18.11.2007 Jer 8,4-7 Johannes Zimmermann
Predigt über Jeremia 8,4-7 am 18. 11. 2007 (GreifBar-Plus, Greifswald)
4 Sprich zu ihnen: So spricht der HERR: Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme? 5 Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für und für? Sie halten so fest am falschen Gottesdienst, dass sie nicht umkehren wollen.
6 Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was hab ich doch getan! Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt. 7 Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen (Jeremia 8,4-7).
Liebe Freunde, Volkstrauertag ist heute. Nicht im Kirchenjahr, sondern im Weltjahr. Im Kir-chenjahr ist der vorletzte Sonntag des Kirchenjahres, das Thema ist das Weltgericht. Im Welt-jahr ist seit 1952, also seit genau 55 Jahren Volkstrauertag. Ein Tag, der an die Toten der Kriege und an die Opfer von Gewaltherrschaft erinnert. Manche von Euch verbinden damit vielleicht auch konkrete Erinnerungen an Feiern zum Volkstrauertag. In meinem Heimatdorf auf der Schwäbischen Alb war es so, dass diejenigen, von denen ein Angehöriger im Krieg gefallen oder vermisst war, in den Gottesdienst kamen. Nach dem Gottesdienst fand am Krie-gerdenkmal eine „Feierstunde“ statt (die allerdings nur etwa 20 Minuten dauerte): Der Mu-sikverein spielte traurige Musik, der Liederkranz sang Lieder wie „Ich hatt’ einen Kameraden“ und der Bürgermeister hielt eine Rede. Dabei war zu beobachten, dass die Leute, die dazu kamen, mit den Jahren immer älter und immer weniger wurden. Dabei geht es ja keineswegs nur um den Rückblick auf den zweiten Weltkrieg, sondern auch um die Opfer von Krieg und Gewalt heute. Und man hat den Eindruck, dass wir Menschen von den Schrecken und Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs reichlich wenig gelernt haben. Jedenfalls ist wenig davon zu spüren, dass unsere Welt insgesamt friedlicher wird – ganz im Gegenteil. Trauer ist deshalb nicht nur für die angesagt, die im Zweiten Weltkrieg sinnlos ihr Leben lassen mussten, Trauer ist darüber angesagt, dass es der Menschheit insgesamt nicht gelingen will, friedlich miteinander auf der Erde zu leben. Und das nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen. Streit in der Familie, Psychoterror durch Nachbarn, Mobbing am Arbeitsplatz – das gibt es auch bei uns in Greifswald, und das ist der Nährboden, auf dem bewaffnete Auseinan-dersetzungen wachsen.
Volkstrauertag – Anlass für diesen Tag gibt es genug. Mir geht es heute aber nicht darum, einen weltlichen Feiertag in die Kirche einzuführen. Ich erwähne das alles, weil auch unser Predigttext mit einem Volkstrauertag zu tun hat. Die leidenschaftlichen Worte Jeremias zeigen uns, dass bei Gott Volkstrauertag ist. Das ist der Hintergrund der aufrüttelnden Anklagerede: Gott trauert um sein Volk. Er trauert, weil er mit ansehen muss, wie alle seine Bemühungen um sein Volk ins Leere laufen. Die Menschen, die zu viel Besserem bestimmt sind, rennen in ihr eigenes Verderben. Volkstrauertag bei Gott. Es lohnt sich, näher hinzusehen.
Wenn einer hinfällt, dann ist es normal und vernünftig, dass man wieder aufsteht. Vor allem bei einem Wetter wie in den vergangen Tagen. Was soll man auch in dem Matsch liegen blei-ben?
Wenn jemand an einer Kreuzung falsch abgebogen ist, wird ihm nichts anderes übrig bleiben, als umzukehren und die richtige Richtung einzuschlagen. Man kann sich zwar über die verlo-rene Zeit und über die zuviel gefahrenen Kilometer (vor allem bei den derzeitigen Benzinprei-sen) ärgern, aber das bringt nichts. Das einzig sinnvolle ist: Ruhig bleiben, umdrehen, den richtigen Weg einschlagen. Wer sich bei einer Wanderung verirrt, ist froh, wenn er den richti-gen Weg wieder findet. Auch da kann man sich ärgern, aber meist überwiegt doch die Freude, die Orientierung wieder gefunden zu haben.
