Greifbar
PDF Download

 

 

GreifBar –

Projekt des Evangelischen Kirchenkreises Greifswald

____________________________________________________________________

 

Jer 20, 7-11

7 HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und je-dermann verlacht mich. 8 Denn sooft ich rede, muss ich schreien; »Frevel und Gewalt!« muss ich rufen. Denn des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich.9 Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich's nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen. 10 Denn ich höre, wie viele heimlich reden: [a]»Schrecken ist um und um!« »Verklagt ihn!« »Wir wollen ihn verklagen!« [b]Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: »Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.« 11 Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen.

 

Liebe GreifBar-Gemeinde,

 

@Von Gott zu erzählen ist ganz fabelhaft. @Von Gott zu erzählen ist ganz furchtbar. Punkt.

Als ich Matthias Clausen letzten Sonntag hörte, wie er sagte, die Texte in der Passionszeit hätten etwas Rätselhaftes an sich, wußte ich noch nicht, wie Recht er damit hatte.

Als ich in der vergangenen Woche einem guten Freund erzählte, dass ich am Sonntag über einen Text predigen werde, der – freundlich gesagt – etwas unbequem ist, da meinte er nur: „Nimm den Text als Aufhänger und predige über etwas anderes. Dumm nur, als ich ihm dann aber eingestehen musste, dass es in dem Text gerade darum geht, dass solch ein Vorgehen nicht möglich ist. Mhm, da waren wir beide mit unserer Weisheit schon am Ende.

In der Tat ließt sich der heutige Predigttext wie @@das Kleingedruckte in der Ordinationsurkunde für angehende Pastoren und Pastorinnen. Wer von den anwesenden Theologiestudenten im kommenden Sommersemester die Predigtausbildung machen will, sollte gut zuhören und sich genau überlegen, worauf er oder sie sich einläßt. Anwesende Prediger seien an panikreiche Stunden der Predigtvorbereitung erinnert. Zugegeben, nicht gerade die super Einleitung von einem, der in der Ausbildung zukünftiger Pastoren und Pastorinnen mittätig ist und der zudem selbst diesen Weg einschlägt.

Wer sich von den übrigen nicht angesprochen fühlt und meint – och, das betrifft mich nicht und sich gemütlich zurücklehnen möchte, denen kann ich gleich die Unbekümmertheit rauben. @Ich meine, hier wird jeder angespro-chen, der mal von seinem Glauben erzählt hat und sich mühte, Worte wie „Sünde“ und „Gericht“ zu erklären, jeder, der weiß, wie schwierig das ist. Meist gehörten diese Themen dann auch nicht zu den Höhepunkten der Gespräche. Ich würde sogar sagen, hier geht es um alle, die sich auf Gott eingelassen haben und dann bemerken, @dass es im Leben eines Christen auch rätselhafte Zeiten und Momente gibt, die ein fröhlich-frommes – nahezu frühlingshaftes - Lebensgefühl trüben.

Doch jetzt ist noch Passionszeit und darum Zeit für rätselhafte Texte, die wie ein schweres Essen nur schwer verdaulich sind und mitunter auch etwas quer im Magen liegen.

Bevor die ersten in Panik den Saal verlassen, will ich die Sache mal ange-hen, die trotz der unheilschwangeren Einleitung, @eine zutiefst ehrliche und dadurch tröstliche Einschätzung der christlichen Existenz beinhaltet.

