Komm und sieh!
Ein texanischer Milliardär feiert seinen Geburtstag auf seinem riesigen Anwesen. Jedes Jahr lässt er sich dazu in seinen Swimmingpool im Garten einen Haifisch setzten. Kurz vor Sonnenuntergang ist es auch dieses Jahr soweit: Der Milliardär bittet seine Gäste in den Garten zu seinem Swimmingpool und sagt: "Wer es schafft, diesen Swimmingpool mit dem Haifisch darin einmal der Länge nach zu durchschwimmen und am anderen Ende wieder lebend aus dem Wasser zu kommen, der darf wählen: Ich gebe ihm entweder die Hälfte dieses wunderschönen Anwesens oder die Hälfte meines Vermögens oder die Hand meiner Tochter."
Es folgt atemloses Schweigen. In den letzten Jahren hatte niemand den Mut. Da, plötzlich hört man einen Platsch. Alle fahren herum und sehen, wie ein junger Mann so schnell er nur kann den Pool durchschwimmt. Der Haifisch entdeckt ihn ebenfalls und heftet sich an seine Ferse. Er schnappt nach dem jungen Mann, der immer gerade noch den scharfen Zähnen entkommt. Mit letzter Kraft gelingt es dem jungen Mann, sich aus dem Pool an Land zu retten. Der Haifisch donnert mit seinem Maul gegen die Poolwand und gibt verärgert auf. Die gespannte Stille wird zu riesigem Jubel.
Der Milliardär kommt aufgeregt zu dem nassen jungen Mann, der nach Luft schnappt und schlägt ihm auf die Schulter: "Unglaublich! Herzlichen Glückwunsch! Das hat vor ihnen noch keiner geschafft! Nun wollen sie sicher die Hälfte dieses wunderschönen Anwesens." "Nein." "Nicht? Dann wollen sie sicher die Hälfte meines Vermögens." "Nein." "Ah, ich sehe schon, sie sind ganz ein Schlauer. Sie wollen natürlich die Hand meiner Tochter!" "Nein." Ungläubiges Schweigen folgt. Etwas ratlos fragt der Milliardär: "Was wollen sie dann?" "Name und Anschrift des Kerls, der mich in den Pool geschubst hat!"
Wir lassen uns nicht gerne schubsen, nicht wahr? Schon gar nicht in ein Haifischbecken. Und erst recht nicht in eine Kirche! Glauben ist etwas zutiefst freiwilliges. Dazu passt kein Zwang. Zum Glauben kann man nur einladen.
Ich möchte ihnen eine Geschichte erzählen von einem Menschen, der so eine Einladung zum Glauben bekommt.
Es war ein sehr kühler Wintertag. Doch Philippus schwitzte. Er lief durch die Straßen. Er suchte jemanden. Normalerweise trafen sie sich immer auf dem Markt. Aber da war er heute nicht. Philippus war ganz aufgeregt. Das passiert einem ja nicht alle Tage, das man plötzlich dem wichtigsten Mann der Geschichte gegenübersteht. Und dann sagte der auch noch: „Komm mit mir!“ Philippus konnte es nicht fassen. Er gehörte nun zum engsten Team des Auserwählten, des Messias, wie er bei ihnen genannt wurde. Seit Jahrhunderten hatte das ganze Volk auf ihn gewartet. Propheten hatte seine Ankunft vorhergesagt. Jetzt war er da und hatte ihn, Philippus, angesprochen. Das musste er unbedingt Nathanael erzählen. Aber wo steckte der nur? Vielleicht war er schon wieder zu Hause. Und tatsächlich da war er. Nathanael saß neben der Palme vor seinem Haus und blinzelte zu ihm hoch: „Was ist los! Brennt’s irgendwo? Dir steht ja der Schweiß auf der Stirn!“
„Nathanael, wir haben den Messias gefunden, den Auserwählten Gottes, von dem schon Mose und die Propheten geschrieben haben: Er heißt Jesus, ein Sohn des Josef, einem Mann aus Nazareth!“
„Nazareth? Aus dem Kaff? Wo du nicht übern Markt gehen kannst, ohne beklaut zu werden? Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen?“ Nathanael war skeptisch.
Aber Philippus lässt sich in seiner Begeisterung nicht bremsen. Er sagt zu Nathanael schlicht und einfach: „Komm und sieh! Komm einfach mal mit. Überzeug dich selbst.“
Und Nathanael kommt mit.
