Greifbar

GreifBar plus am 21.02.2010

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                          Geschüttelt, gehalten und gestärkt


Liebe GreifBar-Gemeinde, am heutigen ersten Sonntag in der Passionszeit werden wir gleich mitten in die Passionsgeschichte mit hinein genommen. Nach der Feier des letzten Abendmahls redet Jesus mit seinen Jüngern. Er wendet sich an Petrus:


    31 Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. 32 Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder. 33 Er aber sprach zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen. 34 Er aber sprach: Petrus, ich sage dir: Der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, daß du mich kennst. (Lukas 22,31-34)

 

1. Liebe GreifBar-Gemeinde, bei GreifBar sind wir an einer Stelle noch nicht so weit wie andere Gemeinden. Eine Ahnengalerie haben wir noch nicht. Dazu bräuchten wir eigene Räume. Dann könnten wir bei jedem Mitarbeiter, der aus dem Dienst verabschiedet wird, ein Bild aufhängen. Und damit es interessanter wird, kommt bei jedem ein passender Spruch dazu. Die könnten dann so lauten: Ein Musiker, der durch Üben noch Fortschritte machen kann. Oder: Die Königin des Abspülens. Aus einem Anfänger im Predigen kann noch ein Meister werden – usw.

In vielen Gemeinden gibt es solche Ahnengalerien. Meist sind dort aber nicht alle Mitarbeiter, sondern nur die Pfarrer zu sehen. Vor allem in alten Kirchen finden wir Bilder, Epitaphien und Tafeln mit Namen und Bilder all der ehrwürdigen Herren, die hier schon ihren Dienst getan haben.

Besonders natürlich dann, wenn so ein Pfarrer später berühmt wurde. Eine der Gemeinden, die einen berühmten Pfarrer hatte, ist Lübben im Spreewald. Wisst ihr, wer dort Pfarrer war? Der berühmte Liederdichter Paul Gerhardt! Paul Ger­hardt war die letzten sieben Jahre seines Lebens – von 1669-1676 – in Lübben Archidiakonus, also der leitende Pfarrer. Von ihm hängt in der Kirche in Lübben ein Bild. Jeder kann sich nun ausdenken, was für ein Spruch zu ihm passen würde: Der weltberühmte Liederdichter. Oder wenigestens eine bekannte Liedstrophe. Nichts dergleichen. Unter dem Bild steht ein Satz auf lateinisch: Theologus in cribo Satanae versatus. Auf deutsch: Ein Theologe, im Sieb des Satans hin und hergewendet. Seltsam und befremdlich. Ist das das erste und das wichtigste, was es zu Paul Ger­hardt zu sagen gibt? Stellt euch vor, das würde später einmal unter eurem Bild in der GreifBar-Ahnengalerie stehen (falls es eine solche Galerie überhaupt einmal geben wird): Ein Theologe, eine Theologin, im Sieb des Satans hin und hergewendet. Sozusagen als Quintessenz der Mitarbeit bei GreifBar?

Theologus in cribo Satanae versatus. Ein Theologe, im Sieb des Satans geschüttelt. Dieser Satz ist eine Anspielung auf unseren Predigttext. Dort redet Jesus nach der Feier des letzten Abendmahls mit seinen Jüngern. Er wendet sich an Petrus: Der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Die Ausleger sind sich nicht ganz einig, wie das Bild zu verstehen ist. Wahrscheinlich müssen wir uns ein Sieb vorstellen, in das der Weizen mit allerhand Unrat und Spreu hineinkommt. Dann wird kräftig geschüttelt, damit der Unrat und die Spreu sich vom Weizen lösen und die Frucht übrig bleibt. Und der Satan, der geht wohl davon aus: wenn ich nur die Christen alle recht schüttele, dann bleibt am Ende nichts im Sieb zurück. Da wird sich zeigen, dass Christen auch nicht anders sind als andere Menschen. Auch sie werden durch das Sieb fallen oder vom Wind weggeblasen.

Das ist das erste: Stellt euch darauf ein – es wird gesiebt!

