17. November 2002
Hinterm Horizont – Das Leben nach dem Tod
Vor vier Jahren verlor der Sänger Herbert Grönemeyer innerhalb von Wochen seine Frau und seinen Bruder. Beide sterben an einer Krebserkrankung. Der Sänger zieht sich lange zurück, lebt in London. Jetzt ist er wieder da, mit einer neuen CD, auch auf Tour: „Mensch“.
Was hat einer zu sagen, dem der Boden unter den Füßen weggezogen wurde?
Vom Schmerz hat er zu singen, vom Verlust. Der Mensch heißt Mensch, weil sich anlehnt und vertraut, weil er lacht, weil er lebt. Du fehlst.
• Ja, so ist es, das macht uns lebendig. Du fehlst.
• Ja, das ist nicht zu heilen, dass du nie wieder zur Türe hereinkommen wirst, nie wieder. Du fehlst.
• Du wirst auch nie wieder mit mir streiten und dich mit mir versöhnen, nie wieder mit mir lachen und weinen . Du fehlst.
Der Verlust schmerzt, die Lücke füllt sich nicht einfach, der geliebte andere ist nicht zu ersetzen. Es ist wie eine Amputation. Das sagte mir einmal in der Klinik eine Mutter, die ihr Kind verloren hatte: Du fehlst.
Das ist das erste, was zu sagen ist: Geht einer hinter den Horizont, dann lässt er Schmerz zurück.
• Nie mehr, sagt der Schmerz. Nie mehr ein Wort, eine Berührung, eine Geste.
• Endgültig, sagt der Schmerz. Haben wir noch lange gehofft, so ist es jetzt zu Ende mit dem Hoffen. Endgültig, der Sand, der auf den Sarg fällt, macht es deutlich: endgültig. Die Urne mit der Asche, die wir in den Friedhofsboden senken, duldet keinen Widerspruch: Endgültig.
• Zu spät, sagt der Schmerz. Was nicht gesagt wurde, kann jetzt nie mehr gesagt werden. Was unterlassen wurde, ist nicht nachzuholen. Da ist einer im Streit mit seinem Bruder. Der Graben ist tief. Der Bruder erkrankt, erholt sich nicht mehr so recht und stirbt. Zur Aussprache kam es nicht mehr. Zu spät. Der Schmerz bleibt.
Neben dem Schmerz aber gibt es auch eine Sehnsucht. Gäbe es doch ein Danach - für die, die wir gehen lassen müssen, aber auch für uns selbst.
Denn das ist so gewiss wie nichts anderes: Diesen Weg gehen wir alle. Die anderen sind ihn nur vorangegangen. Aber auch wir werden ihn gehen. Wir können das oft ganz gut von uns fern halten. Sigmund Freud hat gesagt: Wir wissen alle, dass wir sterben müssen – aber wir glauben es nicht! Die Frau sagt zum Mann: „Wenn einer von uns beiden stirbt, ziehe ich wieder nach Grimmen.“ Irgendwann, so sahen wir es im Theaterstück, sagt einem der große Schaffner: Bitte an der nächsten Haltestelle aussteigen!!
Aber es ist doch so, und so sehnen wir uns, es möge doch etwas geben, hinterm Horizont.
• Herbert Grönemeyer fragt so: Wie ist es da – hinterm Horizont? „Du bist dort, ich bin hier, ist jemand da, wenn dein Flügel bricht, der ihn für dich schient, der dich beschützt, der für dich wacht, dich auf Wolken trägt, für dich die Sterne zählt, wenn du schläfst?“
• Robin Williams fragt so: Sein Film gab unserem Gottesdienst den Titel. Er zeigt eine bunte Welt, in der alles wahr wird, wovon wir träumen, wo jeder seinen Himmel hat, so wie er ihn sich denkt. Brennend heiß ist sein Wunsch, seine Frau wieder zu sehen und seine Kinder, einst durch einen Unfall ums Leben gebracht. Und beides geschieht, beides erfüllt sich.
