns zurechtzufinden, wir lernen, wie Christen beten, wir entdecken Gaben, mit denen wir Jesus dienen, wir finden unseren Platz in der Gemeinde. Wir verstehen immer besser, wer Jesus ist. Vielleicht merken wir eines Tages: Wir möchten Jesus immer nahe sein. Wir können ihm alles anvertrauen. Ohne Jesus wollen wir nicht leben. Christuszentrierte Menschen gehen noch einen Schritt weiter: Für sie ist Jesus nicht mehr nur, der unsere Wünsche zu erfüllen hat, der sich um unser kleines Ich dreht. Sie möchten gerne, dass sich ihr kleines Leben um Jesus dreht. Nicht mehr nur „Jesus für mich“, sondern auch „Ich für Jesus, seine Gemeinde und seine Welt“. Das war die Idee, die uns Bill Hybels in Karlsruhe vorgestellt hat.

Im Hebräerbrief wird es nun etwas komplizierter: Offenbar waren die Hebräer auf einem guten Weg. Sie hatten den Glauben erkundet, waren zum Glauben gekommen und getauft worden. Sie hatten gelernt zu beten und waren gewachsen. Jesus war ihnen nah und wurde ihnen immer wichtiger. Und manchmal erlebten sie Momente, wie es ist, wenn sich alles um ihn dreht, und sie verrückterweise gerade dann am glücklichsten waren, wenn es sich nicht mehr um sie selbst drehte. Aber dann gab es Rückschläge. Es geht offenbar nicht immer nach vorne, immer höher und immer besser. Es gibt auch die umgekehrte Richtung: Schrumpfen statt Wachsen, sich von Jesus distanzieren statt seine Nähe zu suchen. Probleme blieben nicht aus. Konflikte machten das Leben in der Gemeinde mühsam. Die Begeisterung erlahmte. Und je länger es dauerte, desto schwerer fiel es, mit schlechten alten Gewohnheiten zu brechen. Manche schienen sogar mit dem Gedanken zu spielen, die Klamotten hinzuschmeißen und Jesus zu kündigen. Das ließ den Briefschreiber nicht mehr schlafen. Darum schrieb er diesen Brief. Das ist der Zusammenhang. Was war eigentlich los bei den Hebräern?

Kennen wir das? Sicher kennen wir das, ich kenne das, und wir kennen es als Einzelne und als Gemeinde. Darum ist es spannend, wie es weiter geht:

Zweitens: Das Bild – Das Wort Gottes als schärfstes Messer der Welt

Was kann den Abwärtstrend aufhalten? Was kann die Richtung wieder umkehren? Im Hebräerbrief heißt die Antwort: Gott muss reden. Gott muss bei uns zu Wort kommen. Das ist eine interessante Redewendung: Er muss zu Wort kommen. Sein Wort muss zu uns kommen. Und wir müssen ihn zu Wort kommen lassen. Er kommt zu uns als Wort. Als Anrede. Als Trost. Als Mahnung. Als Zuspruch. Als Ansporn. Als sanfte Überwindung unserer Widerstände. Wenn wir ihn nur zu Wort kommen lassen: heute wenn ihr sein Wort hört, dann macht nicht dicht. Lasst es zu!

Dieses Wort, so heißt es nun, ist ein besonderes Wort. Ich greife nur drei Eigenschaften von Gottes Wort heraus:

Die erste: Dieses Wort ist lebendig. Es ist kein toter Buchstabe. Es lebt und entfaltet ein überraschendes Eigenleben. Es lebt und ist nicht totzukriegen. Wer es hört, hört eine lebendige Stimme. Er merkt: Ich werde angeredet. Dieses Wort ist lebendig.

Das zweite: Dieses Wort ist energisch, so steht es im Griechischen. Es ist kraftvoll und wirkmächtig.  Es ist ein Wort, das tut, was es sagt. Es ist also ganz sicher kein Gerede, kein Geschwätz. Wenn Gott spricht, so geschieht es. Wenn Gott sagt, es werde Licht, dann wird Licht. Wenn Jesus sagt: Lazarus, komm aus dem Grab heraus, dann wird aus einer Leiche ein lebendiger Mensch. Wenn Jesus sagt: Folge mir, dann erhebt sich der Matthäus vom Zoll. Wenn Jesus sagt: Steh auf, nimm dein Bett und wandle, dann steht der Krüppel auf seinen eigenen Beinen. Wenn Jesus sagt: Fürchte dich nicht, dann weicht der alte Sorgengeist aus unserem Herzen. Dieses Wort ist lebendig und es ist energisch.

