GreifBar plus am 09.05.2010
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Gebet: freundlich geboten, zuerst und für alle!
- 1 Das Erste und Wichtigste, wozu ich die Gemeinde auffordere, ist das Gebet. Es ist unsere Aufgabe, mit Bitten, Flehen und Danken für alle Menschen einzutreten, 2 insbesondere für die Regierenden und alle, die eine hohe Stellung einnehmen, damit wir ungestört und in Frieden ein Leben führen können, das Gott in jeder Hinsicht ehrt und das in allen Belangen glaubwürdig ist. 3 In dieser Weise zu beten ist gut und gefällt Gott, unserem Retter, 4 denn er will, dass alle Menschen gerettet werden und dass sie die Wahrheit erkennen. 5 Es gibt nämlich nur einen Gott, und es gibt auch nur einen Vermittler zwischen Gott und den Menschen – den, der selbst ein Mensch geworden ist, Jesus Christus. 6 Er hat sein Leben als Lösegeld für alle gegeben und hat damit zu der von Gott bestimmten Zeit den Beweis erbracht, dass Gott alle retten will. (1.Tim 2,1-6)
Liebe GreifBar-Gemeinde,
darf man das? Beten – für eine gute Note oder eine plötzliche Erkrankung der Lehrerin, für den Sieg oder die Niederlage eines Football-Teams? Ich muss Euch ein Geständnis machen: Wenn es so richtig hoch her geht, wenn Magdalena Neuner beim stehenden Anschlag im Biathlon unbedingt alle 5 Scheiben treffen muss, oder wenn es beim Fußball darum geht, doch noch in der 93. Minute das 2:1 für Werder Bremen zu erzielen, dann durchzuckt mich eine kurze theologische Kontroverse. Der verzweifelte Fan in mir ruft: „Was, wenn ich mal so ein kurzes Gebet, nur mal ausnahmsweise, für Werder, gegen den HSV ...?“ Der Theologe in mir schaut entsetzt: „Was denkst Du Dir denn da? Noch alles in Ordnung? Beten für ein Tor, für einen Biathlon-Wettkampf?“ Der Fan gibt sich nicht so schnell geschlagen: „Warum nicht, ich dachte, ich darf für alles beten, eine Freundin von uns betet um einen guten Parkplatz in der überfüllten Innenstadt – und kriegt ihn!“ Der Theologe bleibt streng: „Auf keinen Fall! Du kannst den Himmel nicht für Deine unbedeutenden Leidenschaften beanspruchen!“ Der Fan guckt traurig. Der Theologe guckt streng. Dem Fan blutet das Herz. Der Theologe lässt sich nicht beeindrucken. Am Ende setzt er noch eins drauf: „Was soll Gott denn tun, wenn ein Fan für Werder und der andere für den HSV betet? Antwort: Gar nichts! Er lehnt sich gemütlich zurück und genießt das Spiel.“ Der Fan findet es nicht zum Lachen und schmollt, zumal der Schlusspfiff allen Hoffnungen ein Ende bereitete.
Dahinter steht schon eine ernste Frage: Wofür beten wir mit Recht und begründeter Zuversicht? Es kann ja sein, dass wir mit Herzblut für Belangloses beten. Und dass wir irgendwie spüren: Das ist nicht unbedingt etwas, wofür wir beten sollten. Und es kann umgekehrt auch sein, dass wir ohne Herzblut für Belangvolles beten, für den Weltfrieden und die Erweckung, für Gottes Namen, sein Reich und seinen Willen, wie im Himmel und auf Erden, aber im Grunde lässt uns das ziemlich kalt. Wofür beten wir mit Recht und mit begründeter Zuversicht?
Wir könnten darüber jetzt Lichtjahre nachdenken, endlose Predigten hören und viele kluge Gedanken austauschen, aber es geht in den Zeilen aus dem ersten Brief an Timotheus nur um weniges, um weniges, das wir an diesem Sonntag bedenken sollen. Wir könnten alle denkbaren Anfrage an das Beten und Nöte mit dem Beten aufzählen und bearbeiten. Tun wir aber nicht. Dieser Sonntag in der Osterzeit heißt „Rogate“, das ist lateinisch und bedeutet „Betet!“ Eine Aufforderung, ja im Grunde ein Imperativ, ein Befehl. Wer Ostern gefeiert hat und erfuhr, dass der Herr auferstanden, ja wahrhaftig auferstanden ist, der soll beten, und er soll wissen: Gebet ist freundlich geboten, und zwar zuerst und für alle. Das ist der eine Gedanke, den ich gerne etwas entfalten möchte: Gebet ist freundlich geboten, und zwar zuerst und für alle.