• Astrid Lindgren fragt so, wenn sie in ihren Kinderbüchern etwa die Geschichte vom kleinen Bo Vilhelm Olsson erzählt, den niemand haben wollte, niemand liebte, bis er starb – er starb und wurde Mio, das Königskind, er starb in eine bessere, buntere Welt hinüber. Das kann doch nicht alles gewesen sein. Da muss doch noch etwas kommen.
Es muss so etwas wie einen „Ewigkeitssinn“ in uns geben. Etwas, das sich notorisch nicht zufrieden geben will mit dem Ende, dem Sterbenmüssen und Vergrabenwerden. Etwas, das über unsere Zeit hinausfragt und sich hinaus sehnt – eben nach Ewigkeit und Unvergänglichkeit.
„Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben! Sie zu halten, wäre das Problem.“ Das ist vielleicht die unmittelbarste Erfahrung dieses Suchens. Den Augenblick halten, der so vollkommen, so voller Glück, so erfüllt, so satt an Güte und so getränkt mit Sinn daherkommt. Kennen Sie das? Oft dauert es nur Sekunden:
• Sie schauen in die Augen der Geliebten und möchten, dass die Zeit still stehe.
• Sie halten ihr Kind auf dem Arm und es gluckst vor Vergnügen, vergessen, wie sehr die Windel stank und wie arg der Schlaf mangelt.
• Sie sitzen mit Freunden beim Wein, und es ist plötzlich eine Vertrautheit und Gemeinsamkeit da wie nie zuvor.
• Sie wandern am Strand und die Sonne geht glühendrot in der Ostsee unter.
• Sie sehen das 1:0 von Michael Ballack, ein strammer Schuss ins rechte untere Eck! Augenblick, verweile.
Jetzt soll die Zeit still stehen. Ach bliebe es doch so, wie es jetzt gerade ist. Vollkommene Momente!
Es bleibt natürlich nicht so: Die Geliebte hat dummerweise einen eigenen Willen und zwar einen anderen, das Kind raubt ihnen wieder den Schlaf und wird irgendwann ein Kotzbrocken von 16 Jahren, der nichts mehr mit Ihnen zu tun haben will, die Freunde lassen sich immer seltener sehen und nach dem Sonnenuntergang wird es verdammt kühl am Strand. Aber dennoch: Dieser Moment, er müsste bleiben.
Im alten Buch der Weisen und Frommen, der jüdischen Bibel, sagt einer: „Gott hat uns die Ewigkeit ins Herz gelegt“ (Prediger 3,11). Wer das Leben liebt, ist nicht einverstanden, dass es einmal endet.
Darum ist dieses Fragen auch nicht kaputtzukriegen. Man kann versuchen, es uns abzugewöhnen, es uns gründlich auszutreiben. Man kann es lächerlich machen und die verlachen, die durch den Horizont hindurch schauen. Man kann uns sagen, dass jeder Glaube, der mehr hofft, als er sieht, unwissenschaftlich sei. Man kann uns sagen, nur dieses Leben zähle, und alles, alles, alles müssten wir aus diesem Leben heraussaugen. Man kann uns mit Waren und Gütern vertrösten, die uns glauben machen, dieses neue Auto brächte uns dem Paradies näher und jenes Parfüm habe den Geruch von Eternity. Man kriegt es dennoch nicht kaputt: Was ist hinterm Horizont? Geht es weiter? Bricht es ab? Ist es wie hier, nur besser? Ist es ganz anders? Ist es gar nichts? Es scheint uns ins Herz gepflanzt, das Sehnen und Fragen, wie eine dunkle Erinnerung an eine verlorene Heimat.
Wie hieß es in unserem Theaterstück: Kommt nach dem Aussteigen noch etwas?
Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen.
In einem Dorf leben zwei Schwestern und ihr Bruder. Sie gelten als unzertrennlich, bis, ja bis der Bruder schwer erkrankt . Kein Arzt kann ihm helfen. Nach einiger Zeit stirbt er. Die Beerdigung wird angesetzt und die Menschen aus dem Dorf machen sich auf zur Trauerfeier. Es klappt noch mit der Nachbarschaft . Hier lassen sie keinen allein, der so etwas Schweres erlebt.