Und das dritte, das hat es in sich: Dieses Wort ist schärfer als das schärfste, beidseitig geschliffene Schwert. Mehr noch: Es durchdringt Seele und Geist, Mark und Bein. Es ist der Richter unserer geheimsten Wünsche und Gedanken. Lebendig, o.k., auch energisch, fein, aber jetzt ist es schärfer als scharf. Es dringt tief ein in unser Leben und mit einem schnellen, scharfen Schnitt legt es alles in uns bloß, auch das Geheimste und Intimste. Vor Gott liegen wir nackt und bloß da, er schaut uns ins Herz, er blickt noch in den letzten Winkel. Und ihm schulden wir Rechenschaft für jede Tat, jedes Wort, jeden Gedanken, jede Begierde, jedes Streben, jedes Fühlen.

Ich habe Euch einmal das schärfste irdische Messer mitgebracht. Nur als Bild, denn dieses feine Werkzeug kostet fast 5.000 €. Es ist ein Nesmuk-Messer, gefertigt nach einer alten indianischen Kunst. Die nennt man Damaszierung: „Die Besonderheit dabei ist, dass die Klingen aus mehreren Materialien bestehen, die übereinander gelegt werden und am Amboss in rund 1100 Grad Celsius zu einem Stück zusammengeschmiedet werden.“

Wenn man solch ein Messer besitzt, kann man im wahren Sinn des Wortes Haare spalten. Es zerschneidet einen Seidenschal im Flug (wie einst in dem Film Body Guard, als Kevin Costner damit Whitney Houston beschützen muss). Es zerhakt alles, was ihm unter die Klinge kommt mit geringstem Kraftaufwand.

Und jetzt sagt der Bote des Hebräerbriefs: Das ist nichts gegen Gottes Wort. Gottes Wort spaltet nicht Haare und zerschneidet keine Schals, Gottes Wort dringt bis in die Tiefen unserer Persönlichkeit.

Dahinter steckt eine Überzeugung, die uns quer durch die ganze Bibel begegnet. Das Wort ist eben lebendig und kräftig und schärfer, es führt ein Eigenleben. Nicht wir tun irgendetwas mit diesem Wort, nach dem Motto: Jetzt legen wir mal Gottes Wort aus, interpretieren es, zwingen es unter die Regeln unseres Verstandes. Nein, nein, genau umgekehrt wird ein Schuh daraus: Dieses Wort legt aus, wer wir sind, es bringt unser Leben unter die Sicht der himmlischen Welt. Wir hören es, und dann erst sehen wir, wer wir in Wahrheit sind und wie es um uns steht.

 

Wir wissen ja nicht wirklich vollständig, wer wir sind. Wir können uns das so deutlich machen: Es gibt einen Teil unseres Wesens, der ist uns klar und den können auch andere ansehen. Ich weiß z.B. und Ihr wisst es auch: Ich bin eher ordentlich und organisiert und es nervt mich, wenn die Dinge nicht ordentlich und organisiert sind. Ein anderer Teil unseres Wesens ist uns klar, aber den anderen nicht. Es sind die intimen Ecken unserer Seele, die wir vor anderen verbergen, die nicht immer wissen müssen, wie uns zumute ist. Zum Beispiel: was mich traurig und müde macht, womit ich zu kämpfen habe. Es gibt auch einen Teil unseres Wesens, der ist den anderen bekannt, aber uns selbst nicht. Andere können etwas an mir wahrnehmen, das ich nicht sehe, das ist mein blinder Blick. Das ist der Teil unseres Wesens, der für andere manchmal etwas anstrengend ist. Und schließlich gibt es einen Teil unseres Wesens, der ist weder uns noch den anderen bekannt. Nur Gott schaut in diese Tiefen unseres Wesens. Es gehört zu seiner Gnade, dass er uns nicht in die letzten Tiefen unseres Wesens schauen lässt, nicht in jeden Abgrund unserer Seele.

Aber manchmal ist es nötig, dass er uns hinsehen lässt. Manchmal ist es unverzichtbar, dass wir ein bisschen mehr über uns erfahren. Manchmal muss er uns etwas zeigen, ein bisschen tiefer schneiden und klarer offen legen, was Sache ist. Warum? Weil wir uns sonst verirren. Oder weil wir sonst anderen zu sehr weh tun. Oder weil wir sonst nicht wachsen können. Oder weil wir sonst den Anschluss verlieren wie weiland die Hebräer. Versteht Ihr, das bindet jetzt die Dinge zusammen: Wenn wir wachsen wollen und nicht zurückfallen sollen, dann ist es nötig, das das Wort Gottes lebendig, energisch und schärfer in bestimmte Tiefenschichten unseres Lebens eindringt.