Kurzum: Es gibt Situationen, in denen es logisch, vernünftig und einsichtig ist, umzukehren, einen falschen Weg zu verlassen und auf den Weg zurückzukehren, der zum Ziel führt. Alles andere macht die Lage nicht besser, sondern schlimmer.
Aber das, was logisch, vernünftig und einsichtig ist, ist nicht immer das, was getan wird. Sie alle werden das kennen: Da kann man noch so sehr an die Einsicht appellieren und gute Gründe nennen – gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen, gegen Sturheit gibt es keine Medizin.
Es gibt Menschen, die rennen blindlings in ihr Verderben. Man kann Jugendlichen noch so oft sagen, dass Wettrennen mit den Autos lebensgefährlich sind – wir alle stehen hilflos vor dem schrecklichen Unfall, der vor kurzem in Greifswald vier jungen Menschen das Leben gekostet hat. Und das nur, weil einer in den Tod gerast ist – und andere noch mitgerissen hat. Man kann noch so sehr sagen, dass Komasaufen keine Sportart ist – es gibt noch viel zu viel Ju-gendliche, die meinen, sie müssten es unbedingt ausprobiert haben. Man kann noch so sehr sagen, dass es eine Ehe und Familie kaputt macht, wenn man meint, ein kleiner Seitensprung könne nicht schaden, es gibt genügend, die das nicht wahrhaben wollen – oder die das wissen und trotzdem tun.
Es gibt nicht nur Einzelne, sondern ganze Völker, die blindlings in ihr Verderben rennen. Wir stehen heute fassungslos vor den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und fragen uns, wie das alles kommen konnte, wie ein ganzes Volk sich so in sein eigenes Unglück stürzen konnte.
Solche Menschen vergleicht Jeremia mit einem Pferd in einer Schlacht, das Scheuklappen hat oder dem die Augen ganz verdeckt sind - es soll ja nicht scheuen, sondern vorwärts rennen. Und wenn niemand da ist, der so ein Pferd lenkt, dann stürmt es weiter, vom Lärm der Schlacht wild geworden - blindlings und unaufhaltsam in sein eigenes Verderben. Egal wohin, Hauptsache schnell. Oder kennen Sie die Lemminge? Das sind Nagetiere, die vor allem in Nord-Amerika leben. Aus unerklärlichen Gründen stürzen sie sich im Frühjahr scharenweise ins Meer und ertrinken - so rennen Menschen in ihr eigenes Verderben. Es ist bitter, das mitansehen zu müssen – und noch bitterer, Hilfe anzubieten, die verweigert und abgeschlagen wird.
Dabei wäre es doch so einfach: Man müsste nur einsehen, dass man sich verrannt hat, die Notbremse ziehen, anhalten – und umkehren, sich neu orientieren, die Konsequenzen ziehen. Das ist einsichtig, logisch und vernünftig. Und vor allem: Man tut es nicht andern zuliebe, sondern sich selbst.
Aber, und jetzt wiederhole ich mich: Das, was logisch, vernünftig und einsichtig ist, ist nicht immer das, was getan wird. Sicher, es ist schwer, einzugestehen, dass man sich geirrt hat. Man will schließlich das Gesicht wahren. Aber Menschen sind offensichtlich unfähig dazu, das zu tun, was ihnen selbst am meisten nützen würde.
Was dem Propheten Jeremia begegnet, ist eben das: die Weigerung zur Umkehr. Sie wollen nicht umkehren, sie verweigern die Umkehr. Sie wollen nicht dorthin, wo sie herkommen: zurück zu Gott. Gott hat einen Bund mit seinem Volk geschlossen, er hat ihnen einen Raum geschaffen, in dem sie leben können. Gottes Gebote und Ordnungen sollen das Miteinander ermöglichen und bewahren. Das menschliche Miteinander ebenso wie die Beziehung zu Gott. Israel hat gute Erfahrungen damit gemacht. Und wo es schwierig wurde, hat Gott immer wie-der Propheten gesandt, um zu warnen. Mit begrenztem Erfolg. Nein, mehr noch: mit zuneh-mendem Misserfolg.