Unter die Gäste mischt sich ein Fremder. Es heißt, er sei mit dem Toten befreundet gewesen. Es heißt, er wandere mit einigen Anhängern durch das Land, erzähle völlig neue, unerhörte Geschichten von Gott und – ja er heile sogar Kranke. Mancher sehen in ihm schon einen Gott, der diesen alten Planeten besucht. Dieser Mann ist Jesus von Nazareth. Er tritt an das Grab seines Freundes Lazarus, und der Schmerz der Schwestern treibt ihm die Tränen in die Augen. Keine frommen Sprüche, keine schnelle Vertröstung. Jesus trauert mit den Menschen in diesem Dorf, er redet und empfindet mit den Schwestern.
Im Gespräch mit einer der beiden Schwestern äußert sich auch die Sehnsucht. Martha heißt diese Frau, und Martha hat eine vage Vorstellung davon, dass es ein Jenseits geben könnte. Sie hat das noch so gelernt, wie bei uns die Alten, als noch die Kirche zum normalen Leben gehörte. „Ich glaube an die Auferstehung von den Toten.“
Jesus sagt ihr: Deine Hoffnung soll sich erfüllen. Du wünschst dir, dass es weiter gehe, für deinen Bruder und auch für dich, du wünschst dir, dass ihr euch wieder sehen könnt, hinter dem Horizont. Ich sage Dir: So soll es sein! Aber wie, fragt Martha. Und Jesus antwortet mit einem Satz, der zuerst rätselhaft klingt: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer es mit mir zu tun bekommt, bekommt Kontakt zu Gott selbst, zum Leben schlechthin. Wer sich mir anvertraut, der wird weiterleben, auch wenn er stirbt. Wer sich mir anvertraut, der lebt ein Leben, das der Tod nicht mehr kaputt machen kann.
Wie soll ich das verstehen. Wie kannst du das Leben, die Auferstehung sein? Wie meinst du das? Du, Martha, ich bringe dir keine neue Lehre! Ich biete dir keine Sätze an, die du glauben musst. Mich selbst biete ich dir. Ich suche dein Vertrauen, und ich biete dir, dass du an meiner Hand durchs Leben gehst. Nicht Lehren, sondern Gemeinschaft biete ich dir. Ich bin die Auferstehung und das Leben. Ich lehre nicht über die Auferstehung und das Leben.
Klingt seltsam, vielleicht hilft uns ein Vergleich weiter:
• Rudi Völler könnte sicher sagen: Ich bin der Fußball, ich verkörpere alles, was guten Fußball ausmacht.
• Eric Clapton könnte von sich sagen: Ich bin die Gitarre in Person!
• Und Reinhold Messner könnte sagen: Ich bin das personifizierte Bergsteigen.
So sehr verbindet sich mit diesen Namen alles Gute und Große, das mit ihren Künsten in Zusammenhang steht. So überragend ist das, was diese Menschen geleistet haben. Aber: Sie haben es nur für sich geleistet. Es gibt eben „nur ein Rudi Völler“. Wir können ihnen dabei zusehen und sollen sie bewundern, und das tun wir gerne, es unterhält und macht Spaß. Aber wir werden nie wirklich Anteil an dem bekommen, was diese Menschen sind und haben.
Wenn Jesus sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Dann meint er ganz anderes: Ich bin es – nicht nur für mich, ich bin es für dich. Was ich habe, sollst du auch haben, jetzt schon, nicht erst wenn der Deckel fällt, und dann für immer. Was ich habe, kannst du ergreifen. Es soll dein sein. Und es wird nicht weniger. Ich bin die Auferstehung und das Leben. Das reicht für alle. Kommt und lasst euch beschenken. Was Jesus ist, ist er immer zuerst für andere.
