Predigttext: Gal 4,4-7
Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen. Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.
Liebe Gemeinde,
nicht jeder will die Story hinter der Story wissen. Da steht eine Frau am Fischstand auf dem Markt. Daneben meine Frau. Und die kann es nicht lassen, mit allen möglichen Leuten ins Gespräch zu kommen. Da sagt die andere Frau: Ach, ich wollte doch noch Wild einkaufen zum Fest; aber ich finde einfach keines. Sagt meine Frau: Versuchen Sie es doch mal bei einem Förster. Nein, antwortet die andere, nein, da nehmen sie ja immer Tiere. Meine Liebste schluckte gerade noch die Antwort runter, die ihr über die Lippen rutschen wollte: „Ach, und Sie machen den Rehrücken immer aus Pfannkuchenteig?“
Nicht jeder will die Story hinter der Story wissen: Weihnachten feiern ist ja ganz schön, aber wer weiß schon, welche Story dahinter steht. Stollen und Weihnachtsbaum, Geschenke und Familienfest sind ja prima, aber gucken Sie sich doch mal die eigentliche Geschichte an. Ach nein, da nehmen sie ja immer Jesus.
Gestern haben wir die Weihnachtsgeschichte erzählt bekommen, in der langen Version, wie sie Lukas aufgeschrieben hat. Heute bekommen wir die kurze Version, wie sie bei Paulus zu finden ist. Lukas erzählt Weihnachten, Paulus denkt Weihnachten. Er bietet die knappste Fassung, die ich kenne. Er hält sich nicht bei Ochs und Esel auf, berichtet nichts von Hirten und Magiern und hat erstaunlich wenig Interesse an Maria und Josef, und nicht einmal die Engel kommen zu ihrem Recht. Er nimmt nur Jesus. Also, hören wir hin, was Paulus an die Gemeinde in Galatien schreibt. Aber passt genau auf, diese Weihnachtsgeschichte ist schneller vorbei, als man gucken kann:
„Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen. Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.“
Was ist die Geschichte hinter der Geschichte? Wir haben die einfache Jesus-Geschichte gehört, und da geht es um eine zweifache Sendung und eine dreifache Bescherung:
Die zweifache Sendung
Paulus schreibt an Christen, die vergesslich waren, so dass ihnen wieder und wieder entfiel, worum es bei Jesus geht. Und so buchstabiert er es durch, ganz von vorne. So sind wir, wir brauchen es, ich brauche es, ganz von vorne:
Als also die Zeit erfüllt war, sagt Paulus, geschieht die erste Mission: Der Vater sendet seinen Sohn. Als die Zeit erfüllt war, erzählt Lukas, finden sich Maria und Josef in Bethlehem ein und Maria bringt ihren ersten Sohn zur Welt, unter ärmlichsten Umständen. Das passiert auf der Bühne der Weltgeschichte. Paulus sagt: Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn. Das ist ein Blick hinter die Kulissen. Da sagt der Vater zum Sohn: Es ist Zeit. Es ist soweit. Jetzt geh hin, geh den Weg aus der Höhe in die Tiefe, aus der Allmacht in die Ohnmacht, aus dem Lichtglanz in die Dunkelheit, aus der Gottheit in die Menschheit. Und der Sohn sagt: Ja, Abba, lieber Vater. Voller Vertrauen und Gehorsam. Und er geht. Und in Bethlehem kommt ein Kind zur Welt. Und dieses Kind wird eines Tages den Menschen zurufen: Die Zeit ist erfüllt. Das Reich Gottes ist nah. Kehrt um und glaubt an diese gute Nachricht.
Und seitdem buchstabieren wir dieses Wunder nach. Man kann es erzählen wie Lukas oder durchdenken wie Paulus; es bleibt ein Wunder. Unsere Erklärungen reichen bei weitem nicht an das Geheimnis heran, das uns da erzählt wird, und das wir vielleicht besser besingen als erklären.
