Greifbar

GreifBar plus am 28.03.2010

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                                             Auf Reisen


    5 Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht: 6 Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.  Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.  Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind,  und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters. (Phil 2,5-11)

 

Ihr Lieben,

Ist das nicht ein krasser Text? Was wird hier nicht alles gesagt und uns vor Augen gemalt? Die ganze Jesusgeschichte samt theologischer Deutung in einem einzigen kurzen Abschnitt. Wie dicht und wie präzise, wie poentiert und wie deutlich wird hier zusammengefasst, was es mit Jesus auf sich hat. Diesen Text kann man eigentlich nicht predigen. Diesen Text kann man nicht auslegen. Diesen Text kann man nur meditieren, nur kauen, nur nachsinnen, sich darin versinken und ihm sich anvertrauen.

Wenn wir uns diesem sog. Philipperhymnus nun doch nähern, dann kann das kein Ersatz dafür sein, dass Ihr Euch noch mal hinsetzt, Euch noch mal Zeit nehmt diese Woche - noch mal meditiert, nachsprecht, kaut, Euch dem Text ganz persönlich aussetzt und darin einstimmt.

 

Was habe ich vor mit Euch? In zwei Kreisen wollen wir uns dem nähern was Paulus den Philippern schreibt und was das für uns bedeuten könnte.

1. Mit Jesus auf Reisen

2. Wie Jesus auf Reisen

1. Mit Jesus auf Reisen.

Der Hymnus nimmt uns mit auf eine Reise. Er nimmt uns mit auf die Jesus-Reise. Zeigt uns Jesus und malt uns ihn vor Augen. Wir reisen mit. Anschnallen und los.

Wir Starten oben. Der Startpunkt ist bei Gott. Der Ausgangspunkt ist Gottesgemeinschaft. Jesus war bei Gott. Jesus war Gott gleich. Er war wie Gott.

Und das ist auch schon alles, was wir vom Start wissen sollen. Vielmehr erfahren wir nicht. Und das brauchen wir auch nicht. Natürlich fragt mancher jetzt weiter, will es genau wissen, will ergründen was das bedeutet. Aber wir wissen nun eben nicht genau, was das im Einzelnen bedeutet, wir wissen nicht wie viel Macht Jesus nun genau hatte, wie hell er gestrahlt hat, wie mächtig er im Einzelnen war, wie seine himmlische Kleidung aussah, wie viele Engel ihm gedient haben und was er mit Gott besprochen hat. Wichtig ist allein, dass die Jesus-Reise ganz oben beginnt. Ganz beim Vater. „Er, der in göttlicher Gestalt war“ – ein halber Vers. Von Interesse ist ausschließlich, das Jesus war wie Gott und nicht ein Mensch.

Mehr Einzelheiten gibt es nicht – sorry.

 

Weiter geht`s

Jesus beim Vater. Und doch: Jesus hielt es nicht für einen Raub Gott gleich zu sein. „Es nicht für einen Raub halten“ ist ein Sprichwort. Gemeint ist, dass Jesus nicht gierig daran festhielt, wie Gott zu sein. Im Deutschen ist es etwa wie „das ist ein gefundenes Fressen“. Es geht nicht um einen Raub, es geht darum, dass Jesus seine himmlische Komfortzone verlässt, Jesus macht sich auf den Weg, lässt alles hinter sich, was ihm Sicherheit, Macht, Einfluss, Größe gibt. Jesus hält nicht daran fest, Gott zu sein.

Sicherheitslos, ohnmächtig sich auf andere verlassend kommt er auf die Welt. Jesus ver-lässt sich. Er lässt sich selbst los und lässt sich auf Menschen ein. Jesus wird selbst ganz Mensch.

Auch das können wir so richtig nicht begreifen. Wir können es nur staunend nachsprechen. Wissen wir denn was es bedeutete wie Gott zu sein, Gott zu sein? Nein, wir wissen nicht, was Jesus hinter sich gelassen hat, aus welcher Sicherheit heraus er sich in die Unsicherheit der Welt begeben hat. Wir können es nur erahnen.

