Ich glaube nur, was ich sehe
Ich glaube nur, was ich sehe. Das ist so eine Sache mit diesem Satz.
Im Allgemeinen glaubt man viel mehr, als man sieht. Ich glaube dem Busfahrer,
dass er einen Führerschein hat, auch wenn ich ihn nicht sehe. Stellen Sie sich vor, wie das aussähe. Ich komme in den Bus. „Entschuldigung, könnte ich bitte ihren Führerschein sehen. Und dann hätte ich gern noch den Nachweis vom TÜV. Wann haben Sie den Reifendruck überprüfen lassen? Und sind die Sitze ordnungsgemäß verschraubt worden?“ Was sagt der Busfahrer?
„Bei Dir rattert’s wohl im Schädel!“
Ich glaube nur was ich sehe! Ganz klar, so macht der Satz keinen Sinn. Und doch gibt es nicht wenige Leute, die diesen Satz sagen.
Udo Walz zum Beispiel. Udo Walz ist Friseur. Doch er ist nicht irgendein Friseur. Er ist der Friseur bei dem Sabine Christiansen und unser Kanzler sich unters Messer wagen. Also: Neulich hat Udo Walz in einem Interview gesagt:
„Ich glaube nur das, was ich sehe. Leider.“
Mich hat das beeindruckt. Da sagt einer: „Ich glaube nur das, was ich sehe.“ Und fügt dann an: „Leider!“
Es geht nämlich bei diesem Satz um mehr, als um eine Nebensächlichkeit. Wenn Herr Walz sagt: „Ich glaube nur das, was ich sehe.“ Dann spricht er von einer Grundentscheidung, die sein ganzes Leben bestimmt. Er spricht davon, worauf er sich in seinem Leben verlässt. Und worauf er sich nicht verlässt. Leider.
Glauben bedeutet nämlich weit mehr als Vermuten. Es heißt: ich verlasse mich.
Ich vertraue. Also: Ich verlasse mich nur auf das, was ich sehe.
Worauf verlassen Sie sich in Ihrem Leben? Herr Walz sagt: Ich verlasse mich nur auf das, was ich sehe. Leider!
Einen Einspruch muss ich noch anfügen. Ich bin der Meinung: Wir verlassen uns in unserem Leben auf viel mehr, als wir sehen.
Wie kommt es sonst, dass hochgebildete Männer, sich plötzlich Hals über Kopf verlieben und heiraten. Das ist Irrsinn. Erstens ist es nicht bewiesen, dass die entsprechende Frau sie auch wirklich liebt. Und zweitens ist es nicht nachgewiesen, dass unter den restlichen 3 Milliarden Frauen auf der Welt nicht eine ist, die besser zu ihm passt.
Keiner verlässt sich in seinem Leben nur auf das, was man sieht. Vielleicht sollte man als besser sagen: Ich verlasse mich nur auf Erfahrbares.
Können Sie mir bis hierher zustimmen? Ja?
Doch nun kommt es. Erinnern Sie sich noch an das Theaterstück? Da behauptet Nicole in schwierigen Situationen Gott zu erleben.
Ja, christlicher Glaube lebt von der Erfahrung. Der Glaube ist etwas, was im Leben und im Sterben trägt. Glaube ist erfahrbar. Und doch spricht Udo Walz vielen aus dem Herzen: „Ich glaube nur das, was ich sehe. Leider! Ich finde, Leute die glauben, sind glücklicher dran als die, die nicht glauben.“
Was hindert uns eigentlich zu glauben, wenn dieser Glaube doch auch erfahrbar ist?
Der Grund scheint der:
Liebe, ohne eine Person, die mich liebt gibt es nicht.
Stellen Sie sich vor, ihnen sagt jemand: „Du bist geliebt!“ Gegenfrage: „Wer liebt mich denn?“ Antwort: „Niemand, den ich kenne. Äh. Also ich wüsste keinen. Äh. Ich bin’s nicht.“ Das ist totaler Nonsens. Liebe ohne einen, der mich liebt, gibt es nicht.
Genauso ist es auch mit dem Glauben.
Glaube ist sinnlos, wenn es Gott nicht gibt.
Das Gefühl, dass Gott mich trägt ist Einbildung, wenn es Gott nicht gibt. Gibt es diesen Gott nicht, können wir die Kirchen schließen. Das ist die harte Wirklichkeit. Doch wenn es Gott gibt, dann sind Sie noch einmal ganz neu gefragt.
Ich weiß nicht, wie Sie hergekommen sind. Tatsache ist. Sie sitzen hier auch mit vielen Leuten zusammen, die sich darauf verlassen, dass es diesen Gott gibt. Was für eine verrückte Mischung sind wir heute hier!
