GreifBar plus am 06.06.2010
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Gott ist nicht der liebe Gott, aber er ist Liebe!
- Gott ist Liebe, und wer sich von der Liebe bestimmen lässt, lebt in Gott, und Gott lebt in ihm. 17 Wenn das bei uns der Fall ist, hat uns die Liebe von Grund auf erneuert. Dann werden wir dem Tag des Gerichts voll Zuversicht entgegensehen können; denn auch wenn wir noch in dieser Welt leben, sind wir doch wie Christus mit dem Vater verbunden. 18 Wo die Liebe regiert, hat die Angst keinen Platz; Gottes vollkommene Liebe vertreibt jede Angst. Angst hat man nämlich dann, wenn man mit einer Strafe rechnen muss. Wer sich also noch vor dem Gericht fürchtet, bei dem ist die Liebe noch nicht zum vollen Durchbruch gekommen. 19 Der tiefste Grund für unsere Zuversicht liegt in Gottes Liebe zu uns: Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat. 20 Wenn jemand behauptet: »Ich liebe Gott!«, aber seinen Bruder oder seine Schwester hasst, ist er ein Lügner. Denn wenn jemand die nicht liebt, die er sieht – seine Geschwister -, wie kann er da Gott lieben, den er nicht sieht? 21 Denkt an das Gebot, das Gott uns gegeben hat: Wer Gott liebt, ist verpflichtet, auch die Geschwister zu lieben. (1.Joh 4,16-21)
Liebe GreifBar-Gemeinde,
ohne Umschweife redet der Apostel Johannes vom Kern des Glaubens: Gott ist Liebe, bekennt er. Gott und Liebe gehören so sehr zusammen, dass ich nicht angemessen von Gott reden kann, ohne sofort und ohne Umschweife zu bekennen: Er ist Liebe.
Nun kann man sich so sehr an die größten und gewaltigsten Sätze gewöhnen, dass sie uns nicht vom Hocker reißen. O.k., sagen wir dann, kennen wir: Gott ist Liebe! Und? Deutschland wird Weltmeister, Lena gewinnt den European Song Contest, die Regierung senkt alle Steuern, das begeistert uns, aber Gott ist Liebe – o.k.! Hast Du noch etwas Neues, Spannendes zu sagen? Nein, habe ich nicht! Weiter komme ich nicht, sagt Johannes: Gott ist Liebe. Weißt Du überhaupt, was Du da hörst? Um es zu wissen, wird die Predigt heute etwas anders ausfallen: als eine öffentliche Lobrede auf Gott als Liebe.
Wir müssen uns Gottes Innen- und Gottes Außenpolitik anschauen, um ein bisschen besser zu begreifen, worum es hier geht. Gott ist Liebe, das ist eine Aussage über Gottes Innenpolitik. Wir haben schon am letzten Sonntag etwas herumgerätselt, wie es kommt, dass wir an einen Gott glauben, von diesem einen Gott aber immer nur so reden können, dass drei Personen ins Spiel kommen: der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Der Grund dafür ist einfach: Gott ist seinem Wesen nach Liebe. Er ist nicht einsam, sondern dreisam. Er ist von Ewigkeit her ein Liebesbund, nicht erst dadurch, dass er uns Menschen ins Leben ruft. Von aller Ewigkeit her ist er der Vater, der den Sohn liebt, der Sohn, der den Vater ehrt, und der Geist, der Vater und Sohn als Band der Liebe verbindet. Gott ist Liebe. Nicht nur in seiner Außenpolitik, sondern auch in seiner Innenpolitik. Seit dem hohen Mittelalter stellen Künstler dieses Geheimnis mit dem Bild des Gnadenstuhls dar. Hier sehen wir einen solchen Gnadenstuhl aus dem 16. Jahrhundert, er ist im Dom zu Bremen zu finden. Der Vater thront als der König in der Mitte. Aber er hält den Sohn auf seinem Schoß, beachten wir gleich: den Sohn als den Gekreuzigten. Und über beiden schwebt der Heilige Geist in Gestalt einer Taube. Von Ewigkeit her ist Gott Liebe, ein ungetrübtes Miteinander, ein Verhältnis voller Hingabe, ein Bund unermesslicher Freude aneinander, Vater und Sohn und Heiliger Geist.