Und dieses Erahnen schon ist unglaublich. Jesus macht sich missverständlich. Er ist wie du und ich. Er kommt hinunter, begibt sich hinein in die Welt, die von Sünde und Schmutz und Dreck und Greul und Tod und Schande, Vergewaltigung, Unrecht deformiert ist. Jesus hatte Schnupfen. Jesus war der Meinung der andern ausgeliefert. Über ihn wurde getratscht. Über ihn wurde gelästert. Er musste sich sagen lassen, wie man arbeitet als Tischler. Jesus musste aufs Klo, Jesus hat sich vielleicht auch mal geschnitten beim Zwiebelschälen und dabei sind ihm die Tränen in die Augen gekommen. Jesus hatte Freunde und Feinde. Er hat geliebt und war enttäuscht. Er hat nicht die Welt überrannt mit göttlicher Macht. Jesus war Mensch wie Du und ich. Abhängig, angefochten, ausgestoßen, erfreut vielleicht vom anbrechenden Frühling, vielleicht hat er auch den Winter nicht gemocht oder hatte Heuschnupfen. Jesus verlässt die göttliche VIP-Lounge, verlässt die göttliche Rundumversicherung. Geht herunter vom himmlisch roten Teppich, verlässt seine Bodyguards, sein sicheres Himmelbett, seinen Thron, Jesus kommt von der himmlischen Schaltzentrale hinab auf die Erde.

Jesus hat Hunger, Durst, Akne, muss zum Frisör, muss sich anhören, wie seine Eltern ihn ausschimpfen und muss sich von ihnen etwas sagen lassen. Er ist nicht nur so ein bisschen Mensch, er ist nicht Gott mit einem menschlichen Mantel. Er ist ganz Mensch, mit allem was dazugehört. Trauer, Liebe, Hoffnung, Sehnsucht, Angstschweiß, Versuchung, Sonnenbrand, Blasen an den Füßen, Freundschaften, Feindschaften, Durst.

Ich kann es mir nicht vorstellen, was das bedeutet aus der himmlischen Komfortzone sich angreifbar zu machen, alle Sicherheiten hinter sich zu lassen. Bis zum Tod.

 

Würden wir das machen? Würden wir alle Sicherheit der Welt aufgeben für andere und weil Gott es will?

Sehnen wir uns nicht vielmehr nach der Sicherheit? Nach Halt? Nach sicheren Autos z.B. oder nach finanzieller Absicherung. Sehen wir uns nicht nach gesicherter religiöser Erkenntnis? Wollen wir nicht auf der sicheren Seite des Lebens stehen? Verlässlichkeit ist uns doch eine wichtige Tugend – oder? Wir bauen Häuser, dass wir nicht mehr draußen unsicher dem Wetter ausgeliefert leben müssen? Würden wir alle Sicherheit aus der Hand geben, wenn wir sie hätten?

Ist das begreifbar? Ich kann es nicht begreifen. Ich stehe nur mit offenem Mund vor Jesus und denke: das hast Du gemacht? Du mit deiner ganzen Macht hast Dich macht-los gemacht? Du, der Du mit aller Sicherheit der Welt ausgestattet warst machst Dich missverständlich. Jesus, Du lieferst Dich meiner Deutung meiner Interpretation aus? Du überrennst mich nicht mit Deiner Meinung aber hältst damit auch nicht hinter dem Berg? Wie krass!

Wie kann man nur alles verlassen, um zu dienen? Wie kann man nur, wenn einem die Welt quasi zu Füßen liegt und man sich um nichts mehr sorgen muss, wenn man keine Angst mehr haben muss, wenn man sich in allem sicher ist, wie kann man das alles verlassen, um Mensch zu werden. Und nicht nur so ein bisschen sondern ganz.

Un-glaublich und doch wahr!

 

Und die Reise ist noch nicht zu Ende. Sie geht weiter.

Sie geht bis hinab in die tiefste Unsicherheit die es gibt auf der Welt. Jesu Reise geht bis in den Tod. Sie geht bis hin zum Verbrechertod.