In einer Schulklasse gibt es immer Außenseiter. So war es auch in Hannas Klasse. Da gab es diese Jennifer. Jennifer saß ganz hinten. Und Jennifer war nicht gerade die Hellste. Obendrein trug sie seltsame Kleider und roch manchmal etwas streng. Mit Jennifer spielte niemand in der Klasse. Jennifer war eine Außenseiterin. Auch Hanna wollte mit ihr nichts zu tun haben. Aber Jennifer hatte gehört, dass Hanna einen kleinen Bruder bekommen hatte, vor 6 Wochen war er geboren worden. Und nun bearbeitete sie Hanna: Darf ich deinen kleinen Bruder sehen. Hanna war es peinlich, aber Jennifer ließ nicht locker. Irgendwann gab Hanna nach: O.k., dachte sie, bringen wir es hinter uns. „Aber nur gucken“, mahnte sie noch. „Nur gucken!“ Nach der Schule gingen Hanna und Jennifer gemeinsam los, zu Hannas Familie. Und dort geschah das Unglaubliche: Hannas Mutter nahm den kleinen Bruder und legte ihn Jennifer in die Arme. Jennifer strahlte. Hanna war entsetzt: ihr kleiner Bruder auf den Armen dieses abgerissenen, ärmlichen Mädchen, das streng roch und aus einer komischen Familie stammte, von der man so manches hörte.
Und Gott sandte seinen Sohn. Das ist es: Gott legt sein Kind in die Arme einer abgerissenen, ärmlichen, boshaften Menschheit. Das ist sein Einsatz im Projekt „Rettung der Menschheit“. Das ist das Weihnachtsgeschenk: Gott verschenkt seinen lieben Sohn und wirft sich der Welt in die Arme.
Von Jesus heißt es bei Paulus nun zweierlei: erstens wird er von einer Frau geboren und zweitens unter das Gesetz getan.
Das erste bedeutet: Er wird wirklich in nahezu jeder Hinsicht ein Mensch. Er durchlebt und durchleidet, was Menschen durchleben und durchleiden. Er fühlt, was wir fühlen, kennt unsere Freude, aber auch unsere Angst. Er kennt Hunger und Durst, aber auch den Geschmack von Brot und Wein. Er kennt Schmerzen und er kann sterben – und er wird sterben und grausam leiden. Er weiß um die Freude an Fest und Freundschaft, und er kennt das Schicksal eines Flüchtlings und lebt das Leben eines kleinen Mannes. Ihm ist also nichts Menschliches fremd – außer unserem Misstrauen gegen Gott, außer unserer Neigung, unsere eigenen Wege zu gehen und Gott zu unterstellen, er wäre gegen uns. Das ist ihm fremd und bleibt ihm fremd. Ansonsten aber: Er wird einer von uns. Von einer Frau geboren. Das sagt alles.
Das zweite bedeutet: Er tritt in unsere verlorene Position ein. Unter dem Gesetz ist er. Das Gesetz steht hier nicht für den guten Willen Gottes, der uns sagt, wie wir richtig leben können. Das Gesetz steht hier für ein Leben in der Knechtschaft des „Du musst“. Das Gesetz steht für die Anklageschrift gegen unser Leben: „Du bist nicht, der du sein solltest“. Das Gesetz ist der Spiegel, der uns vorgehalten wird und in dem wir erkennen: Ich sollte wohl, aber ich tue es nicht. Das Gesetz klagt uns an: Dein Leben ist verwirkt, denn Du bist schuldig in allen Punkten der Anklage. Unter dieses Gesetz beugt sich Jesus. Er, dem Misstrauen gegen Gott fremd ist, tritt in unsere verlorene Position ein. Er beugt sich unter das Urteil, das uns treffen müsste: Er trägt es und so trägt er es auch fort. Er erträgt es an unserer Statt. Das beginnt mit Weihnachten: Er ist nicht nur von einer Frau geboren, also ganz mit uns solidarisch, er ist auch unter das Gesetz getan, also der, der uns vertritt.
Das ist Gottes erste Mission: Als die Zeit reif war, sandte er seinen eigenen Sohn, hinab in unser Leben, hinein in unsere Verlorenheit. Er lebte unser Leben, aber nicht unsere Auflehnung gegen Gott, und er beugte sich unter das Gesetz und trug an unserer Statt sein tödliches Urteil. Paulus denkt also Weihnachten und er denkt Weihnachten und Karfreitag zusammen. Über der Krippe steht schon das Kreuz.