Zurück zu Paul Gerhardt. Ein Theologe, im Sieb des Satans hin und hergewendet. Wenn wir auf das Leben von Paul Gerhardt schauen, wird das verständlich: In der Mitte seines Lebens lagen die Nöte und Wirren des 30jährigen Krieges. Vier seiner fünf Kinder musste er selbst zu Grabe tragen. Ein Jahr, bevor er nach Lübben kam, starb seine Frau. Hinzu kamen Schwierigkeiten mit der Kirchenleitung. Es war die Zeit, in der um das rechte Bekenntnis gestritten wurde. Paul Gerhardt blieb seinem Gewissen treu und verlor deshalb sogar seine Pfarrstelle. In seinen letzten Jahren in Lübben machten ihm körperliche Leiden zu schaffen. Als Paul Gerhardt in Lübben Pfarrer wurde, da war er - so würden wir es heute sagen: einer, der vom Leben gezeichnet war.

Nun ist es aber unter dem Bild von Paul Gerhardt anders formuliert. Nicht: „Einer, der vom Leben gezeichnet ist“, sondern: Ein Theologe, im Sieb des Satans hin und hergewendet. Das lässt tiefer blicken und zeigt Hintergründe auf: Es geht nicht nur um Zufälle oder Schicksale im Leben. Nichts, was mir im Leben widerfährt, ist losgelöst von meiner Beziehung zu Gott. Wo ich mit Gott lebe, stellt sich mir angesichts solcher Widerfahrnisse die Frage: Warum lässt Gott so etwas zu? Es geht um Anfechtungen. Um Anfechtungen, die meinen Glauben, mein Vertrauen zu Gott in Frage stellen. Da, wo mir zweifelhaft wird, ob Gott es wirklich gut mit mir meint. Das kann so weit gehen, dass ich meine, Gott sei gegen mich. Mein Glaube wird erschüttert und gerät ins Wanken.

Paul Gerhardt war so einer, der gesiebt und geschüttelt wurde. Nicht Streicheleinheiten, sondern Schütteleinheiten waren kennzeichnend für sein Leben. Das war bei den Jüngern Jesu nicht anders. Der Satan legte seine Hand an sie. Das führte zu Erschütterungen, zu Anfechtungen. Wer zu Jesus gehört, muss sich darauf einstellen, dass auch in seinem Leben gesiebt und geschüttelt wird. Paul Gerhardt wurde durch alle Anfechtungen hindurch getragen. Offensichtlich wurde er kräftig geschüttelt, ist aber nicht durch das Sieb durchgefallen. Seine Lieder legen davon Zeugnis ab. Aus den Zusagen Gottes der Bibel schöpfte er seine Kraft. Bis heute geben seine Lieder Menschen Kraft in Anfechtungen. Denken Sie nur an das Lied Befiehl du deine Wege. Oder an einen Vers, den wir oft als Gute-Nacht-Lied für unsere Kinder gesungen haben: Will Satan mich verschlingen, so lass die Englein singen: dies Kind soll unverletzet sein.

Anfechtungen gehören zum Christenleben. Martin Luther nannte drei Dinge, die zum Theologiestudium gehören. Er nennt nicht Sprachen, Bibelkunde, Predigtlehre und ähnliche Dinge. Er meint das Theologiestudium im weiteren Sinn. In einem Sinn in dem wir alle Theologen, Gottesgelehrte sind. Die drei Kennzeichen eines Theologen sind - wieder zunächst auf lateinisch: oratio, meditatio, tentatio. Oratio: Gebet; meditatio: Meditieren, Bedenken, Nachsinnen über das Bibelwort – und tentatio: Anfechtung. Gebet und Bibelbetrachtung leuchten ein. Aber Anfechtung? Das mag einen seltsam vorkommen. Aber genau so ist es gemeint: Wer im Glauben wachsen will, braucht mehr als nur die Anhäufung von Wissen. Dazu gehört ein Leben mit Gott. Ein Leben, in dem nicht immer alles glatt läuft. Sonst würden wir irgendwann denken: Was für ein vorbildlicher Christ bin ich doch! Deshalb gehört zum Christenleben die Anfechtung. Nicht, weil Gott uns das Leben schwer machen und als Hindernislauf gestalten will. Die Anfechtung soll uns zu Gottes Zusagen, in seine Arme treiben. Martin Luther schreibt dazu: „Zum dritten ist da Tentatio, Anfechtung. Die ist der Prüfestein, die lehret dich nicht allein wissen und verstehen, sondern auch erfahren, wie recht, wie wahrhaftig, wie süsse, wie lieblich, wie mächtig, wie tröstlich Gottes Wort sei, Weisheit über alle Weisheit“ (WA 50, 660, 1ff).

Anders formuliert: Alles Sieben und Schütteln dient der Erfahrung, dass auf Gott Verlass ist, dass er uns hält uns trägt.