Am Vorbild anderer Leute wird das eigene Leben oft deutlicher und klarer. @Einfach mal jemandem erzählen zu können, wie es einem geht oder von anderen zu hören, wie es ihnen geht und dabei gemeinsames zu finden, hilft meist schon sehr, mit dem eigenen Leben klar zu kommen. @Deshalb will ich vor allem von drei und ein wenig von einem vierten Menschen berichten, von Jeremia, von Dietrich Bonhoeffer, von C.S. Lewis und von Bruce Pandolfini.

a) Zunächst zu Jeremia. Ein Prophet im Zweispalt.@

Jeremia hat sich nicht darum gedrängt, Prophet Gottes zu werden. Als Gott ihn rief, entgegnete er nur: @Ach Herr, ich tauge nicht zu predigen; . Doch Gott ließ sich darauf nicht ein: @„Sag nicht, ich bin zu jung, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende und predigen alles, was ich dir gebiete.“ Hört sich nicht so an, als ob Jeremia eine Wahl hatte. Doch bei diesen zurechtweisenden Worten bleibt es nicht. Gott spricht auch: @Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin bei dir und will dich erretten.“ Damit beginnt ein Lebensweg des Jeremia, der ihn Gott zum Freund und Mensch zum Feind macht. Die Verkündigung des Jeremia ist geprägt von harten Ankündigungen des Gerichts an seine Mitmenschen. Er muß i m m e r w i e d e r den Finger in die Wunde legen und auf Schuld und Versagen offen hinweisen. Er kann nichts Gutes ankündigen und verständlicherweise macht er sich damit nicht sonderlich viele Freunde. Doch er kann sich dem Ruf Gottes nicht entziehen. Gott packt ihn und läßt ihn nicht los. Wo Jeremia Gottes Wort verkündigen möchte, kann er nicht anders als Anklage gegen das Volk zu erheben, das sich von Gott abgewandt hat. Obwohl seine Worte zur Umkehr aufrufen, damit das Volk nicht an den Folgen seiner Gottlosigkeit zugrunde gehe, hört ihn keiner an. Er spricht: @Bekehrt euch doch, ein jeder von seinen bösen Wegen und bessert euren Wandel und euer Tun! Kehrt euch wieder eurem Gott zu und es wird euch wohl gehen. Aber sie sprechen nur: Daraus wird nichts! Wir wollen nach unseren Gedanken wandeln, und ein jeder soll tun nach seinem vestockten und bösen Herzen.

Meist kommt es nicht so sonderlich gut an, wenn man öffentlich zurechtgewiesen wird. Das wird heute nicht anders sein als damals. Kein Wunder, dass die Leute sagen: „Kommt laßt uns gegen Jeremia Böses planen! Kommt laßt uns ihn mit seinen eigenen Worten schlagen und nichts geben auf alle seine Reden!“

Schließlich kommt es wieder zu einer Gerichtsrede gegen die Könige und Bürger Jerusalems, deren schauerliche Details ich euch ersparen möchte. Ein Tempelpriester, einer der für Ruhe und Ordnung im Hause Gottes sorgen soll und dazu auch die nötigen Befugnisse besitzt, hat schließlich genug. Auch er fühlt sich offensichtlich zu Unrecht gescholten und straft Jeremia, indem er ihn über Nacht in verkrümmter Körperhaltung an einer Art Pranger ausharren läßt. Nicht nur das, der Pranger steht an einer Stelle, an der aus der Stadt heraus der Weg zu Jeremias Heimat führte, es werden also viele bekannte Landsleute an der Stätte vorüberziehen. Das muß etwa so gewesen sein, als ob man in der Schule vor der ganzen Klasse zur Schau gestellt wird. Im Osten gab es dieses Vorgehen zu DDR-Zeiten, dass Schüler, die Christen waren, vor die Klasse gestellt wurden und dann sollten sie mal alle ordentlich auslachen. Nicht sonderlich erbaulich das Ganze.

Jeremia, als ob er nicht langsam genug hätte, kann immer noch nicht an-ders, als diesen Tempelpriester weiter zu verurteilen. Er gibt ihm sogar einen neuen Namen: Fortan soll er heißen: „Schrecken um und um!“ Er nennt ihn einen Lügenpriester und prophezeit, dass er gefangen und umgebracht werden wird. Spätestens jetzt müsste Jeremia doch eigentlich begreifen, dass es so nicht weiter geht. Der Mann, der ihn verurteilte, war schließlich Priester – auch ein Mann Gottes. Doch selbst am Pranger läßt er von seiner Botschaft nicht ab.