Davon wissen wir, weil wir Gottes Außenpolitik kennen gelernt hat. Der Apostel Johannes macht das glasklar: Gottes Liebe zeigt sich daran, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben sollen (4,9). Was das bedeutet, wird am Bild vom Gnadenstuhl mehr als deutlich: Der Sohn im Schoß des Vaters ist der Gekreuzigte. Wenn der Vater den Sohn zu uns sendet, wissen Vater, Sohn und Heiliger Geist, was das bedeutet: nämlich Hingabe, Leid, Schmerz, Tod, Opfer! Für alles Weitere ist das entscheidend: Liebe ist bei Gott Opfer und Hingabe. Liebe ist kein billiges Gefühl. Liebe ist keine unverbindliche Sympathie. Liebe sieht den armen Menschen und kann nicht anders, als sich für ihn zu opfern. Liebe verlässt die Komfortzone und begibt sich mitten ins Getümmel. Liebe wendet sich dem widerspenstigen Geliebten zu, ohne ihn zähmen zu können. Liebe zahlt den höchsten Preis, wenn es darauf ankommt. Liebe gibt lieber sich selbst in den Tod, als den Geliebten preiszugeben. Das ist Gottes Liebe. Das bist Du ihm wert!
Ich nehme etwas Tempo raus: Gottes Wesen ist Liebe. Diese Liebe ist nicht etwas, was zu Gott hinzuaddiert würde, nichts was er sich gelegentlich zulegt und was er darum auch wieder ablegen könnte. Die Liebe ist keine Tugend, keine antrainierte Fähigkeit. Jedes bisschen an Gott ist vielmehr durchtränkt, geformt, bewegt, bestimmt und durchwebt von der Liebe. Und zwar von der Liebe zu uns. Von nichts anderem könnte man das in gleicher Weise behaupten, nicht von Gottes Gerechtigkeit, nicht von Gottes Kraft, auch nicht von Gottes Wissen. Mit nichts anderem sollen wir Gott so identifizieren wie mit Liebe. Gott ist Liebe.
Gottes Wesen ist Liebe, und diese Liebe gilt uns. Du bist – ob Du es weißt oder nicht, ob Du es fühlst oder nicht, ob Du meinst es zu verdienen oder nicht, ob Du gerade gut drauf bist oder völlig neben der Spur – Du bist von Gott geliebt. Du bist in seinem Herzen. Du stehst vor seinen Augen. Du bewegst sein Empfinden. Du rührst ihn zu Tränen. Du bringst ihn zum Lachen. Du bist von ihm umsorgt und umgeben, getragen und erhalten, begabt und gesendet, und das aus einem Grund: weil er Dich liebt. Aus einem Grund, und das ist wichtig. Johannes sagt an anderer Stelle: „Darin besteht die Liebe: Nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden“ (4,10). Bei Plato heißt es, dass sich die Liebe immer auf etwas richtet, was durch seine Liebenswürdigkeit anziehend ist. Etwas ist irgendwie attraktiv und liebenswert, und dann lieben wir es. Bei Gottes Liebe ist es anders, und anscheinend haben wir ein Leben lang damit zu tun, das nachzubuchstabieren: Gottes Liebe findet das Liebenswürdige nicht vor, sondern schafft es erst, so hat es Martin Luther 1518 formuliert. Noch spitzer schreibt er: „Die Sünder sind darum schön, weil sie geliebt werden; nicht darum werden sie geliebt, weil sie schön sind.“ Liebe macht schön! Darum seid Ihr eine schöne Versammlung oder eine Versammlung der Schönen.
Was ist dann aber Liebe auf unserer Seite? Wenn es heißt, wir sollten nun auch lieben, weil uns der liebende Gott mit Liebe zuvorgekommen ist, dann denken wir natürlich zuerst: o.k., jetzt sind wir an der Reihe. Jetzt sollen wir auch so lieben, wenigstens ansatzweise, wie wir es bei Gott sehen. Es geht jetzt um unsere Liebestaten. Das ist nicht ganz falsch, aber voreilig.