Gottes Leute sind nicht bereit, auf den Propheten zu hören, den Gott zu ihnen sendet. Manche denken, es sei vor allem die Aufgabe von Propheten, die Zukunft vorherzusagen. Die Haupt-aufgabe von Propheten ist eine andere: Propheten haben den Auftrag, Licht in die Gegenwart zu bringen. Aufzeigen, wie Gott Situationen, Menschen und ihr Handeln beurteilt. Scheinhei-ligkeit wird enttarnt, Widersprüche werden aufgedeckt. In der Regel in der Hoffnung, dass Menschen sich etwas sagen lassen, dass sie umkehren. Aber von einer Hoffnung, dass sich etwas zum Bessern wenden könnte, ist bei den Worten Jeremias nichts mehr zu merken. Seine Prognose ist düster und ohne Hoffnung: Sie wollen nicht umkehren. Sie wollen sich nichts von Gott sagen lassen, sie meinen, es besser zu wissen, sie verweigern die Einsicht und Umkehr. Sie sind sozusagen therapieresistent. Immer weiter im alten Trott. Unbelehrbar wie Erich Honecker, der noch kurz vor seiner Absetzung tönte: Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.
Ganz ähnlich Jeremia: Er verweist auf die Zugvögel. Noch vor wenigen Tagen waren die Kraniche und andere Vögel auf dem Weg in den Süden bei uns zu sehen. Beeindruckende Bilder am Himmel. Manch einer mag denken: Ihr dürft dorthin gehen, wo es warm und hell ist – und wir müssen hier bleiben. In geheimnisvoller Weise wissen sie, wenn ihre Zeit da ist und machen sich auf den Weg in den Süden. Jetzt schon kann man genau sagen, wann sie im Frühjahr wiederkommen werden. Sie wissen, wann es Zeit ist. Instinkt nennen wir das heute. Frühere Generationen sahen darin Gottes geheimnisvolle Ordnung. Die Vögel wissen, was für sie dran ist – Menschen sind zu dumm dafür. Sie könnten bei den Tieren in die Lehre gehen. Tiere kennen die Ordnungen Gottes – Menschen wollen davon nichts wissen. Damit sinken sie unter tierisches Niveau.
Der, der sich für die Krone der Schöpfung und für ein vernunftbegabtes Lebewesen hält, das über den Tieren steht, ist an Dummheit nicht zu überbieten. Er weiß, was Gott von ihm will – und hält sich nicht daran. Mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen. Ihr Menschen seid dümmer als die Tiere.
Wie kann Einsicht und Reue entstehen? Gibt es einen Ausweg aus dieser Situation, die noch weit verfahrener ist als die zwischen der Gewerkschaft der Lokführer und der Bahn? Jeremia kann nur feststellen, dass hier Hopfen und Malz verloren ist. Gott hat allen Anlass zur Trauer um sein Volk. Ihr seid unfähig, das zu tun, was angesagt, was vernünftig wäre. Ihr wollt es nicht tun. Und dabei ist er nicht der erste. Vor ihm haben bereits die Propheten Amos und Hosea festgestellt: Das Volk ist unfähig und unwillig zur Umkehr. Gottes Gericht ist unaus-weichlich, die Katastrophe unabwendbar.
Aber – und das führt uns weiter: Es muss doch einen Grund geben, weshalb diese Worte auf-geschrieben und über Generationen hinweg weitergegeben wurden. Kaum deshalb, um zu sehen, dass es früher schon Dummköpfe gab. Kaum deshalb, damit wir uns wieder einmal empören können, wie schlecht die Menschen sind, vor allem die anderen. Nein, es ist mehr: Die Worte wurden und werden weitergegeben, weil sie nicht nur über das berichten, was frü-her war, sondern jeder Generation neu den Spiegel vorhalten: Schau genau hin, entdeckst du dich wieder? Da siehst du, wozu Menschen fähig sind. Da siehst du, wozu du fähig bist. Gott hat auch heute noch allen Grund, Volkstrauertag zu begehen.