Jeremia kommt von dem Wort nicht weg, das ihm Gott eingegeben hat. Offensichtlich ist es eine Kraft, die ihn von außen packt. Es kommt nicht aus seinen verborgensten Wünschen und Hoffnungen, sondern es ist ein fremdes, ihn überwältigendes Wort vom Herrn, der in seinen Dienst ruft, wen und wann er will. Da hilft kein Widerstreben, sondern Gottes Antwort heißt: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete, du bist mein! Fürchte dich nicht!

Wie geht es wohl Jeremia? Wie geht es wohl einem, der so von Gott gepackt wird? Hier steht nun unser Predigtwort. Es ist ein Gebet Jeremias, eher ein Bekenntnis, fast wie ein Psalm. Ein Wort aus seinem innersten Empfinden:

@ HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täg-lich, und jedermann verlacht mich. 8 Denn sooft ich rede, muss ich schreien; »Frevel und Gewalt!« muss ich rufen. Denn des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täg-lich.9 Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich's nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergan-gen. 10 Denn ich höre, wie viele heimlich reden: »Schrecken ist um und um!« »Verklagt ihn!« »Wir wollen ihn verklagen!« Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: »Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.« 11 Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen.

Jeremia fühlt sich überrumpelt. Von Gott übergangen oder schlimmer noch hintergangen. Zutiefst enttäuscht. Selbst das ist noch freundlich gesagt. Die Hebräischen Worte hinter @„du hast mich überredet“ heißen auch „du hast mich verführt“. Ein Leben in enger Gemeinschaft mit Gott bedeutet für ihn kein Leben in Glück, Sorglosigkeit und Eintracht. Er wird verspottet, abge-lehnt und gehaßt. In jeder anderen Lage könnte man ganz politisch sagen: Nun denn, es kommt nicht so sonderlich gut an, ich muß mir wohl eine andere Botschaft suchen. Oder: Mit diesem Gott wird mein Leben nicht leichter – lassen wir das. Schließlich hat jeder eine Schmerzgrenze. Irgend-wann gibt jeder nach. Doch auch das klappt nicht. @„Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich's nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.“ sagt Jeremia. Er kommt von Gott nicht los. Der Weg, Gottes Wort zu verheimlichen, ist noch unerträglicher, als die Schmach, die er schon erlebt. Ein Kommentator hat es mit einem Vulkan verglichen. Wenn sich Jeremia verschließt, explodiert er förmlich. So sehr drängt das Wort Gottes nach außen. Er kann auf keinem Wege Leid vermeiden. Angesichts der Not seiner Welt „Friede, Friede!“ zu verkünden und die Schuld zu überdecken, ist nicht möglich. @Gott will, daß offenbar wird, was von ihm trennt, auch wenn es höchst unbequem ist, sonst droht Verderben. Nur so ist Umkehr möglich. Wer sich auf Gott einläßt, kann weder eigene noch fremde Schuld übersehen und schon gar nicht übergehen. Der Leib hält diese Last nicht aus. Wer mit Gott im Bunde ist, wird sich auch einmischen müssen, damit Leben gelingen kann. Die Not der Welt läßt nicht kalt. Doch opportun und modisch ist so eine Rede nicht. Die Leute äffen ihn nach und suchen einen Weg, ihn zu verklagen. Der beste Weg von eigener Schuld abzulenken, ist immer noch, die eines anderen hervorzukehren.