Als Jesus Nathanael zu sich kommen sieht, sagt er: „Das ist ein echter Sohn Israels, ein ehrlicher und aufrichtiger Mann, ohne böse Absichten!“
„Woher kennst du mich?“ fragt Nathanael ihn ganz verwundert.
„Weißt du, Nathanael, schon bevor dich Philippus rief, sah ich dich unter dem Feigenbaum.“
Da bricht es aus Nathanael heraus: „Du bist der Sohn Gottes, der König von Israel!“
Jesus antwortet ihm „Du vertraust mir, weil ich dir gesagt habe, dass ich dich unter dem Feigenbaum gesehen habe. Ich sage dir, du wirst noch Größeres zu sehen bekommen.“
Diese Geschichte aus der Bibel ist schon fast 2000 Jahre alt. Doch ich glaube, dass sie hochaktuell ist und so oder so ähnlich täglich irgendwo auf der Welt passiert. Es ist nämlich die Geschichte eines Menschen der sich trotz seiner Zweifel einladen lässt zu einer Begegnung mit Jesus von Nazareth, dem Sohn Gottes. „Komm und sieh!“ sagt Philippus, und Nathanael lässt sich einladen. Ich glaube, dass wir aus dieser Geschichte etwas ablesen können, dass uns hilft heute Glauben und Vertrauen zu wagen.
Vielleicht ist für sie heutzutage der Glaube an Gott unmöglich und die Bibel ein Buch mit sieben Siegeln. Ähnlich wie auf diesem Bild sehen sie nur Striche und vereinzelnde Buchstaben, die keinen Sinn ergeben. Zweifel und schlechte Erfahrungen mit Christen haben sie vielleicht sogar noch skeptischer gemacht. Oder das Ganze ist ihnen so fremd wie überhaupt an Gott zu glauben.
In der Geschichte von Nathanael liegt etwas verborgen, das uns helfen kann trotz Zweifel Glauben und Vertrauen zu wagen. Ich möchte die einzelnen Stationen dieser Geschichte einmal näher betrachten. Dabei werden uns diese Striche und Buchstaben eine Hilfe sein.
Es beginnt mit einem GESPRÄCH. Philippus sucht Nathanael auf und erzählt ihm von Jesus. Doch Nathanael hat Zweifel: „Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen?“ Ich glaube, seine Zweifel waren begründet. Ich bin überzeugt, er hatte schon mal irgendwie schlechte Erfahrungen mit Leuten aus Nazareth gemacht oder zumindest nichts Gutes über sie gehört.
Als ich mein Theologiestudium in Hamburg begann, da hörte ich bald von einer Kleinstadt vor den Toren Hamburgs, die einen ähnlich schlechten Ruf genoss: Pinneberg. Pinneberger können einfach kein Auto fahren. Sobald jemand zu langsam oder zu schnell fuhr oder ohne zu blinken die Spur wechselte war es zu 99% ein Pinneberger. Sobald vor mir ein Auto dem Kennzeichen PI fuhr hielt ich sofort einen respektablen Abstand. Ich wartete regelrecht auf einen Fahrfehler, der mein Urteil über die Pinneberger weiter erhärten würde. Wahrscheinlich habe ich einfach nur die Fahrfehler der Autos mit anderem Kennzeichen sofort wieder vergessen und nur die der armen Pinneberger behalten und auf einer unsichtbaren Liste addiert. Doch ich weiß genau: hätte zu dem Zeitpunkt mir jemand erzählt: ich habe einen wunderbaren Menschen kennengelernt. Er kommt aus Pinneberg. Dann hätte ich wohl auch zumindestens gedacht: Was kann aus Pinneberg schon Gutes kommen.
Solche Vorurteile entstehen einfach, weil wir oft keine Guten Erfahrungen mit einer bestimmten Gruppe von Menschen gemacht haben. Darum überwiegen unsere schlechten Erfahrungen oft und wir halten lieber erst einmal einen Sicherheitsabstand.
Aber genau dieser Sicherheitsabstand hindert uns, überhaupt mit diesen Menschen zusammenzukommen und gute Erfahrungen mit ihnen zu machen.
Das ist auch Nathanaels Problem. Auf Grund seiner Erfahrungen kann er sich einfach nicht vorstellen, dass aus Nazareth etwas Gutes kommen kann. Er kann sich nicht vorstellen, das jemand aus Nazareth für sein Leben wichtig sein könnte.
Nun hätte natürlich Philippus eine endlose Diskussion darüber anfangen können, ob es nicht doch ein paar nette Leute in Nazareth gibt und dass Nathanael nur Vorurteile hat und seine schlechten Erfahrungen einfach grob verallgemeinert.