Kannst Du mir das noch klarer machen, fragt Martha. Schau: Der Tod macht kaputt, reißt auseinander, zerstört alle Verhältnisse, versteinert, was lebendig und warm war. Der Tod bringt Schmerz und Tränen. Der Tod erlöst niemals, nennt ihr ihn Erlöser, dann doch nur, weil er vorher schon so viel kaputt gemacht hat. Aber ich bin stärker als der Tod. Ich mache heil, was er kaputt gemacht hat. Ich füge zusammen, was er auseinander gerissen hat. Ich erneuere die Verhältnisse, die er zerstört hat. Ich mache lebendig, was kalt und tot war. Ich erlöse euch von der Macht des Todes.
In der Bibel werden Bilder gemalt von dem, was hinter dem Horizont wartet:
Da ist zum Beispiel das Bild einer neuen Stadt, bunt und lebendig. Die Welt hinter dem Horizont ist kein Wolkenkuckucksheim, sondern eine Stadt von unbeschreiblicher Schönheit, so als hätte man alles Schöne unserer Städte eingesammelt, alles Schlimme und Schlechte abgezogen, das Gute aber vervielfacht! Dahin kommen sie alle, die sich Jesus anvertraut haben, und was tut Jesus als erstes? Er geht umher mit dem großen Taschentuch und tröstet die, die so viel weinen mussten. Hier gibt es kein Leid und keinen Krieg, keine Krankheit und Bosheit, keinen Tod und keine Gefahr. Und dann ist eine große Festtafel gedeckt. Es wird eine Party gefeiert, wie die Welt es noch nicht gesehen hat. Der Gastgeber kennt jeden seiner Gäste mit Namen und hat für jeden ein gutes Wort. Wenn du dann da sitzt, wird er zu dir kommen, dich begrüßen und zu dir sagen: Mensch, gut, dass du da bist. Was habe ich mich auf dich gefreut!!!
Das glauben und hoffen Christen. Darum haben wir mit diesen Gottesdiensten begonnen. Es soll greifbar werden in Greifswald: Ich bin die Auferstehung und das Leben.
Schön, werden Sie nun sagen: Das glaubt also ihr Christen. Das ist ja schön für Euch. Aber davon habe ich noch gar nichts. Denn ich glaube es nicht. Mir ist das noch lange nicht klar.
• Da sagt vielleicht die eine: Ich bin nicht so erzogen worden. Mir steckt es tief in den Knochen, dass man uns immer vor diesen religiösen Märchen gewarnt hat, unwissenschaftlich, überholt, Opium für das Volk. Nur religiöse Spinner glauben das, hieß es im Theaterstück.
• Da sagt vielleicht ein anderer: Ich kann das nicht glauben. Jesus mag ein großer Mann gewesen sein, aber auch über ihm hat sich der Deckel geschlossen. Es ist noch keiner zurückgekommen.
• Da sagt vielleicht ein dritter, stiller und auch traurig: Das würde ich wohl gerne glauben , aber ich weiß so wenig darüber und es fällt mir so schwer zu vertrauen.
Ja, so ist es, zwar tragen wir alle den Schmerz und die Sehnsucht mit uns, aber mit der Hoffnung ist es so einfach nicht. Martha staunt selbst, dass sie es am Ende glauben kann. Ich habe zum Glauben gefunden, sagt sie am Ende. Ich höre es und ich kann es mir sagen lassen. Das heißt Glauben: Ich fange an zu hören und zu prüfen, ob es trägt. Ich fange ein Gespräch an, einen Wortwechsel mit einem Gott, obwohl ich nicht genau weiß, ob er da ist und mich hört. Ich fange an. „Gott, es tut so weh, wenn liebe Menschen sterben. Ich habe auch Angst vor meinem Tod. Wenn es stimmt, dass mit dem Tod nicht alles aus ist, dann zeige mir das. Wenn es dich gibt, dann hilf mir, dich zu finden. So soll es sein!“ Vielleicht können Sie schon das sagen, was so sicher ist in der Kirche: So soll es sein oder auch: Amen.
Michael Herbst