C. S. Lewis unterscheidet zwei Weisen der Liebe: die schenkende und die empfangende Liebe. Die schenkende Liebe ist die starke Liebe, die sich für andere hingibt und einsetzt. Die empfangende Liebe ist eine Tochter der Armut. Sie ist bedürftig und angewiesen auf das Schenken des anderen. Beide sind nötig. Die schenkende Liebe verhält sich zur empfangenden wie das Negativ zum Positiv, natürlich nicht wie das Gute zum Bösen, sondern wie die Kuchenform zum Kuchen selbst. Unsere Liebe ist zunächst und wohl auch auf Dauer empfangende Liebe. Wir sind der Liebe Gottes bedürftig. Wir bleiben dieser Liebe bedürftig. Wir wachsen niemals darüber hinaus. Und das ist gut und genug. Käme nicht mehr aus unserem Leben heraus als dieses, dass wir der Liebe Gottes bedürftig gewesen wären und uns ihr in empfangender Liebe entgegengestreckt hätten, so wäre es schon gut, schon genug, schon ausreichend. Gottes bedürftig zu sein und zu bleiben, ehrt Gott und gibt ihm Raum zu sein, was er ist: schenkende Liebe ohne Maßen. Und nur ein dummdreistes Geschöpf könnte sich vor den Schöpfer stellen und behaupten: Ich bedarf deiner nicht. Darum geht es heute: Komm zum Gnadenstuhl. Lass Dich beschenken. Lass es Dir sagen. Du kannst es schmecken, im Abendmahl. Du kannst es fühlen: durch den Zuspruch des Segens, durch das Kreuzzeichen auf Deiner Stirn: Für Dich, nichts als Liebe.
Erst dann wird es spannend, was Johannes noch sagt: Diese Liebe zeitigt Folgen. Und zwar zwei Folgen, eine innere und eine äußere Folge: Die innere Folge ist Zuversicht. Die äußere Folge ist Liebe untereinander zu den Schwestern und Brüdern. Johannes denkt sich das so: Gottes Wesen färbt auf uns ab. Wer sich in Gottes Nähe aufhält, verändert sich: Da wächst innere Stärke, Gewissheit und Zuversicht. Da wächst die Fähigkeit andere zu lieben, hingebungsvoll und auch zum Opfer bereit. Das ist alles auch ziemlich kunstvoll gesagt. Denn Johannes spricht nicht nur von dem, was sich tut, sondern auch von dem, was sich nicht tun soll: Der Zuversicht widerspräche die Furcht. Der Liebe widerstritte der Hass. Das soll nicht sein: Furcht statt Zuversicht, Hass statt Liebe. Und das kann Johannes auch begründen: Wenn Gott uns so liebt und alle Nötige tat, warum sollten wir uns vor dem letzten Urteil dann noch fürchten? Das wäre doch wieder nur unser altes Misstrauen, das Gott nicht über den Weg traut. Wenn Gott uns so liebt, wie könnten wir dann den anderen hassen. Wer aber behauptet, Gott zu lieben, den er nicht sieht, aber seinen Bruder hasst, den er sieht, der ist ein Lügner. Das geht nicht zusammen.
Liebe Gemeinde, im Grunde wissen wir das. Wir wissen es, und wenn wir ein bisschen länger im Glauben unterwegs waren, leiden wir daran: Warum nur spielt mein Herz, mein Gewissen, mein Gefühl mir immer wieder Streiche und traut der Liebe Gottes nicht über den Weg? Und wie kommt es, dass Gottes zuvorkommende und mitfühlende Liebe so wenig auf mich abfärbt? Wir wissen doch: Das sollte eigentlich ganz anders sein.
Wenn wir dann solche Worte hören, dann wird es gefährlich: Denn dann könnte es passieren, dass wir uns immer mehr in uns selbst verdrehen, immer mehr uns mit uns selbst befassen und um uns selbst bemühen. Beispiel: Wir sollen uns doch nicht fürchten. Wer sich fürchtet, beweist nur, dass die Liebe in ihm noch nicht ganz angekommen ist. Also: Fürchten soll ich mich nicht, fürchte ich mich doch, ist etwas mit mir grundverkehrt, darum muss ich mich vor meiner Furcht fürchten und fürchte mich umso mehr. Und was ist das Ergebnis: Ich bin völlig mit mir selbst beschäftigt. Oder: Wir sollen doch den anderen lieben. O.k., mit den Netten geht es ja noch einigermaßen, aber warum gibt es hier so viele Nervige? Aber ich soll sie doch lieben, sonst bin ich am Ende ein Lügner. Also quetsche ich so viel angestrengtes Lieben aus mir heraus wie nur möglich. Aber dann erwische ich mich doch dabei, schlecht zu denken, hinter dem Rücken zu reden, spitze Kommentare abzuschießen und mich keinen Deut um die Not des andern zu scheren. Und was ist das Ergebnis: ich bin wieder völlig mit mir beschäftigt.