Aber Nathanael weiß, dass das nichts bringt. Er hat auch eine viel bessere Idee. „Komm und sieh!“ sagt er. „Komm einfach mal mit. Schau ihn dir an. Rede mit ihm. Ich kann dir auch nicht so genau sagen, warum er gut ist, obwohl er aus Nazareth kommt. Ich kann dann Zweifel nicht wegdiskutieren. Will ich auch nicht. Aber ich möchte dich zu ihm einladen. Überzeuge dich selbst.
Der nächste wichtige Punkt in der Geschichte ist: LOSGEHEN.
Nathanael geht los. Er nimmt die Einladung von Philippus an. Es gibt also jemanden, der die Einladung ausspricht und jemanden, der sie annimmt beides ist wichtig. Ich weiß nicht, wie sie heute hierher gekommen sind. Aber ich vermute das einige von ihnen eingeladen wurden. Ohne diese Einladung hätten sie vielleicht gar nichts von diesem Gottesdienst gewusst. Oder sie hätten vielleicht nicht den Mut gehabt zu kommen. Aber durch diese persönliche Einladung sind sie dann doch gekommen. Sie sind losgegangen. Sie haben die Einladung ernst genommen. Jesus selbst hat an jeden von uns eine Einladung ausgesprochen, die bis heute gilt. Er sagt: „Kommt her, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch neue Kraft geben!“ Einladungen werden für uns erst dann wertvoll, wenn wir losgehen und uns selbst überzeugen.
Der nächste Punkt in der Geschichte ist für sie vielleicht selbstverständlich. Aber beim genaueren Hinschauen ist er es doch nicht. Er lautet: ANKOMMEN.
Ist ihnen das auch schon mal passiert? Sie waren irgendwo zum ersten Mal eingeladen und sie sind losgegangen oder gefahren. Doch unterwegs kamen die Zweifel: Was, wenn die Leute doch nicht so nett sind? Was, wenn ich mich nicht wohlfühle? Was, wenn die Leute mich in irgendwas reinziehen wollen? Was für Leute sind da überhaupt? Will ich mit denen überhaupt gesehen werden? Oder was, wenn die mich ablehnen? Bin ich überhaupt passend angezogen?
Solche Gedanken können einen dazu bringen umzudrehen und wieder nach Hause zu fahren!
Die Geschichte von Nathanael zeigt uns, was gegen diese Zweifelattacken unterwegs hilft: ein Begleiter.
Philippus geht mit Nathanael zusammen zu Jesus. Es wird uns nicht berichtet, ob Nathanael unterwegs wieder umdrehen wollte. Ich denke, dass liegt daran, dass Philippus ihn begleitet. Vielleicht hatte Nathanael sogar unterwegs ein paar Zweifelattacken. Aber Philippus war dann da, hat ihm Mut gemacht, ihn begleitet.
Darum ist Nathanael bei Jesus angekommen.
Die nächste Station auf dem Weg des Glaubens heißt UNTERHALTEN.
Jesus beginnt die Unterhaltung mit einer ungewöhnlichen Feststellung. Er sagt: „Das ist ein echter Sohn Israels, ein ehrlicher und aufrichtiger Mann, ohne böse Absichten!“ Nicht gerade ein üblicher Gesprächseinstieg, wenn sie mich fragen. Daher kann ich Nathanaels verwunderte Rückfrage „Woher kennst du mich?“ auch gut verstehen. Und jetzt sagt Jesus etwas, womit Nathanael sicher nicht gerechnet hat.
Jesus sagt: „Weißt du, Nathanael, schon bevor dich Philippus rief, sah ich dich unter dem Feigenbaum.“
In der Bibliothek von Jerusalem ist eine Legende nachzulesen, die erklärt, warum dieser Satz für Nathanael die Wende in seiner Haltung gegenüber Jesus war.
Als Jesus geboren wurde, versuchte der König Herodes von Jerusalem ihn umzubringen. Er befahl alle Jungen bis zu zwei Jahren in Bethlehem und Umgebung zu töten. Der kleine Nathanael wurde damals von seiner Mutter gerettet. Sie versteckte ihn unter einem Feigenbaum.