Wir haben im Evangelium gehört, wie Jesus nach Jerusalem einzieht. Als König. Ja natürlich. Und doch auch wieder nicht. Er zieht nicht als der König ein, für den ihn die Leute halten, nicht als der König, der mit Macht die Römer aus dem Land drängt. Jesus ist angreifbar. Er lässt sich be-mächtigen. In der Karwoche ist das besonders Thema. Wie hat Jesus sich hingegeben in die Unsicherheit der Welt, in die Missverständlichkeit, wie sehr hat er sich ausgeliefert. Bis in den Tod hinein. Er hat alles durchschritten.

Jesus hat sich hingeben für Dich - für die Menschen und an die Menschen, er hat sich hingeben an die Welt. Er liebt dich und mich so sehr, dass er die Sicherheit aufgibt und Deinen und meinen Tod durchleidet und: ihn überwindet.

2. Wie Jesus auf Reisen

Paulus zitiert den Hymnus. Paulus malt uns Jesu Reise vor Augen, nimmt uns mit hinein. Warum macht er das? V5 „Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht“ – oder anders: Seid so gesinnt, wie es (dem Leben) in Christus Jesus (entspricht).

Diese Jesus-Reise ist Richtschnur für unser Sein als Christ.

 

Als Christen starten wir unser Christen-Leben als Gottes-Kinder. Auch wir starten oben, bei Gott, nicht wie Gott aber bei Gott. Wir sind ausgestattet mit Seinem Zuspruch, seinen Verheißungen, seinem Wort, seiner Macht und mit seiner Gewissheit. Nichts kann uns trennen von seiner Liebe, nichts kann uns mehr zu Tode Erschrecken, denn der Tod hat seine Macht über uns verloren. Wir sind Erben Gottes. Wir sind seine Kinder. Wir können mit dem großen Vater spielen, mit ihm reden, uns von ihm beeindrucken lassen, von ihm hören, an seiner Macht Anteil haben. Wir sind auf der sicheren Seite. Wir haben alles, was wir zum Leben und zum Sterben brauchen, weil wir auf Gottes Schoß sitzen, in der besten und größten und beeindruckendsten VIP-Lounge die es gibt. Wir schauen mit ihm auf die Welt, sehen, was er mit ihr vor hat, wie er sie liebt, wie er sich hingibt. Wir sind dabei, wenn er sich freut, dass wieder jemand neues seinen Platz bei ihm gefunden hat. Wir sind bei Gott. Wir sind in der himmlischen Komfortzone.

Gemeint ist damit nun nicht, dass wir alle menschliche Sicherheit haben.

Christsein nun befriedigt gerade nicht unser Sicherheitsdenken sondern führt uns in die Abhängigkeit von Gott. Wenn wir bei Gott auf dem Schoß sitzen, haben wir nicht, sondern bekommen. Wenn wir bei Gott auf dem Schoß sitzen, haben wir nicht, sondern werden beschenkt. Wir haben keine Sicherheit in der Hand, die wir jetzt vorzeigen könnten, kein „hier schau mal, das ist Gott“, sondern wir sind angewiesen auf ihn. Als Gottes Kinder kann uns nichts erschrecken aber das heißt nicht, dass wir volle menschliche Sicherheit haben. Wir leben auf der Erde und haben mit den gleichen Missverständnissen und Krankheiten und Greueltaten der Welt zu kämpfen wie auch Jesus. Sicherheit im Sinne von „fest haben“ und „fest halten“ gibt es auch als Christ nicht, aber es gibt Gewissheit Kind Gottes zu sein.

Und so gilt die Aufforderung für uns, die wir oben bei Gott sitzen, nicht zu klammern, sondern zu dienen, hinabzugehen in die Welt. Gott will nicht, dass wir aus der Gemeinschaft mit ihm nun wieder eine Selbst-Sicherheit machen. Wenn wir wie Jesus reisen dann heißt das doch sich loszulassen – sich selbst zu ver-lassen.  Sich verlassen auf Gott, sich auszuliefern wie Jesus es tat.

Doofe Aussichten? Ja und nein.

Ja, doofe Aussichten, weil wir als Christen wie Jesus reisen - und das ist nicht immer einfach. Das ist teuer und gegen all unser menschliches Sicherheitsdenken. Wir sind sicher bei Gott und dennoch in der Welt der Welt ausgeliefert. Wir sind sicher bei Gott und dennoch in der Welt der Welt ausgeliefert.