Dort sitzt jemand auf dem Stuhl und denkt: „Nein, es gibt ihn nicht, diesen Gott. Jesus ist eine historische Persönlichkeit. Mehr nicht!“ Noch einmal herzlich willkommen! Und gleich daneben sitzt eine andere, die denkt: „Jesus lebt. Ich habe ihn erfahren!“
Wissen Sie, genau das war die Situation, in der sich Thomas befand. Thomas, das war einer der zwölf erwachsenen Schüler von Jesus. Und er hatte miterlebt, wie man Jesus hingerichtet hatte. Sie hatten ihn auf Holzbalken genagelt. An diesem Holzkreuz war er umgekommen. Dann hatte ein römischer Soldat Jesus eine schwere Lanze in die Seite gerammt. Aber da war er schon tot gewesen. Für Thomas war das Kapitel Jesus abgeschlossen. So bitter es war. Jesus war tot. Daran musste er sich gewöhnen.
Und dann traf er seine Freunde, die er aus der Zeit mit Jesus kannte. Es war drei Tage nach dem Tod Jesu. Und sie erzählen ihm eine völlig unwahrscheinliche Geschichte. Jesus sei von den Toten auferstanden. Sie hätten ihn gesehen. Sie hätten ihn also erfahren. Er sei nicht mehr Historie. Er lebt. Und er habe ihnen einen Auftrag gegeben. Das hat ihr Leben auf den Kopf gestellt.
Und Thomas hat gedacht: Das ist Quatsch. Wie sollte ein Toter wieder leben? Völlig mysteriös. Unbeweisbar. Das kann nicht sein. Das werde ich nicht glauben.
„Erst muss ich seine von den Nägeln durchbohrten Hände sehen;“ hat er gesagt, „ich muss meinen Finger auf die durchbohrten Stellen und meine Hand in seine durchbohrte Seite legen. Vorher glaube ich es nicht.
Ich muss sehen, dann kann ich glauben!“
Aber Freunde sind Freunde. Also ließ er sich von ihnen einladen. Am nächsten Sonntagabend war Thomas dann mit den Freunden zusammen. Ich stelle mir vor, wie sie da saßen. Alle zusammen. Die einen waren tief berührt: Jesus lebt. Und dazwischen Thomas: Das kann nicht sein! Dieses Treffen damals war so etwas wie der Vorgänger von Greiffiti oder GreifBar.
Die einen sagen: Jesus lebt. Die anderen sitzen daneben und denken: „Das kann nicht sein. Bitte schaltet Euren Verstand ein! Das kann nicht sein!“
– Und wenn doch?
Das Johannesevangelium berichtet: Als die Jünger an jenem Sonntagabend zusammen saßen – und Thomas war dabei – da war mit einem Mal Jesus im Raum.
Obwohl die Türen verschlossen waren. Mit einem Mal war Jesus da. Und er begrüßte alle: „Friede sei mit Euch!“ Und dann wandte er sich an Thomas. Als ob er nur wegen Thomas gekommen wäre. Er drehte sich zu Thomas um und sagte:
„Reich deine Hand her und leg sie in meine Seite!
Und sei nicht mehr ungläubig, sondern glaube!“
Können Sie sich vorstellen, wie es Thomas gegangen ist? „Das kann nicht sein!“ Und doch wusste er: Es ist. Da stand Jesus vor ihm. Mehr noch. Er redete mit ihm. Er sagte, berühre mich. Plötzlich war Thomas in einer Wirklichkeit, von der er eigentlich überzeugt war, dass sie nicht sein kann.
Und wissen Sie, dann kommt der Satz, der mich ganz stark bewegt. Thomas dreht sich nicht zu seinen Freunden um und sagt: „Ihr habt doch recht gehabt, Jungs!“ Denn es ging hier nicht um ein intellektuelles Problem oder um Besserwisserei. Thomas hat nur noch Jesus gesehen. Er schaut ihn an und sagt: „Mein Herr und mein Gott!“
Thomas wusste: Wenn Jesus tot geblieben ist, dann ist der Glaube sinnlos. Dann kann ich nicht glauben, dann will ich nicht glauben. Aber nun erlebe ich Jesus und die Frage ist: auf was verlässt Du dich in deinem Leben? Da sagt er: „Auf dich Jesus. Mein Herr und mein Gott!“
Auf wen sollte ich mich sonst verlassen? Als auf den, der das Leben erfunden hat. Der mir deshalb selbst in Lebenskrisen helfen kann. Der vorgelebt hat, wie Leben heil werden kann. Der selbst nach seinem Tod noch lebt. Auf wen sollte ich mich sonst verlassen? Mein Herr und mein Gott!
Und dann ist es im Johannesevangelium, als ob Jesus in Gedanken an uns Leute im 21. Jahrhundert denkt und zu Thomas sagt:
„Du glaubst, weil du gesehen hast. Glücklich zu nennen sind die, die nicht sehen und trotzdem glauben.“
Da sind wir mit gemeint. Und die Frage steht im Raum: Was wäre, wenn das Unmögliche wahr wäre?
Der Satz „Du glaubst, weil du gesehen hast. Glücklich zu nennen sind die, die nicht sehen und trotzdem glauben.“ hört sich zuerst wie ein Rüffel an, den Jesus Thomas austeilt. Ich glaube aber, er ist viel mehr eine Bitte.