Und das kann jeden dieser Bereiche betreffen:

1. Manches, das offenkundig ist, auch an der Oberfläche sichtbar, aber wo ich einfach nicht dran arbeiten will: ich weiß, ich müsste, aber ich will nicht.

2. Manches, das andere wahrnehmen und ich brauche den Dienst der Geschwister, mit mir hier God talk zu sprechen, Ermahnung und Ermunterung nach Gottes Willen.

3. Manches, das ich für mich behalte, das ich in wachen Momenten auch kenne, meine wahren Motive hinter dem, was ich fromm verkleide, meine Schattenmissionen, meine Strebungen nach Kontrolle, Macht, Anerkennung, meine geheimen Wünsche und Gedanken, meine unkontrollierte Wut, mein Ego, das sich in der Tiefe der Seele aufbläst und keinen Platz lässt für das, was Jesus will. Nach außen will ich nur Gutes, verantwortlich und fromm, seelsorglich und mit herzensguten Gründen, aber darunter tobt sich ein unheiles und ungebändigtes altes Ego aus.

4. Manches, das mir der Geist Gottes zeigen muss, obwohl es noch niemand sah, das ich aber sehen muss, damit ich wachsen kann.

Und dann bittet er um unser Vertrauen: Heute, wenn ihr seine Stimme hört, dann verstockt eure Herzen nicht, so heißt es 3x in unserem Kapitel im Hebräerbrief. So lebendig, so energisch, so messerscharf dieses Wort ist, so kommt es doch nicht als unwiderstehliche Naturgewalt. Ich kann hören oder mich verschließen. Ich kann mich öffnen oder versperren. Ich kann mich erweichen lassen oder steinhart werden. Gott bittet, dass wir hören, wenn er redet, auch wenn es weh tut.

Mir hat sich eine Begebenheit aus der Bibel aufgedrängt. Es ist die Begegnung des Propheten Natan mit dem mächtigen König David. David ist auf dem Höhepunkt seiner Macht. Und wie es die Mächtigen zuweilen halten, denkt er, ihm sei nun alles erlaubt. Er sieht eine schöne Frau im Nachbargarten, er begehrt sie, er holt sie sich, nimmt sie, schwängert sie, und um das Ganze zu vertuschen, stellt er ihren Ehemann an die gefährlichste Stelle der Kriegsfront, wo er prompt ums Leben kommt. Dann heiratet er die schöne Witwe und denkt, das alles sei ja prima gelaufen. Aber da schickt Gott sein Wort, um ein bisschen an Davids Seele zu schnibbeln. Gott schickt sein Wort und schneidet tief. Er schickt sein Wort wie so oft durch einen irdischen Boten, den Propheten Natan. Der erzählt dem David eine Geschichte von einem Reichen, der viele Schafe hat, und von einem Armen, der gerade mal ein Schaf besitzt. Und der Reiche in seiner Gier raubt dem Armen das eine Schaf. David erregt sich: Der Mann ist des Todes. Und Gottes Wort schneidet tief, kritisch, energisch, mitten ins Leben: Du bist der Mann, sagt Natan. Und David wird jedes Detail seiner furchtbaren Verfehlung klar. Er sieht, was er angerichtet hat. Er hört, was Gott davon hält. Er fühlt heiße Scham und tiefen Schmerz. Er spürt, wie das Blut an seinen Händen klebt. Das Heimliche wird offenbar. Heute, wenn du meine Stimme hörst, so verstocke dein Herz nicht. Und David, wird er hören und wird er es sich sagen lassen? Ja, genau das tut er. Unter Schmerzen gesteht er, was zu gestehen ist: „Ich habe gesündigt gegen den Herrn“ (2 Sam 12,13). Und er nimmt die schmerzhaften Folgen seines Tuns auf sich. Er erfährt Vergebung. Und er übernimmt Verantwortung. Ihm bleibt nicht erspart, dass sein Tun Folgen hat, das Kind, das er im Ehebruch gezeugt hat, stirbt, David trauert tief und lange. David überspielt auch nicht, was geschah, er nimmt sich Zeit: Buße und Umkehr ist hier auch ein Aushalten des Schmerzes, ein Bejahen der Folgen und dann ein Umdenken und Neuwerden und Andersleben.