Zunächst: Gebet ist freundlich geboten
„Das Erste und Wichtigste, wozu ich die Gemeinde auffordere, ist das Gebet,“ schreibt der Apostel an Timotheus. Vielleicht mögen wir Gebote nicht so sehr. Wie sollten wir zu so etwas Intimen per Gebot aufgefordert werden? Ist das nicht ein bisschen arg fremd?
Nein, es ist der größte denkbare Trost in Sachen Gebet. Warum? Weil es mir klar macht, dass ich nicht bete, weil ich übergeschnappt und größenwahnsinnig geworden bin, sondern weil Gott selbst es so haben will. Ich will es noch einmal persönlich sagen: Meine Probleme mit dem Beten haben nur in „extremen Krisen“ mit Fußball zu tun. Meine Probleme mit dem Beten haben auch nicht zuerst mit der Frage zu tun, ob Gott erhört oder warum wir es so selten verspüren. Wir haben erlebt, wie weh das tut, als wir für Gabi Batram-Naujocks beteten und sie am Ende doch starb. Meine Probleme fangen aber noch ein Stück eher an; und sie liegen auch weniger auf Gottes Seite als auf meiner eigenen: Wenn ich bete, frage ich mich oft, was ich da eigentlich tue. Genauer: Ob ich eigentlich noch alle Tassen im Schrank habe. Wieso das?
Mein Gegenüber ist unsichtbar, das ist das erste. Soll ich ihn mir vorstellen oder mir lieber kein Bild von Gott machen? Aber wie rede ich mit jemandem, von dem ich nicht einmal ein inneres Passphoto habe? Ich denke dann manchmal an das Bild des Gekreuzigten oder schaue auf ein Kreuz, nehme also Zuflucht zu den Bildern, die die Kunst für uns schuf. Oder ich denke an Zeichen seiner Schöpfung, die Sonne, die Berge, den Himmel. Oder ich denke an seine Gegenwart in den Armen, Gefolterten, Verfolgten, Hungrigen und Gefangenen. Oder ich denke an seine Gemeinde, hier in diesem Raum oder in einer gotischen Kathedrale oder in einem Kellerversteck in China. Und dann kann ich irgendwann auch denken: Er ist auch hier, nicht fern. Ich muss nicht brüllen, damit er mich hört. Flüstern reicht. Denken reicht. Seufzen reicht. Ihm alles hinhalten reicht. Mich hinhalten reicht. Er will es ja: Und dann bin ich ein wenig ruhiger: Er ist da. Er ist nicht fern. Ich stelle durch mein Gebet auch nicht den Kontakt erst her. Er ist da, streckt mir die Hand entgegen, wartet und gebietet freundlich: Bete!
Übrigens: Ich muss das nicht fühlen. Schön, wer es fühlt. Aber nicht jeder fühlt es. Andere müssen den Weg über den Kopf nehmen. Philipp Yancey schreibt in seinem großartigen Buch über das Gebet: „Meine Gefühle über Gottes Gegenwart oder Abwesenheit sind nicht seine Gegenwart oder Abwesenheit.“ Das tröstet, auch wenn ich wie mancher gerne etwas mehr empfinden und fühlen würde.
Aber damit nicht genug: Manchmal fürchte ich, so sehr binnenchristlich dressiert zu sein, so arg theologisch infiziert, dass ich mir gar nicht mehr klar mache, mit wem ich rede. Wenn ich dann so mein Leben erzähle und sage, was ich mir wünsche, einräume, wo ich wieder einmal neben der Spur liege und mehr oder weniger konzentriert meine Anliegen für andere aufzähle, erschrecke ich wieder: Weißt Du nicht, wie klein Du bist und wie groß dieser Gott ist? Du redest jetzt nicht mit Deinesgleichen. Du redest auch nicht mit irdischen Großen. Ich muss durch meine Aufgabe an der Uni manchmal mit ziemlich wichtigen Leuten verhandeln. Zum Beispiel war ich ein paar Male bei unserem Hauptsponsor, der Familie Deichmann (das sind die mit den Schuhen). Und ich hatte schon jedes Mal einen Kloß im Hals: „Jetzt ja nichts Falsches sagen, Du redest mit einem der reichsten Leute in Deutschland.“ Ich bin immer ganz ordentlich vorbereitet und dennoch: Es flößt mir tiefen Respekt ein, mit so wichtigen Leuten zusammenzukommen und Sie um Unterstützung für unsere Arbeit an der Uni zu bitten. Und dann denke ich: Und diese wichtigen Menschen sind auch nur Staub, vergänglich, sterblich, letztlich winzig im Vergleich zum Schöpfer und Richter des Universums. Wie kannst du dich unterstehen, mit ihm über dein winziges Leben zu reden, als wäre es die wichtigste Sache auf der Welt? Das ist doch Irrsinn!