Damit nicht genug, weiß Paulus gleich noch von einer zweiten Mission: Es ist nämlich nicht genug, dass irgendwann um die Zeitenwende in Israel ein Kind geboren wurde. Es ist nicht genug, dass es da eine bedeutsame Geschichte gab, solange es nicht auch unsere Geschichte ist. Nach einem schönen alten Gedicht von Angelus Silesius reicht es nicht, dass Jesus damals in die Welt kam, wenn er nicht auch in unser Herz kommt. Die Krippe im Stall reicht nicht: „So lass mich doch dein Kripplein sein, komm, komm und lege bei mir ein dich und all deine Freuden.“ Damit das geschehen kann, denkt Paulus Weihnachten noch etwas weiter und sagt: Gott sandte nicht nur seinen Sohn, er sandte auch noch seinen Geist. Und damit haben wir den göttlichen Haushalt komplett: Der Vater sendet den Sohn und dann auch noch den Geist. Den Sohn in die Welt und den Geist in unsere Herzen. Jetzt denkt er also auch noch Weihnachten und Pfingsten zusammen. Weihnachen wird es bei uns, wenn der Geist uns das Kind in der Krippe ins Herz legt. Dann wird auch uns das göttliche Kind in die Arme gelegt. Und dann wird es Weihnachten, Ostern und Pfingsten in uns, wenn über allem Singen und Hören uns plötzlich etwas anrührt von der Weihnachtsfreude: „So lass mich doch dein Kripplein sein; komm, komm und lege bei mir ein, dich und all deine Freuden.“ Und dann sagen wir: Abba, lieber Vater!
So weit denkt Paulus, Weihnachten also einmal theologisch. Aber zu unserem Glück wechselt er noch einmal die Art der Ansprache, und die, die schon etwas Nachtschlaf nachholten bei so viel abstrakter Theologie, werden noch einmal wach, denn jetzt sagt Paulus plötzlich „du“ zu uns:
Zweitens: Die dreifache Bescherung
Du, sagt Paulus, Dir und mir, Du bist nicht mehr Knecht. Du bist Tochter, du ist Sohn Gottes. Und du bist Erbe einer neuen Welt. Nicht mehr Knecht, aber Tochter und Sohn des Hauses, bestimmt zum Erben. Das ist die Story hinter der Story, das ist Weihnachten. Wir denken ja oft nur an die eine Seite, an die Geburt des Kindes im Stall, aber jetzt geht es um die andere Seite: Was uns da geschenkt ist. Jetzt ist Bescherung.
Zuerst: Du bist kein Knecht mehr. Das Gesetz des „Du musst“ steht nicht mehr über dir. Wer unter dem Gesetz des „Du musst“ lebt, muss sich sein Leben selbst und alleine bauen. Ich bin, was ich leiste. Ich bin so viel wert, wie ich schaffe. Paulus sieht in seiner Zeit Juden und Heiden unter diesem Gesetz. Die einen definieren es religiös, die anderen etwas anders. Die einen meinen, sich selbst vor Gott erschaffen zu können. Wenn ich alle Gebote erfülle, viel bete und opfere, wenn ich gut genug die fromme Leiter hinaufklettere, dann schaffe ich es, dann ist mein Leben in Ordnung und mein Ende im Himmel. Die anderen sahen sich den kosmischen Kräften ausgeliefert, den Weltelementen, die mit der Macht von Engelwesen ausgestattet waren. Das Ergebnis war dasselbe, auch der Heide steht unter dem Gesetz: Du musst alle Kräfte aufbieten, um bestehen zu können. Ich kann fromm oder heidnisch unter dem Gesetz leben. Ich kann religiöse oder weltliche Leitern erklimmen. Es geht immer um dasselbe: Erschaffe dich selbst, tu gute Werke, werde etwas, streng dich bloß an, damit es reicht.