Eigentümlich, aber am Ende dieses Bekenntnisses und dieser Klage über die innere Zerrissenheit steht ein Wort der Gewissheit: @Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewin-nen.

b) Szenenwechsel: Dietrich Bonhoeffer - ein Pfarrer im Zwiespalt

@Dietrich Bonhoeffer hat als junger Pfarrer über diesen Text gepredigt im Januar 1934. Er war Pfarrer und Theologielehrer, der aufgrund seines Wider-stands gegen das Hitleregime noch kurz vor Ende des Krieges hingerichtet wurde. Er hielt diese Predigt, nachdem in der Kirche die ersten Pfarrer bereits entlassen waren, weil sie jüdischer Abstammung waren. @Es wurde ihm immer deutlicher, dass die Kirche, in der er Pfarrer war, in ihrem Tun und Predigen nicht mehr tragbar war. Sie ließ sich in einer Weise vom Hitlerregime beeinflussen, die mit dem Evangelium nicht vereinbar war. Es war unabwendbar, dass man sich distanzieren musste. Doch Widerstand bedeutete Verfolgung und oft dann in letzter Konsequenz – wie auch bei Bonhoeffer - sogar den Tod.

Als sich die Ereignisse zuspitzen, War es Bonhoeffer, anders als Jeremia, zu-nächst noch nicht so deutlich, was gesagt und getan werden müsste. In dieser Unsicherheit wählt Bonhoeffer zunächst den Rückzug. @Er nimmt eine Auslandspfarrstelle in London an und begibt sich damit in größere Distanz zur Auseinandersetzung mit seiner Kirche. Doch dieser Schritt lässt ihn nicht in Ruhe. Zu sehr nimmt ihm das offensichtliche Fehlverhalten seiner Kirche die Gelassenheit.

Als ich Anfang Februar mit Cornelia im Urlaub war, fand ich in dem Haus auf Usedom eine furchtbar unsortierte Bibliothek vor, die offensichtlich nur als Regalfüller eingekauft worden war. Zwischen Herz-Schmerz-Romanen und „Schiffe der DDR“ stand ein Buch mit einer Sammlung mit Aufsätzen und Briefen von Karl Barth, einem der Theologen die maßgeblich dem innerkirchlichen Widerstand gegen das Hitlerregime und gegen eine angepaßte Kirche mit guter Theologie den Rücken gestärkt haben. Darin fand ich auch einen Briefwechsel zwischen Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer, der eben der Zeit des beginnenden Widerstandes entstammte. Bonhoeffer ist im Zweifel, ob sein Schritt, das Land gen London zu verlassen, richtig war. Er schreibt, dass er diese Überlegungen eigentlich vor seinem Umzug mit dem Professor Barth besprechen wollte, aber es dann doch nicht getan habe. Zu unwichtig schien ihm sein äußeres Ergehen. Doch es läßt ihm keine Ruhe und er verfasst einen langen Brief als Zeugnis seiner seelischen Ungewissheit und gewissermaßen als Rechtfertigung seines Handelns. Aber er kann sich nichts vormachen. Gen Ende schreibt er: @„Noch weiß ich nicht, wie lange es mich hier hält. Wenn ich wüßte, dass ich drüben wirklich gebraucht würde – es ist so unendlich schwer zu wissen, was wir tun sollen. So, nun ist dieser Brief geschrieben. Es sind nur persönliche Dinge; aber solche, von denen ich gern wissen wollte, daß Sie sie wüßten. Wenn ich je wieder ein Wort von Ihnen hören würde, wäre es sehr schön. Ich denke sehr viel an Sie und ihre Arbeit und wo wir wären, wenn die nicht wäre. Würden Sie mir einmal ganz offen ihre Meinung zu alldem schreiben? Ich wäre auch für ein scharfes Wort offen und dankbar, glaube ich. “

Nun Karl Barth war kein zimperlicher Zeitgenosse. Es wäre ein Spaß, den ganzen bissigen Brief zu lesen, doch hier soll der Hinweis genügen, dass er ihn aufforderte, schleunigst wieder nach Berlin zurückzukehren.

Nur wenige Wochen nach diesem Briefwechsel, in Deutschland spitzt sich die Situation immer weiter zu und ein Bruch mit der angepasten Kirche steht kurz bevor, @predigt Bonhoeffer über Jeremia und es liest sich nun im Rückblick, als predigt er über sein eigenes Schicksal – seine eigene Zerrisse-neheit. Wie geht es einem, der Gott nicht versteht? Der Gottes Willen für sein Leben nicht begreifen kann und das Unangenehme gern umginge?