Wenn es besonders unangenehm wird, fällt mir auch just dann einiges ein, was dieser Schöpfer und Richter wahrscheinlich an meinem Leben nicht so lustig findet, mancher Eigensinn, mit dem ich lieber mein kleines Königreich baue als seinem ewigen Reich zu dienen, manch Ungehorsam, bei dem ich meinen Willen irgendwie wichtiger fand als seinen, manche Unversöhnlichkeit, als ich zwar meinte, ein Recht auf Vergebung zu haben, anderen aber dieses und jenes nachtrug. Wie kann ich es jetzt wagen zu meinen, dass Er mich hört, mir sein Herz öffnet und seine rechte Hand zu meinen Gunsten bewegt?
Augustinus, der große Kirchenvater am Ausgang der Antike, sagte: Weil es Gott ist, von dem wir sprechen, verstehst du es nicht. Würdest du es verstehen, wäre es nicht Gott. Ich buchstabiere nach, dass ich aus diesem Dilemma offenbar nicht herauskomme. Respekt, Ehrfurcht, Aufmerksamkeit, Demut – all das ist höchst angemessen, wenn wir mit Gott reden. Das ist gut so, aber es ist nur die halbe Wahrheit.
Denn jetzt wird mir deutlich, was Gott mir sagen lässt: „Das Erste und Wichtigste, wozu ich die Gemeinde auffordere, ist das Gebet.“ Rogate: Betet! Du sollst beten. Ich will es. Nicht du maßt dir etwas an, sondern ich messe dir etwas zu: mein Ohr, mein Herz, meine rechte Hand. Nenn mich Abba, ruf mich an als einen Vater, so nah, gütig und stark, wie kein Menschenkind je einen irdischen Vater hatte. Ich will es. Dein Respekt, deine Ehrfurcht, deine Aufmerksamkeit und Demut – alles gut. Aber, aber, aber: Ich bin mehr als der Schöpfer und Richter. Ich wünsche mir, dass du mit mir redest und damit gebiete ich es dir. Damit du endlich von dir wegguckst, gebiete ich dir, mit mir zu reden. Vor allem. Ich will nichts mehr und dringender, als dieses intime Gespräch: mein Wort in dein Ohr, dein Herz und deine Hand, und dein Wort in mein Ohr, mein Herz und meine Hand. Und in meinem Herzen, liebes Kind, wohnt eine unausrottbare Zuneigung zu dir, ein nie endendes Erbarmen mit dir. Sieh hin: Jesus habe ich der Welt geschenkt, damit sie es begreift. Sein Leben hat er als Lösegeld gegeben; alle Hindernisse sind aus dem Weg geräumt. Der Weg ist frei. Schuld ist vergeben. Jesus lebt, darum: zuerst beten! Nicht als Pflicht, sondern weil das mein Herzenswunsch ist. Wenn du mir gehorchst und mit mir über dein winziges Leben redest, dann ist es für mich die wichtigste Sache auf der Welt. Und Taufe, liebe Tunia, Taufe ist die persönliche Lizenz zum Beten.
Unsere Not ist, dass wir in doppelter Weise daneben liegen: Wir denken von Gott zu klein, wenn wir plappern wie die Heiden, und wir denken ebenso von Gott zu klein, wenn wir in ihm nur den fernen Weltenlenker erahnen, nicht aber das Herz des Vaters sehen, das voller Zuneigung und Erbarmen nach uns sucht. Darum sollen wir beten. Ohne das freundliche Gebot hätte ich es längst schon aufgegeben, hätte resigniert, wäre verstummt.
So aber sehe ich, wie es auch in der Bibel aussieht: Abraham betet um einen Sohn, der stolze Josef betet in der Tiefe des Gefängnisses, der Mörder Mose betet am Dornbusch, der Ehebrecher David betet um Erbarmen, Hiob, dieses arme Schwein, betet trotz allem und ringt mit Gott, Jona flieht und betet dann mal zur Abwechslung in einem Walfisch, Jeremia betet weil ihm sein Amt zu schwer wird, Daniel betet im Feuerofen und dann im Löwengraben, Petrus betet trotz Verrat, Thomas trotz Zweifel, Paulus trotz seiner Vergangenheit – sie beten, weil Vater es so will, weil Jesus alles gab und weil der Geist in ihnen ruft, und keines ihrer Gebete ging verloren.