Das war das erste: Stellen wir uns darauf ein – es wird gesiebt! Wenn wir beim Bild des Siebens bleiben, dann müsste Petrus eigentlich durchgefallen sein. Er wurde gesiebt, sein Glaube wurde auf die Probe gestellt – und er fiel durch. Glaubensprüfung nicht bestanden. Damit sind wir beim zweiten:

2. Stellt euch darauf ein - es wird verleugnet!

Ein paar Stunden vorher sieht es noch ganz anders aus. Selbstbewusstsein ist nicht das Problem des Petrus. Ihm ist es ernst, wenn er verspricht: Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen. Wir halten Petrus heute für einen Angeber, der seinen Mund zu voll nahm. Aber wir wissen ja auch, wie es ausging. Zunächst ist es ein Versprechen, das mir Respekt einflößt. Heute sagen viele nur noch: ich möchte versuchen, halbwegs christlich zu sein. Hier aber ist einer, der wirklich Ernst mit der Nachfolge machen will. Einer, der weiß, worauf es ankommt: nicht darauf, ab und zu sogenannte christliche Grundsätze zu vertreten, sondern sich zu Jesus zu bekennen und ihm treu zu bleiben – treu bis in den Tod. Petrus hat Wesentliches vom Glauben begriffen. Zum Glauben gehört Treue, die Treue zu Jesus.

Eines aber hat Petrus übersehen: der gute Wille, die guten Vorsätze allein tun es nicht. Glaube ist mehr als ein Ausdauersport, bei dem es auf gute Kondition ankommt. Im Kraftfeld zwischen Gott und Satan kann der gute Wille allein nicht bestehen. Selbst Menschen, die sich Christen nennen, versagen. Und das Schlimmste ist: Das kommt nicht nur bei andern vor, das kann mich selbst betreffen.

Sollen wir deshalb die Erwartungen niedriger schrauben und sagen: Ein guter Wille und gute Vorsätze sind auch schon viel wert? Versagen ist menschlich. Dann würden wir uns mit einem Glauben zufrieden geben, der nicht ans Ziel kommt, der unterwegs scheitert. Das Ziel sollten wir nicht verrücken. Aber der Glaube braucht ein anderes Fundament. Um ans Ziel zu kommen, darf der Glaube nicht nur auf meinen guten Willen und meine religiöse Kondition gebaut sein. Dass Petrus trotz seines Versagens in der Gemeinde Jesu wichtige Aufgaben übernahm, hat einen anderen Grund. Das lag nicht an seiner Glaubensstärke, sondern daran, dass ein anderer für ihn eintrat – Jesus selbst. Damit sind wir beim Dritten:

3. Stellt euch darauf ein - es wird gebetet!

Jesus selbst tritt bei Gott für seine Jünger ein. Wie ein Anwalt vor Gericht für seinen Mandanten tritt er für Petrus ein, und er tritt bis heute für alle ein, die ihm treu bleiben wollen. Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Jesus will den Petrus nicht vor der Versuchung bewahren. Er erbittet nicht, dass dem Petrus der Fall, das Versagen erspart bleibt. Er will ihn durch die Versuchung, durch den Fall hindurch bei sich erhalten.

Wo Petrus auf sich selbst sieht, da kommt er zu Fall. Wo er auf Jesus sieht, da wird er getragen. Viele von uns werden die Geschichte vom sinkenden Petrus kennen. Petrus darf auf dem See zu Jesus kommen. Als er den Wind und die Wellen sieht, erschrickt er und beginnt zu sinken. Wo er auf sich sieht, wo er den Glauben bei sich selbst und seiner Ausdauer festmacht, da geht es schief. Als Jesus verhaftet und verhört wird, wiederholt sich das. Anders ist es, wo er von sich selbst weg auf Jesus sieht. Glauben heißt: von mir selbst weg auf Jesus sehen. Auf Jesus, der mich mit meinem schwachen Glauben durch alle Stürme des Lebens, ja selbst durch die Erschütterungen im Sieb des Satans hindurchträgt. Auf Jesus, der treu bleibt, auch da, wo ich schuldig werde, wo ich versage und untreu bin. Dass mein Glaube ans Ziel kommt, das hängt nicht an meinem guten Willen oder an meinem Durchhaltevermögen. Das hängt einzig und allein an der Treue Jesu. Jesus hat Petrus nicht aufgegeben. Er lässt niemand fallen, der mit leeren Händen zu ihm kommt, mit seinem Versagen. Wer wie Petrus zu Jesus umkehrt und seine Schuld vor ihn bringt, der erfährt Vergebung und einen Neuanfang. Unser Glaube lebt nicht durch unsere eigene Standhaftigkeit, sondern allein deshalb, weil Jesus uns durchträgt. Im Glauben gibt es keine Helden, sondern nur Gehaltene. Frauen und Männer, die sich von Jesus halten lassen. Die nicht auf ihre eigene Glaubensstärke bauen, sondern allein auf die Treue Jesu. Weil er treu ist, gibt es Gewissheit: die Gewissheit, dass Jesus mich ans Ziel bringen wird. Die Gewissheit, dass Gott - so schreibt Paulus es an die Gemeinde in Philippi – der in uns angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu (Phil 1,6). Stellt euch darauf ein, es wird gebetet: Jesus selbst tritt für uns ein! Nun zum vierten:

4. Stellt euch darauf ein – ihr werdet gestärkt und andere stärken!

Das Christsein des Petrus endete nicht in der Nacht, als er Jesus dreimal verleugnete und der Hahn krähte. Dieses komplette Versagen war sicher ein tiefer Einschnitt, nachdem er kurz vorher noch den Mund so voll genommen hatte. Und alle hatten es mitbekommen! Wie sollte Petrus jemals wieder vor die andern und vor allem vor Jesus treten? In dieser Nacht und in den folgenden Tagen war kein Platz für große Pläne. Eine tiefe Trauer und Scham ergreifen Petrus. Aber das hindert Jesus nicht, seine Pläne mit Petrus weiterzuführen. In jeder Firma und wahrscheinlich auch in unseren Kirchen wäre Petrus entlassen worden. Anders bei Jesus. Der Petrus, dessen Schwäche offensichtlich wurde, der soll andere stark machen. Der, der auf der ganzen Linie versagt hat, bekommt Verantwortung für andere übertragen. Das stellt alle Grundsätze von Führung und Leitung auf den Kopf. Er soll seine Brüder stärken.

Jeder, der selbst Anfechtungen und Schuld erlebt hat, kann andere in ähnlichen Situationen verstehen. Wer selbst getragen wird, kann auch andere trösten. Menschen, die eine seelsorgliche Begabung haben, sind häufig solche, die selbst schwach sind - und ihre Schwäche kennen.

Petrus soll seine Brüder und Schwestern stärken. Er soll andern beistehen, die gerade im Sieb des Satans geschüttelt werden. Er soll für andere beten, die Anfechtungen und Zweifel durchleiden. Aus dem heraus, was er selbst erlebt hat, wird er andern ihr Vertrauen auf Gott stärken: Das Vertrauen darauf, dass Jesu Hand stärker ist als das Schütteln des Satans. Das Vertrauen darauf, dass Jesus seine Leute, dass er mich und dich nicht loslässt, sondern uns durchtragen wird bis ans Ende.

Darf ich Euch fragen: Wo gab es in eurem Leben so einen Petrus oder eine Petra, die euch gestärkt haben? Und noch eine zweite Frage: Wo will Jesus mich zum Petrus, zur Petra für andere machen: zu einem, der andere im Glauben stärkt?

Liebe GreifBar-Gemeinde, wir stehen am Beginn der Passionszeit. Diese Zeit will uns helfen, den Weg Jesu ins Leiden zu bedenken. Den Weg, den er für uns ging – und zugleich der Weg, auf dem er uns mitnimmt. Wer in der Nachfolge Jesu steht, dem bleiben Anfechtungen und Versuchungen nicht erspart. Petrus musste sich auf manches einstellen. Die Worte, die Jesus ihm mitgab, sollten ihn später daran erinnern. Die Worte Jesu helfen uns, uns auf das einzu­stellen, was uns auf dem Weg der Nachfolge bevorstehen kann. Nicht, um uns Angst einzujagen, sondern um unseren Blick auf Jesus zu richten. Um unser Vertrauen auf Jesus zu stärken: Seine Macht ist stärker als der Satan. Er, der Sohn Gottes ist gekommen, dass er die Werke des Teufels zerstöre - – so auch der Wochenspruch für diese Woche (1. Johannes 3,8b). Jesus selbst tritt vor Gott für uns ein und wird unseren schwachen Glauben durchtragen.

Er wird mich durchtragen – und er möchte mich dazu benutzen, andere zu tragen, andere im Glauben zu stärken und aufzurichten. Amen.