Bonhoeffer beschreibt die innere Zerrissenheit des Jeremia, der Gott nicht mehr loswerden kann, den Gott auch nicht mehr los läßt. @Dieser Weg führt mitten in die tiefste menschliche Schwachheit hinein. Ein verlachter, verachteter, für verrückt erklärter, aber für Ruhe und Frieden der Menschen ebenso gefährlicher Narr – den man schlägt, einsperrt, foltert und am liebsten gleich umbringt. @Phantast, Querkopf, Friedensstörer, Volksfeind hat man ihn gescholten, hat man zu allen Zeiten bis heute die gescholten, die von Gott besessen und gefaßt waren, d e n e n | Gott zu stark geworden war. Wie gern hätte Jeremias anders geredet, wie gern hätte er mit den anderen Friede und Heil geschrien, wo doch Unfriede und Unheil war; wie gern hätte er geschwiegen, den anderen Recht gegeben, - aber er konnte einfach nicht, es lag wie ein Zwang, wie ein Druck auf ihm; es war als säße ihm einer im Nacken und triebe ihn von einer Wahrheit zur anderen, von einem Leiden zum anderen.

@„Von Gott nicht mehr loskommen können, das ist die beklemmende Beun-ruhigung jedes christlichen Lebens.“ sagt Bonhoeffer. Wo einer meint, den Weg mit Gott nicht mehr länger gehen zu können, weil er zu schwer ist – und solche Stunden kommen über jeden zu seiner Zeit - , wo uns Gott zu stark geworden ist – wo ein Christ über Gott zusammenbricht und verzagt – da wird uns Gottes Nähe, Gottes Treue, Gottes Stärke zum Trost und zur Hilfe, da erst erkennen wir Gott und den Sinn unseres christlichen Lebens recht. @Von Gott nicht mehr loskommen, das bedeutet viel Angst, viel Verzagtheit, viel Trübsal, aber bedeutet doch auch im Guten und im Bösen nie mehr Gott-los sein können. Es bedeutet Gott mit uns auf allen unseren Wegen, im Glauben und in der Sünde, in Verfolgung, Verspottung und Tod.

c) C.S. Lewis – Die Tür wird dir vor der Nase zugeschlagen.

Wieder ein Szenenwechsel. Was bleibt, wenn wir an Gott verzweifeln aber von ihm nicht loskommen?

@C.S. Lewis war ein britischer Schirftsteller und Literaturwissenschaftler. Er ist besonders bekannt durch seine Fantasy-Romane, z.B. die Chroniken von Narnia und verschiedene Schriften zu – sagen wir mal – dem, was es heißt, ein Christ zu sein. Er war mit Tolkien befreundet, dem Autor vom Herrn der Ringe, der C.S. Lewis auch auf dem Weg zum christlichen Glauben maßgeblich begleitete. Lewis hatte mit 10 Jahren seine Mutter verloren, mit der er sich sehr verbunden fühlte.

@Er heiratete erstmals mit 56 Jahren eine schwer krebskranke Frau – Joy Davidman. Fünf Jahre später stirbt sie. Seine Gefühle nach ihrem Tod und sein Ringen mit Gott hat er in einer Reihe von Notizheften niederge-schrieben.