Man kann sich die Sache jetzt einfach machen und sagen: Das ist ein Problem der anderen. Ich bin kein Raser und kein Komasäufer und auch sonst ein netter Mensch. Wer so denkt, steht in der Gefahr, selbst vom Pferd zu fallen. Wer über das erschrickt, was unter Menschen möglich ist, tut gut daran, über sich selbst zu erschrecken: Das steckt im Menschen drin – das könnte auch in mir drin stecken! Und wenn es bei mir nicht so weit gekommen ist wie bei manchen anderen, dann habe ich keinen Grund zur Überheblichkeit. Dann ist vielmehr Dankbarkeit angesagt, Dankbarkeit dafür, dass Gott mich vor Schlimmerem bewahrt hat.
Die Diagnose Gottes über den Menschen in der Bibel ist radikal: „Böse von Jugend auf“ – „da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer“.
Gibt es einen Ausweg? Offensichtlich ja, denn sonst würden wir heute nicht hier sitzen und Gottesdienst feiern. Offensichtlich ist etwas geschehen seit der Diagnose des Jeremia und unserer Zeit.
Zunächst ist das selbstverschuldete Unheil ist gekommen. Das musste Israel damals erfahren, das mussten wir Deutschen vor 60 Jahren bitter erfahren und erleiden. Aber Gottes Weg war damit noch nicht zu Ende. Durch den Zerbruch, durch das Gericht hindurch führt er sein Volk. Gott gibt den hoffnungslosen Fall Mensch nicht auf. Er selbst hat die Initiative ergrif-fen, und schon an späterer Stelle im Buch des Propheten Jeremia leuchtet das auf. Da sagt Gott zu: Sie es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen … Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein (Jer 31, 31+33).
Der Mensch, der gegen Belehrung von außen immun ist, der auf Durchzug stellt, wenn Gottes Worte an sein Ohr kommen, dem wird hier ein Ausweg in Aussicht gestellt: Gott selbst wird das Unmögliche möglich machen. Er wird den Menschen von innen her erneuern. Radikal, von der Wurzel her erneuern. Ihn so verändern, dass er von sich aus fragt: Gott, was willst du? Er wird ihn so erneuern, dass er gerne auf Gott hört und dass es ihm ein Bedürfnis wird, so zu leben, dass Gott sich darüber freut.
Genau hier knüpft Jesus an, seine Botschaft lautet: Jetzt ist die Zeit da, in der Gott Neues schafft. Umkehr ist nötig, aber Umkehr ist jetzt auch möglich. Gott wartet voller Liebe auf euch, ihr verlorenen Töchter und Söhne. Jetzt ist die Zeit der Umkehr, der Rückkehr zu Gott. Den einen sagt er: Auf euch habe ich schon früher meine Hand gelegt. Damals, bei der Taufe, da habe ich euch gesagt: Ihr gehört mir, ihr sollt mit mir leben. Kommt zurück zu mir! Andere kommen von ganz weit draußen. Zu ihnen sagt Gott: Mein Haus ist für euch offen. Egal, was bisher war: Kommt zu mir! Lasst das zurück, was euer Leben bisher kaputt gemacht hat. Am Anfang eines Lebensweges mit Gott steht eine solche grundlegende Richtungsänderung.
Aber auch die, deren Leben auf Gott hin ausgerichtet ist, brauchen immer wieder Propheten, die ihnen Gottes Sicht auf ihr Leben weitergeben: Pass auf, dass du nicht hinfällst! Und de-nen, die gefallen sind, sagen sie: Bleib nicht liegen, steh wieder auf! Denen, die an einer Kreuzung falsch abgebogen sind, sagen sie: Fahr nicht weiter, sonst kommst du vom Ziel ab! Kehr um, fahr zurück auf die richtige Straße!
Liebe Freunde, Volkstrauertag bei Gott. Dass Gott trauert, ist unsere Chance. Er trauert, weil wir ihm nicht egal sind. Er trauert um uns – und er freut sich, wenn Menschen zu ihm zurück-kehren. Dann wird aus dem Volkstrauertag ein Freudenfest – auch im trüben und nasskalten November. Amen.
Pfr. Dr. Johannes Zimmermann, Greifswald (johannes.zimmermann@uni-greifswald.de)