Das ist der erste Teil dieses Satzes: Gebet ist freundlich geboten, und zwar zuerst und für alle. Jetzt schaue ich noch auf den zweiten Teil: zuerst und für alle.
Zuletzt: Zuerst und für alle
Es geht ja um das Gebet der Gemeinde. Es geht zum Beispiel um unser Beten hier im Gottesdienst oder in unseren Hauskreisen. Zwei Fragen werden uns da heute gestellt: Welchen Rang hat das Gebet? Und: Wofür betet ihr?
Welchen Rang hat das Gebet: Fast müsste es uns wie Schuppen von den Augen fallen. Wenn das Gebet solch ein Privileg ist, müsste uns niemand mehr mahnen, es an die erste Stelle zu rücken. Aber so ist es ja nicht. Darum werden wir heute erinnert und ermahnt, darum wird uns von Gott (nicht von einem kleinen Prediger!) ans Herz gelegt: Zuerst und für alle sollt Ihr beten.
Vielleicht wird es leichter zu verstehen sein, wenn wir uns anschauen, welche zwei Gebetsanliegen uns empfohlen werden:
Das erste Gebetsanliegen lautet: für alle Menschen, insbesondere für die Regierenden, für alle, die eine hohe Stellung einnehmen. Darüber habe ich hier schon einmal zu genau diesem Text mehr gesagt. Beten ist aktive politische Verantwortung. Und politische Verantwortung von Christen schließt immer Gebet ein. Gebet für die, die Macht haben und Macht ausüben. Gebet für sie, dass sie tun, was gerecht ist und dem Frieden dient. Gebet für sie, dass sie nicht trunken werden von ihrem Einfluss und ihrer Größe. Gebet für sie, dass sie ausreichend Kraft haben, dem Druck der Verantwortung standzuhalten, dass sie weise sind, die Dinge zu durchschauen und kluge Entscheidungen zu fällen. Die Regierenden, die eine hohe Stellung einnehmen, brauchen unser Gebet. Das soll Platz haben, bei uns zu Hause und hier in der Gemeinde. Die neue Regierung in Nordrhein-Westfalen, die Krisenmanager auf Haiti, die Verhandlungsführer in Israel und Palästina, die Berater im Irak, die zerbrechliche Regierung in Afghanistan, die Präsidenten, die der Korruption wehren wollen. Für sie beten wir. Von Martin Luther habe ich gelernt, auch gegen die zu beten, die sich bereichern und ihre Völker unterdrücken, Kriegstreiber sind und Unrecht dulden, Freiheit beschneiden und die Schöpfung ausbeuten. Sie werden eines Tages sagen, was ratlose Mächtige nach dem 9. November 1989 sagten: „Wir waren auf alles vorbereitet, aber nicht auf Kerzen und Gebete.“ Gebet ist eine mächtige Waffe in der Hand der kleinen Leute.
Mir ist aber noch ein Aspekt wichtig: dass wir auch für die Mächtigen selbst beten, für Herz und Seele derer, die dieses Leben auf sich nehmen. Der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki hat es kürzlich in einem – wie ich finde – erschütternden Interview gesagt: „Ich würde in Berlin zum Trinker werden, vielleicht auch zum Hurenbock. Ich bin inzwischen zum dritten Mal verheiratet, und ich will auf keinen Fall auch diese Ehe ruinieren. Das politische Leben in Berlin sieht doch so aus: Sie sind den ganzen Tag unter Druck, abends wartet ihr Apartement auf Sie, sonst niemand. ... Da sind dann diese Abende, an denen Sie nur abschalten wollen, Stressabbau. Da sitzt Ihnen plötzlich eine Frau gegenüber, die Ihnen einfach nur zuhört. Und dann geht die Geschichte irgendwann im Bett weiter. Dazu der Alkohol: Sie könnten, weil sie ständig in Terminen sind, den ganzen Tag trinken. Eine Flasche Wein ist da gar nichts, leicht zu verteilen auf fünf Termine. Und abends geht es richtig los.“ Politiker brauchen Fürbitte, auch persönlich, auch wenn das eine krasse und einseitige Darstellung war!