Nein es sind keine doofen Aussichten, weil Jesus der König der Könige ist.

Einen Weg bei der Jesus-Reise haben wir noch nicht bedacht. Es ist der Weg Jesu zum Vater. Der Hymnus beschreibt wie das antike Thronbesteigungszeremoniell, wie Jesus zum Herrn über alle Herren gemacht wird. Jesus erhält die Krone. Und die, die wir der Jesus-Reise folgen, bekommen zugesprochen, dass wir die Krone des Lebens haben.

Es sind keine doofen Aussichten. Warum sollten das auch doofe Aussichten sein, wenn wir uns dem Herrn aller Herren ausliefern? Wie kommen wir auf die Idee, dass es doof ist, wenn Gott unsere Hand hält. Sein Kraftfeld verlassen wir nicht, auch wenn wir noch in der Welt sind und uns das belastet.

 

Geht das nun noch etwas konkreter? Wie sieht es aus, wenn wir wie Jesus auf Reisen sind?

Das kann konkret für jeden anders aussehen.

Vielleicht kann es beideuten mit Herzklopfen mal beim Nachbarn anklopfen und freundlich zum Kaffee einladen. Ausgeliefert den Meinungen der Leute auf der Straße für GreifBar werben. Ganz unsicher bezeugen von dem was man glaubt und was einem Hoffnung gibt. Für den Spötter im Bioseminar beten. Den Freund vorsichtig zum Glaubensgrundkurs einladen.

Ich kann euch nicht sagen, was das konkret bedeutet, sich auf Jesus zu ver-lassen. Ich kann euch nur Mut machen, in aller Schwachheit und auch in aller Stärke sich auf Christus hin auszurichten.

Gott hat versprochen in den Schwachen mächtig zu sein.

Er ist in denen mächtig, die sich ihm anvertrauen, er ist mächtig in den Stammelnden, in denen, die ihr Vertrauen nicht auf ihre eigene Sicherheit, ihre Überredungskünste, ihre Stärke, ihren Intellekt, ihren Charme, ihre Genauigkeit, ihre Hilfsbereitschaft, ihre Selbstaufgabe stecken. Gott ist in den Schwachen mächtig, die sich in all ihrer Schwachheit an Gott klammern. Sich an ihn halten. Sich von ihm bestimmen lassen. Gott ist denen mächtig, die ihre Stärken, ihre Argumente, ihre Vernunft, ihre Hilfsbereitschaft, ihr Lächeln, ihren Charme, ihre Ausstrahlung nicht für sich nutzen sondern von Gott bestimmen lassen.

 

Ein Beispiel aus meinen letzten beiden Wochen:

Die letzten zwei Wochen war ich auf einer Freizeit mit über 30 Theologiestudenten. Wir haben die Geisteshaltungen der letzten Jahrhunderte angeschaut und versucht zu verstehen, wie Menschen versucht haben die Bibel zu verstehen. Dabei ist uns aufgefallen, dass sich viel zu oft auf den Menschen und nicht auf Gott verlassen wurde. Wir haben gesehen, dass viele hohen Geister ihre Vernunft oder ihr religiöses (auch frommes) System höher einschätzten als ihr Vertrauen auf Jesus, wir haben gesehen, dass viel zu oft nicht Gott auf dem Thron unseres Theologietreibens steht.

Es war beeindruckend zu sehen wie das junge Studenten heilsam aufgerüttelt hat. Manch einer hat seine Sünde bekannt, nicht Gott Gott sein lassen zu wollen.

 

Wenn wir mir Jesus auf der Reise sind, dann sehen wir, wie er seine himmlische Komfortzone verlässt und sich ausliefert, sich missverständlich macht und dennoch ganz zu Gott gehört. Jesus lädt uns ein, wie er selbst auf Reisen zu gehen und sich ganz auf ihn zu ver-lassen. Wie das konkret aussieht kannst Du herausfinden, wenn Du mit Jesus sprichst. Ich mache Dir Mut dazu.

 

Und wenn Gottes Volk zustimmt, ruft es

Amen