Jude wie Heide unter demselben Gesetz, das Menschen zu Knechten macht. Nicht darum geht es, dass es zu unserem Leben gehört, Dinge gut zu machen, unser Bestes zu geben und etwas zu leisten. Darum aber geht es: zum Leben eines Knechtes verdammt sein, der seinen Wert und sein Wohl selbst erschaffen muss durch harten Dienst. Ich muss mich machen, ist das gottlose Credo. Und es existiert in allen möglichen Varianten:
Eine Variante ist das permanente Vergleichen mit anderen. Wir sind mit dem anderen immer im Wettkampf. Wir spielten früher in der CVJM-Kindergruppe immer ein Spiel, das hieß Luftballonzertreten. Jeder bekam einen Luftballon um den Fuß gebunden, und dann ging es los. Man musste seinen Ballon schützen und den der anderen zertreten, und gewonnen hatte, wer übrig blieb. So geht das Spiel des Menschen, der sich vergleicht und selbst erschafft: Bin ich besser? Rede ich besser? Sehe ich besser aus? Verdiene ich mehr? Sind meine Noten besser? Es ist eine Knechtsexistenz. Alles müssen wir tun, um uns selbst ins rechte Licht zu rücken, ein hartes Leben, das selten nur zur Ruhe kommt.
Und daran ändert sich gar nichts, wenn diese Knechtsexistenz religiös wird. Harold Kushner erzählt von einem jungen, sehr ehrgeizigen Medizinstudenten, der auf einer Reise einem indischen Guru begegnet. Der deckt auf, wie sehr sein Leben vom Ehrgeiz und Wettkampf zerfressen wird. Komm zu uns, wir leben in einer Atmosphäre der Liebe und des Teilens. Der Student nahm das Angebot an, brach sein Studium ab und zog in den Ashram. Nach einem halben Jahr schrieb er den Elztern: „Liebe Mama, lieber Papa, ich weiß, dass ihr mit meiner Entscheidung nicht einverstanden wart, aber ich möchte euch erzählen, wie sehr sich mein Leben hier verändert hat. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Frieden gefunden. Hier gibt es keinen Wettstreit, kein Besser-sein-Wollen. Dieser Lebensstil harmonisiert so mit meinem Innersten, dass ich nach nur einem halben Jahr schon der zweitbeste Jünger der ganzen Gemeinschaft geworden bin, und ich glaube, bis Juni werde ich auch noch der beste werden.“ Unser Ich wird noch nicht anders, wenn es nur religiös wird.
Paulus sieht nun selbst seine christliche Gemeinde in genau dieser Gefahr: noch zu leben wie Knechte, die nicht wissen, dass sie längst freigekauft und erlöst sind von ihrem bitteren Los. Ich muss beten, muss mitarbeiten, muss gehorsam sein, muss Geld geben, muss nett sein zu meinem Nächsten. Bin ich es nicht, ist Gott auch nicht nett zu mir. Bin ich es, dann reicht es vielleicht für den Himmel. Und wenn ich noch ein bisschen strenger bin als die anderen, mehr opfere, konsequenter die Regeln einhalte, umso besser! Ich muss mein Leben vor Gott machen. Das ist das Spiel!
Das Problem mit dem ganzen Spiel ist, dass wir die Leiter raufklettern wollen. Und das bedeutet, dass wir beim Raufklettern an Jesus vorbeiklettern, denn er klettert gerade herunter.
Paulus sagt: Das ist Vergangenheit. Du bist kein Knecht mehr. Du bist es nicht mehr. Seit Vater den Sohn und den Geist gesandt hat, seit Weihnachten, Ostern und Pfingsten bist du definitiv kein Knecht mehr. Du muss dich nicht mehr selbst zu etwas machen. Du bist schon jemand, weil Gott Bescherung gemacht hat. Du bist, das ist das erste Geschenk, aus dem Zwang und der Knechtschaft befreit, selbst etwas aus dir machen zu müssen.