Wozu aber das Gebet für die Regierenden und alle, die eine hohe Stellung einnehmen? Von einem ungestörten und friedlichen Leben ist da die Rede, und vielleicht klingt das für manchen etwas nach Schrebergartenidylle, nach kleinbürgerlicher Ordnung, nach Langeweile. Das können wir aber nur sagen, weil wir eine glückliche Generation sind, die schon 65 Jahre Frieden erlebt hat. Das ist die Ausnahme, geschichtlich und global. Aber was gäbe ein Vater auf Haiti, eine Mutter im Sudan, ein kleiner Junge in Afghanistan oder ein kleines Mädchen in Tschetschenien für ein bisschen Langeweile! Für ein friedliches Leben, für Schlaf ohne Angst, für einen Schulweg ohne Tellerminen! Für ein normales Dasein, genug Essen, sauberes Wasser, gerechte Regierungen und ein Militär, das bleibt, wo es hingehört.
So aber sehe ich, wie es auch in der Bibel aussieht: Abraham betet sogar für Gomorrah, Josef betet für Ägypten, Mose betet für sein unterdrücktes Volk, David betet für sein kleines Königreich, umzingelt von Feinden, Jona betet ein bisschen zu lange gegen Niniveh, Jesaja betet für seinen kranken König. Daniel betet sogar für Nebukadnezar – sie beten, weil Vater es so will, weil Jesus alles gab und weil der Geist in ihnen ruft, und keines ihrer Gebete ging verloren.
Martin Luther wusste darum, er predigte über denselben Abschnitt aus dem 1. Timotheusbrief so: „Im Frieden können wir Häuser bauen, ackern, fischen, sicher zu Meer fahren, wandern, schlafen, essen, sittsame Frauen haben, Kinder, die strebsam sind und das Vieh versorgen.“ Aber: „In Kriegszeiten musst du deinen Tod jeden Augenblick erwarten. Die Keuschheit der Jungfrauen und der Ehefrau sind ebenso in Gefahr wie alle Güter. Gott will Frieden. Der Teufel will das Gegenteil. Deshalb ist es das erste Werk der Christen, dass wir alle öffentlichen Ämter in Ehren halten.“
Das hat nun aber auch mit dem zweiten Gebetsanliegen zu tun: Für alle Menschen sollen wir beten, weil Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Wo Frieden herrscht und gerechte Regierungen sind, da kann sich auch unser Zeugnis von Jesus frei entfalten. Und das steckt noch hinter dem Gebet für die Mächtigen: der Wunsch, das Evangelium allen Menschen sagen zu können. Geholfen wird den Menschen erst, wenn sie die Wahrheit erkennen und zu Jesus finden, der Wahrheit in Person. Aber auch das ist nicht etwas, was wir in der Hand hätten; darum sollen wir für alle Menschen beten, damit allen Menschen geholfen wird, indem sie zur Erkenntnis der Wahrheit finden und das heißt sich Jesus anvertrauen.
Vielleicht erscheint auch dieser letzte Gedanke uns allzu selbstverständlich. Tun wir doch, wissen wir doch längst. Gut, wenn es so ist. Mir ist noch einmal deutlich geworden, wie unsere Vision von GreifBar in diesen Zeilen an Timotheus verstanden wird: Betet, liebe GreifBar-Leute, zuerst und für alle. Betet, denn eure Vision ist nicht eurer Hände Werk. Eurer Hände Werk ist nötig und gut, aber es wird nicht zu Wege bringen, wovon ihr träumt. Betet für die Kinder im Ostseeviertel und ihre Eltern. Betet für die Nachbarn und Freunde, dass sie den Weg zum Glauben finden. Betet für diese Stadt und die in ihr Verantwortung tragen. Betet für die Klugen, die meinen, es gehe besser ohne Gott. Betet für die Armen, die sich gar nicht vorstellen können, dass ein Gott für sie da ist. Betet für die Gäste in den Glaubenskursen. Ringt um jeden, der in die Stadthalle kam. Eure Vision ist Anlass zum Beten. Das ist euer Amt, zuerst und für alle.
Schluss
O.k., ich habe nicht für Werder gebetet und werde mich wohl auch in Zukunft hüten, es zu tun. Aber ich möchte mit Euch immer tiefer und besser verstehen, dass Beten nicht nur etwas für schwache Geister ist, sondern das, was uns freundlich geboten wird, damit wir es tun, gegen unsere Zweifel, manchmal gegen unsere Gefühle, für alle, für die Mächtigen und alle Menschen, für ein Leben in Frieden und Erkenntnis der Wahrheit, damit allen Menschen geholfen wird. Und Gottes Volk stimmt ein und ruft: AMEN.
Martin Luther, Epistelauslegung, Bd. 5, 44-46.