@„Ich hatte nicht gewußt, dass Kummer sich wie Furcht an¬fühlen kann. Ich habe keine Angst, aber meine Empfindungen gleichen der Angst. Es ist dasselbe Gefühl im Magen, dieselbe Un¬ruhe ... Und dann wieder Tränen und Pathos. Weinerliche Trä¬nen. Fast ziehe ich die Augenblicke der Verzweiflung vor. Sie sind wenigstens rein und ehrlich ... In der Zwischenzeit frage ich mich: @Wo ist Gott? ... Wenn du glücklich bist, so glücklich, dass du gar nicht spürst, dass du ihn brauchst ... wenn du dich erinnerst und mit Dankbarkeit und Lob ihm zuwendest, dann wirst du - oder es kommt dir so vor - mit offenen Armen begrüßt. @Aber gehe zu ihm, wenn deine Not verzweifelt ist, wenn es keine andere Hilfe gibt, und was findest du? Die Tür wird dir vor der Nase zugeschlagen, und du hörst, wie von innen erst ein und dann noch ein Riegel vorgeschoben wird. Danach nur noch Schweigen. Du könntest ge-nauso gut weggehen. Je länger du wartest, desto nachdrücklicher wird das Schweigen ... @Warum ist er ein so gegenwärtiger Gebie¬ter am Tag unseres Wohlergehens und ein so abwesender Helfer am Tag unserer Not?"

Viele sind schon an Gott verzweifelt, und kommen doch nicht von ihm los. Das gehört mit zu dem Rätselhaftesten unserer christlichen Existenz. Wir rufen ihn an in Zeiten der Not und er scheint nicht zu antworten. Wir bitten um Klärung, um Hilfe, um Heilung, doch es bleibt unbestimmt. Irgendwie sind wir gewohnt, auf eine Frage doch auch eine Antwort zu bekommen. Wo wir in etwas investieren, auch ein Ergebnis zu erhalten, Doch Gott bleibt manchmal unzugänglich, unverständlich, unnahbar. Es gehört wohl in die Passionszeit, auch hiervon reden zu müssen.

@Bruce Pandolfini ist Schachmeister und gefragter Schachlehrer. Als er ge-fragt wurde, wie er mit seinen Studenten arbeitet, antwortete er: „Mein Unterricht besteht aus viel Schweigen. Ich lasse meine Studenten denken. Wenn ich eine Frage stelle und nicht die richtige Antwort bekomme, for-muliere ich die Frage um – und warte. Ich gebe nie selbst die Antwort. @Die meisten von uns schätzen die Kraft des Schweigens nicht. Die wirksamste Kommunikation – zwischen Schüler und Lehrer oder zwischen Meisterspie-lern – findet oft während solcher Zeiten des Schweigens statt.“

@Manchmal ist es, als ob es Nacht ist und wir warten sehnsüchtig auf den Morgen, die Sonne, aber noch ist es Nacht. Es bleibt dann nicht mehr, als hin und wieder zu klagen, zu flehen, zu bitten, wie Jeremia, aber unter dem Strich muß man auf den Tag warten.

Es war für mich eine ganz wunderbare Erfahrung, als ich einmal eine Oster-nacht durchwachte. Eine ganze Nacht lang nur auf den Morgen warten. Die Nacht durchzogen zu jeder vollen Stunde von Gebeten, gesungenen Psalmen und Passagen der Bibel, Texte, die Gottes Nähe zu seinem Volk bekundeten. Wir waren einige Leute in einer Kirche, die von einem großen bewaldeten Friedhof umgeben war. Die ganze Nacht lang war es dunkel und still. Hin und wieder nur die Gebete, Gesänge und die Lesungen. Es war recht mühsam. Irgendwann, es war noch dunkel, fingen die Vögel zu singen an, anfangs nur einer, dann immer mehr und allmählich wich auch die Dunkelheit.

Auch wenn es scheint, als ob Gott schweigt, lässt er uns doch nicht los. Auf die Nacht folgt ein neuer Morgen. @Jeremia sagt, Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held. Bonhoeffer letzte überlieferte Worte – auf dem Weg zum Standgericht waren: @„Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens.“ C.S. Lewis schrieb später: @„Ich spüre allmählich mehr und mehr, dass die Tür nicht länger verschlossen und verriegelt ist … Ich war wie der ertrinkende Mann, dem man nicht helfen kann, weil er noch zu sehr greift und klammert.“

@Von Gott nicht mehr loskommen, bedeutet auch im Guten und im Bösen nie mehr Gott-los sein können.

@Irgendwann fangen die Vögel zu singen an und die Dunkelheit weicht.

 

Amen.