So geht es also nicht. Was aber geht dann? Es geht nur eines: zurück zum Gnadenthron. Es geht nur so: weg von mir selbst. Weg von dem Versuch, Gott gute Gründe zu liefern, warum er mich doch lieben müsste. Hör auf damit! Weg von dem Versuch, in mir warme und gewisse Gefühle zu erzeugen. Hör damit auf! Weg von dem Versuch, aus eigener Kraft alle, alle zu lieben. Hör auf damit! Zurück zum Gnadenstuhl, das ist die Devise. Gott ist Liebe, du bist es nicht! Gott ist Gewissheit, du bist es nicht. Gott ist Kraft zum Lieben, Erbarmen, Mitfühlen, du bist es nicht. C. S. Lewis in seinen Anweisungen an einen Unterteufel einen Teufel zum anderen sagen: Wo immer die Aufmerksamkeit der Menschen dem Feinde selbst gilt, also Gott, da sind wir besiegt. Du musst den Menschen davon abhalten. („Der einfachste Weg ist der, ihr Augenmerk von Ihm weg auf ihr eigenes Ich zu richten. Halte sie dazu an, nur auf ihren Seelenzustand zu achten und in sich durch eigene Anstrengung gewisse Gefühle zu erregen. Wenn sie vorhaben, Ihn um Nächstenliebe zu bitten, dann lasse sie stattdessen versuchen, nachsichtige Gefühle gegen sich selbst zu schaffen, ohne zu merken, was sie eigentlich tun. ... Wenn sie sagen, sie bitten um Vergebung, dann lasse sie sich anstrengen, das Gefühl der Vergebung zu erlangen. Lehre sie den Wert jedes Gebetes nach der Befriedigung einschätzen, die das von ihnen erregte Gefühl ihnen bringt.“)
Wie also kommen wir weg aus dieser Drehung um uns selbst? Durch Umkehr, liebe Gemeinde, durch Umkehr, altdeutsch Buße, Umkehr: Ich bekenne meine Lieblosigkeit dem Bruder gegenüber, ich räume mein notorisches Misstrauen Gott gegenüber ein – und wende mich ab von mir, hin zum Gnadenstuhl. Gottes Wesen ist immer noch Liebe. Erstaunlich genug! Es war gestern so, ist heute so, und wird morgen so sein. Darum kann es im Blick auf mein gestern heute und morgen nur heißen: Umkehr, Freude der Buße. Ich darf mich abkehren von meinem Versagen. Ich darf mich wegwenden von meinem Misstrauen. Ich muss meinen Gefühlen nicht trauen. Hin zum Gnadenstuhl!!
Ich drehe es noch einmal um: Was ist das Problem von uns alten Sündern? Der Theologe Oswald Bayer sagt: Der Sünder ist in erster Linie ein Kostverächter. Er verweigert die Liebe, die ihm gilt. Er ist ein geistlicher Suppenkaspar, der gnadenlos sich selbst abstrampelt. Meine Suppe ess’ ich nicht! Das muss nicht sein, sagt Johannes: Gott ist Liebe, auch für den Kostverächter und Suppenkaspar.
Dann erst kann zum Schluss auch recht davon geredet werden, dass unter uns Zuversicht und Liebe gedeihen. Sie gedeihen nicht, indem wir an unseren Gefühlen herumschrauben und uns ein bisschen mehr Mühe geben. Sie gedeihen, wo wir uns selbst vergessen und ganz auf den Gnadenstuhl ausgerichtet sind. Wer liebt, sieht und sieht nicht. Er sieht den anderen, er sieht die unausgesprochene Bitte und die ausgestreckte Hand des anderen. Er sieht die bittende Seele derer, die am Wegesrand sind. Und er sieht sich selbst nicht. Es ist wie mit dem gesunden Auge: Es sieht sich selbst nicht, aber es sieht den anderen.