Dieser Schnitt ist aber nicht der tödliche Schlag mit der Machete, es ist nicht das richtende Fallbeil. Es ist der nötige Schnitt des Arztes, der mit dem Skalpell den erkrankten Leib öffnet und das Bedrohlich-Krankhafte herausoperiert. Dazu zeigt er uns etwas von unserem Wesen, auch wenn es weh tut. Es ist eine harte Gnade, ein im Gegenteil verborgenes Zeichen tiefer Liebe, wenn Gott so mit uns umgeht.

Diese Geschichte kam mir in den Sinn, als ich über das Wort nachdachte, von dem es heißt, es sei lebendig und energisch und schärfer als jedes noch so scharfe Messer auf Erden.

Und ich denke, es sind drei handfeste Konsequenzen, die Gott uns mit diesem Abschnitt aus dem Hebräerbrief vor Augen stellt; das ist das Letzte:

Drittens: Die Aufforderung - Stellt euch der Anrede Gottes!

1. Es ist doch manchmal so, dass wir nicht wachsen, weil wir bestimmte Lebensbereiche nicht anschauen und schon gar nicht in Angriff nehmen. Wir meiden sie. Manchmal wissen wir ganz gut, dass etwas eigentlich nicht so ganz stimmt. Wir verbergen sie vor anderen, wir verbergen sie vor den Menschen, die uns ganz nah sind (mit unterschiedlichem „Erfolg“), wir verbergen sie manchmal vor uns selbst, machen uns selbst also etwas vor, und dann meinen wir auch noch, wir könnten sie vor Gott verbergen. Hier ist ein kleines Stückchen gute Nachricht in diesen harten Worten versteckt: Vor Gott liegt unsere Seele völlig offen und bloß. Er kennt uns durch und durch. Und er wendet sich nicht ab. Aber Stück um Stück, so wie wir es vertragen, beleuchtet er mal dieses und mal jenes, damit wir wachsen können. Er stellt nicht unsere ganzen Tiefen und alle Abgründe in helles Scheinwerferlicht. Das Wort Gottes ist kein „Nacktscanner“, der uns die Würde nimmt. Aber wenn uns etwas allmählich von Jesus wegziehen will, wenn etwas uns hindert, auf Jesus zuzuwachsen, dann schneidet er mit dem Skalpell seines Wortes in unser Leben hinein. Und das Aufregende ist: Er bittet, dass wir es zulassen. Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verstockt eure Herzen nicht.

2. Und dann lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen. Bei David war es die Schuld, das konkrete Versagen gegenüber Gottes Gebot. Bei Petrus war es die Selbstüberschätzung: Wenn alle anderen dich auch verlassen! Bei Johannes und Jakobus war es das Streben nach Macht: Rechts und links wollen wir sitzen – eine klassische Schattenmission! Bei den Pharisäern war es das Frommsein ohne Erbarmen, das zu Steinen greifen lässt. Beim reichen Jüngling war es das Streben nach sicherem Besitz, das ihn von Jesus fernhielt. Wo muss das Messer des Wortes bei uns die Klinge ansetzen, nicht um uns zu zerstückeln, sondern um uns zu heilen? Wo ist unsere geheime Strebung? Wo ist unsere Schattenmission? Wo sind unsere unvergebenen und ungeheilten Antriebe?

3. Der Schreiber des Hebräerbriefes weiß, wie hart seine Botschaft ist. Er weiß, dass manchmal eine so deutliche Ansprache nötig ist, auch wenn sie weh tut. Er weiß um unsere Verhärtungen, um unsere Verweigerungen, dem Wort Gottes Zugang zu erlauben. Darum redet er so. Er weiß aber auch um unsere Sorge, unser armes, zweifelndes Herz. Er weiß, wie schnell wir umkippen, aus stolzer Abwehr in tiefe Anfechtung, aus Selbstgewissheit in Selbstverurteilung. Und darum lenkt er direkt nach diesen harten Worten unseren Blick auf Jesus. Er sagt nicht: So, jetzt kennst du deine Schattenmission, jetzt weißt du um deine wunden Punkte, nun sieh du zu! Nein, gerade jetzt sagt er, wer uns nur zu gerne beisteht und hilft. Er zeigt auf den einen, der uns in der Tiefe kennt und nicht verachtet. Jesus, den er unseren Hohenpriester nennt, den Brückenbauer zwischen uns und dem heiligen Gott. Und darum wendet er unseren Blick auf Jesus und sagt: „Wir wollen also voll Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten, damit er uns sein Erbarmen schenkt und uns seine Gnade erfahren lässt und wir zur rechten Zeit die Hilfe bekommen, die wir brauchen.“

Und Gottes Volk stimmt ein und ruft: AMEN.

 

 


 Hebr 4,16.