Sie müssen wissen, Christen glauben, dass eines Tages alle Menschen Gott sehen werden. Ich weiß nicht, wann das sein wird. Doch, ich glaube, spätestens nach dem Tod werden alle Gott sehen. Was ist, wenn ich sterbe und plötzlich nicht Nichts da ist, sondern Gott.
Der Auferstandene weiß: „Eines Tages werden alle Menschen mich sehen.“ Wir werden sehen, dass es stimmt: Jesus lebt. Darum bittet uns Jesus: Wartet nicht bis ihr seht! Verschenkt nicht euer ganzes Leben. Glaubt schon jetzt. „Glücklich zu nennen sind die, die nicht sehen und trotzdem glauben.“
Jetzt müsste man Gedanken lesen können. Eines Tages – spätestens wenn wir gestorben sind – werden wir alle wissen, ob es Gott gibt. Und dann werden wir den Auferstandenen sehen. Ich sehe Kopfschütteln: „Das ist eine Anmaßung! Das kann nicht sein!“
– Und wenn doch?
Stellen Sie sich vor, da sind zwei gezeichnete Männchen auf einem Blatt Papier. Sie kennen nur Breite und Länge. Mehr Dimensionen kennen gezeichnete Männchen nicht.
Nun sitzt vor dem Blatt ein Zeichner und zeichnet ein neues Männchen.
Sagt das eine Männchen: „Ah! Da entsteht neues Leben! Ich weiß genau, wie breit und wie lang es ist und sein wird. Ich kenne auch die Farbe und die chemische Formel, aus der es ist.“ Das andere Männchen sagt: „Du, das neue Männchen ist von einem Zeichner gezeichnet!“
Antwort: „Unfug! Zeig mir den Zeichner, oder ich kann so etwas nicht glauben!“ „Du, der Zeichner, ist für uns nicht zu sehen. Aber es gibt ihn! Hier, kuck, hier ist der Schatten seiner Hand!“ „Nein, das glaube ich nicht. Dieser angebliche Schatten ist auch anders zu erklären, das ist eine dunklere Stelle im Papier.“
Ich glaube, wir Menschen sind wie diese gezeichneten Männchen. Wir können Gott nicht sehen, wie er unsere Wirklichkeit zeichnet. Wir können den Auferstandenen nicht sehen. Wir sehen nur seinen Schatten. Aber er ist da. Und sie können es herausfinden. Doch wie? Meine Bitte:
Lernt von Thomas.
Thomas hat nicht zu Hause am Küchentisch gewartet. Nach dem Motto: „Wenn das stimmt, dann muss jetzt hier mein Frühstücksei vom Himmel fallen.“ Nein. Thomas hat sich unter Jesu Freunde gemischt. Er ist zu ihren Versammlungen gekommen. Und genau da ist ihm Jesus begegnet. Der Auferstandene Herr liebt es, in seiner Gemeinde zu sein. Darum meine Bitte: Wenn Sie herausfinden wollen, ob der Glaube an Jesus Christus mehr ist als Illusion. Oder wenn Ihnen der Glaube abhanden gekommen ist.
Kommen Sie in die Gottesdienste!
Nehmt Euch vor: „Okay, ich komme fünf Mal zu Greiffiti.“ Wenn ihr herausfinden wollt, ob das stimmt, ob das Unmögliche wahr ist, ob Jesus lebt, dann kommt dahin, wo Leute sind, die an Jesus glauben können.
Und wenn wir dann so zusammen sind wie heute, dann können wir noch etwas von Thomas und seinen Freunden lernen:
Zweifel dürfen gesagt werden.
Es ist nicht so, dass sie hier so tun müssten, als ob sie glauben. Zweifel dürfen geäußert werden. Und auf der anderen Seite:
Der Glaube wird zur Sprache kommen.
Für Euch, die ihr mit Jesus lebt: sagt deutlich, woran ihr glaubt.
Es ist, als ob wir heute abend mitten in dieser Geschichte stecken. Wir sitzen hier bunt durcheinander. Da sind die Freunde Jesu, die sagen: „Jesus lebt!“ Und da sind die Thomasse, die ihr sagt: „Das kann nicht sein! Ich kann und will es nicht glauben! Denn das kann nicht sein.“
– Und wenn doch?
Die Jünger damals waren der Überzeugung, dass ihnen nichts Überraschendes passieren könnte. Denn die Türen waren verschlossen. Und ich vermute, dass auch heute abend nicht wenige hier sitzen, die nichts Überraschendes erwarten. Und es stimmt, was sollte auch Überraschendes geschehen?
Und doch ist Jesus damals plötzlich in ihrer Mitte gewesen: Friede sei mit euch! Ich habe keine Beweise. Ich habe auch keine Tricks in der Hand. Doch es kann geschehen. Es kann sein, dass Jesus heute abend in diesen Raum hier tritt und das Gespräch mit dir sucht. Du hörst nicht mehr nur Musik spielen und Menschen reden. Sondern du hörst Jesus, wie er dich anspricht. Was wirst Du antworten?
Bitte weiche ihm nicht aus!
So ist es, oder: Amen.
Thorsten Kiefer