Wir haben es heute gehört, wie solche Liebe aussieht:
Sie sieht den armen Lazarus, der vor der eigenen Haustür liegt. Sie geht nicht kalt an der Not des anderen vorüber. Sie lässt sich berühren. Sie empfindet die Not des anderen wie eine eigene. Sie packt zu und tut, was nötig ist. Sie opfert die eigene Bequemlichkeit. Sie ehrt den Armen. Sie gehorcht dem Gebot. Denn auch und gerade für den Lazarus gilt ja: Gott ist Liebe.
Je mehr wir wachsen, um so wichtiger wird es, dass wir sehen lernen und nicht übersehen. John Ortberg erzählt von einem kleinen Skandal.Eine 70jährige, korpulent, Haarausfall und Arthritis, hat eine Liebesaffäre. Wie es begann? Sie hatte einen Bekannten im Altersheim, auch über 70, er lebte schon im Altersheim. Sie telefonierten miteinander, trafen sich hin und wieder. Als sie wieder einmal telefonierten, erzählte sie von einer Einladung bei Freunden, und er hörte interessiert zu. Dann fragte er sie: „Und was hattest du an?“ Da fing sie an zu weinen. Warum weinte sie? „Weißt du, wie viele Jahre es her ist, dass mich jemand gefragt hat, was ich anhatte?“. Das ist das Kleingeld der Liebe: Sie hört zu. Sie schaut hin. Sie sieht die Trauer. Sie erkennt den müden, erschöpften Blick. Sie weiß um den Geburtstag. Sie erinnert sich an den Todestag des Mannes einer Witwe. Sie denkt an die Examensprüfung und fragt nach. Sie repariert die Lampe. Sie streicht die Wohnung mit an. Sie übernimmt den kleinen Fahrdienst. Sie geht dem nach, der länger nicht mehr da war. Sie wird verlässlich. Sie nimmt sich ein Herz und spricht an, was ihr auffällt, wenn jemand vom Weg abkommt. Sie spricht jemanden auf seine Gabe an. Sie versucht, zu verbinden, was sich trennen will. Sie tut das alles, ohne es wissen. Es geschieht, weil ein Mensch zum Gnadenstuhl fand.
Das ist es, was uns heute gesagt wird: Diese Gemeinde möchte ja Jesus folgen. Wir sehnen uns danach, dass Menschen hier Zuversicht und Liebe finden. Wir sind ja kein religiöses Unternehmen zur Steigerung der kirchlichen Absatzstatistik. Wir merken nur zu oft, wie unser Herz Streiche spielt. Und wir sind tief verstrickt in unsere Beziehungsnöte, da kann diese nicht mit jener und jener wieder nicht mit diesem. Wir wissen das und es ist gefährlich. Es ist kein harmloses Unterfangen, solche Worte zu hören, auszulegen und zu bedenken. Ist Gott Liebe, dann wäre es ein heilloses Unterfangen, eine lieblose Gemeinde wachsen lassen zu wollen. Geht es um Gottes Liebe, dann wird sein Wesen abfärben auf uns. Nicht irgendein warmes Liebesgefühl, nicht eine großzügige Gleichgültigkeit, die jeden so lässt wie er ist. Nicht eine Liebe als Forderung an den je anderen. Sondern eben Liebe nach Gottes Art: voller Hingabe, Mitgefühl, bereit zu vergeben, bereit Opfer zu bringen, bereit zu Neuem herauszufordern, bereit zuzupacken. Gar nicht klebrig, überhaupt nicht billig, keineswegs unser Werk. Aber geboren aus Gott, dessen Wesen Liebe ist. Und Gottes Volk stimmt zu und ruft: AMEN.
68/215
Martin Luther: Heidelberger Disputation, 28. These, 1518.
Vgl. C.S. Lewis: Was man Liebe nennt. Zuneigung, Freundschaft, Eros, Agape. Basel 1986, 9-16.
C.S. Lewis: Dienstanweisung an einen Unterteufel. Freiburg, 27. Aufl. 1986, 22.
Oswald Bayer: Der Glanz der Gnade. KuD 56 (2010), 78.
Vgl. John Ortberg: Die Liebe, nach der du dich sehnst. Asslar 2000, 47.