Denn zum zweiten: Du bist jetzt ein Sohn, eine Tochter des Gottes. Gottes Sohn wurde Mensch, damit Menschen Gottes Töchter und Söhne werden können. Ich übersetze: Töchter und Söhne, nicht Kinder, weil wir nicht aus der einen selbstverschuldeten Unmündigkeit der Knechte in die nächste der unmündigen Kinder wechseln. Wir sind Gottes Töchter und Söhne, erwachsene Menschen, die vor dem Vater leben. Wer Jesus aufnimmt, der bekommt eine Adoptionsurkunde: Aus dem Knecht wird ein Sohn, aus der Sklavin eine Tochter. Du bist nun wer, sagt Gott. Mein Kind, mein Sohn, meine Tochter. Das ist deine Gegenwart. Die englische Übersetzung lautet: We receive the full rights of sons. Die vollen Rechte der Söhne und Töchter.
Söhne und Töchter müssen nichts mehr tun, um Söhne und Töchter zu sein. Sie sind es und sie bleiben es, weil man sie nicht wie Knechte auf die Straße setzt. Das ist die gute Nachricht. Anders herum: Warum hast Du, lieber Galater, ein so furchtsames, knechtisches, zwanghaftes Verhältnis zu Gott? Das ist so unnötig, so überholt! Warum betest du so ängstlich? Warum nur denkst du, Gott würde dich doch noch vor die Türe weisen? No way! Auf keinen Fall! Er hat seit jenen Tagen im Stall von Bethlehem beschlossen: Du bist sein geliebtes Kind und sollst es auch bleiben! Nun zwing dich nicht, endlich ungezwungen zu sein. Lass es dir einfach sagen: Du bist sein Kind! Gleich wirst du es schmecken und sehen: Du bist sein Kind!
Söhne und Töchter erkennt man daran, dass sie mit dem Vater im Gespräch sind. Sie trauen dem Vater, hören auf ihn und erzählen ihm alles, was sie auf dem Herzen haben. Sie rufen: Abba, lieber Vater. So rufen die jüdischen Kinder bis heute: Abba, Ima, Papa und Mama. Aber Abba sagen auch die erwachsenen Kinder zu ihren Eltern, es ist Ausdruck der Vertrautheit und des Respekts. Wer Abba sagt, ist geborgen und zugleich bereit, den Willen des Vaters zu tun. Abba ist Vertrauen und Verehrung in einem, darum ist es für Jesus wie für Paulus die angemessene Anrede für Gott. Wer nicht mehr Knecht ist, darf Abba rufen. Er muss nicht beten, er darf es. Abba, lieber Vater! Das ist das zweite Geschenk. Martin Luther war der Meinung, dass selbst die Engel uns dafür beneiden: Jeder Engel, so Luther, müsste sich wünschen, ein Mensch zu sein. Selig ist die Kreatur, die Mensch heißt! Wir werden von Gott gekönigt und gekaisert – da kriegen die Engel scheele Augen!
Und schließlich: Du warst Knecht, aber bist es nicht mehr. Du bist Sohn und Tochter – für immer. Und du bist Erbe, weil du eine neue Welt erben wirst. Das ist unsere Zukunft. Es ist eben vieles noch nicht anders und neu geworden. Manchmal fühlen wir uns doch wie Knechte, unfrei und gebunden und seufzen unter der Last dieses Lebens, unter Zwängen und Sorgen, Nöten und Schmezen. Es ist noch vieles alt und erst weniges ist neu. Und doch sind wir Töchter und Söhne, und auf uns kommt das Neue zu, ja es gehört uns schon, auch wenn wir es noch nicht sehen. Denn als Söhne und Töchter sind wir Erben einer neuen Welt.
Das ist die Story hinter der Story: Wer bin ich? Nicht mehr Knecht, aber Sohn oder Tochter, auch Erbe, weil er, der Sohn, die Leiter herunter geklettert ist. Weil er, der Geist, in meinem Herzen wohnt. Und dann bin ich nicht mehr nur der Überforderte oder Überflüssige, nicht mehr nur die unter Zwängen Seufzende und Einsame, nicht mehr nur der nach Erfolg Gierende oder Gescheiterte, dann bin ich Gottes Sohn und Tochter, und wenn alles andere nicht mehr da ist, wird das immer noch da sein und wahr sein und gültig sein. So feiern wir Weihnachten und beten: „So lass mich doch dein Kripplein sein, komm, komm und lege bei mir ein dich und all deine Freuden.“ Amen.