Können sie sich jetzt vorstellen, was das bei Nathanael ausgelöst hat, als Jesus zu ihm sagte: „Schon bevor dich Philippus rief, sah ich dich unter dem Feigenbaum.“
Vielleicht haben sie auch eine bestimmte Vorstellung darüber, was sie erwartet, wenn sie Jesus, dem Sohn Gottes begegnen. Vielleicht haben sie Angst, dass er sie zusammenfaltet, weil sie solange nicht mehr in der Kirche waren. Oder das er ihnen ziemlich deutlich sagt, was sie alles in ihrem Leben ändern müssen. Vielleicht erwarten sie sich von einer Begegnung mit ihm aber auch gar nichts.
Jesus hat unerwartet gute Gedanken über sie und mich. Er liebt sie. Wie Nathanael kennt Jesus sie von Kindheit auf. Er kennt die Schwierigkeiten und Ängste, durch die sie sich durchkämpfen mussten. Er hat mit ihnen geweint als ihr kindliches Vertrauen starb. Er hat gesehen wie sie den starken Erwachsenen spielen mussten und am liebsten jemand gehabt hätten bei dem sie schwach sein dürfen. Er kennt ihre Sehnsucht nach Geborgenheit und einem Zuhause, einem Halt im Leben. Darum sucht er sie. Er will ihnen das alles geben und noch mehr. Fragen sie mal Menschen, die ihn schon kennen oder lesen sie in der Bibel von ihm. So können sie ihm heute begegnen.
Als Nathanael Jesus begegnet, erkennt er wer er ist und bekennt: „Du bist der Sohn Gottes, der König von Israel!“
BEKENNEN ist die Nächste Station auf dem Weg des Glaubens. Dinge, die uns wichtig sind, zu denen stehen wir. Wenn wir für uns erkennen, wer Jesus ist, dann wird daraus eine Überzeugung, zu der wir stehen und zu der wir uns dann auch bekennen. Christen machen das oft gemeinsam, in dem sie in einem Gottesdienst gemeinsam ein Glaubensbekenntnis sprechen. Das ist eine Form. Aber oft hat gerade das schlichte sich zum Glauben bekennen im Alltag eine ganz eigene Kraft. Wenn ihnen auf der Arbeit eine Kollegin erzählt, wie der Glaube ihr geholfen hat, als ihr Kind so krank war. Oder wenn sie einem Freund erzählen, warum es in ihrem Leben jetzt wieder aufwärts geht. Dann bekennen sie ihren Glauben.
Die letzte Station ist ERSTAUNLICHES.
Jesus sagte zu Nathanael: „Du vertraust mir, weil ich dir gesagt habe, dass ich dich unter dem Feigenbaum gesehen habe. Ich sage dir, du wirst noch Größeres zu sehen bekommen.“
Die Einladung zu einem Leben mit Jesus ist die Einladung zu einem großen Abenteuer! Sie müssen dann nie mehr alleine irgendwo hingehen. Jesus ist dann immer bei ihnen.
Ich habe vor einiger Zeit mal damit angefangen morgens dafür zu beten, das Jesus jede Begegnung, die ich an diesem Tag haben werde, segnet und dabei ist. Es ist immer wieder erstaunlich, was daraufhin passiert. Manchmal treffe ich dann Leute auf der Straße, die ich sowie noch anrufen wollte, die aber oft schwer zu erreichen sind. Manchmal ergeben sich ganz einfach tief gehende Gespräche über den Glauben und den Sinn des Lebens. Manchmal lerne ich ganz neue Leute kennen und merke, dass hat noch eine Bedeutung für die Zukunft, das ich sie kennengelernt habe.
Manchmal entdecken wir dann auch in Dingen, die wir schon zu kennen glaubten, etwas völlig Neues.
Wissen sie, das erstaunliche ist oft, dass wir manche Dinge erst erkennen, wenn wir mit der Nase draufstoßen. Ganz ähnlich ist es mit dem Glauben. Schritt für Schritt bahnt er sich an. Da ist ein erstes Gespräch mit jemanden, der mich z.B. zu einem Gottesdienst oder zu einem Glaubensgrundkurs einlädt. Und sie lassen sich einfach mal drauf ein und gehen mit. Sie kommen an und unterhalten sich über den Glauben. Nach einiger Zeit stellen sie dann vielleicht fest: da ist was dran. Die haben irgendwas, was ich auch haben will. Und vielleicht kommen sie eines Tages an den Punkt, das sie sagen: Ja, jetzt ist es soweit. Ich glaube an Jesus Christus den Sohn Gottes. Und sie beginnen Erstaunliches zu erleben. Oft sehen sie dann erst im Rückblick, was unsichtbar hinter jeder Station schon anfing zu wachsen.
G ESPRÄCH
L OSGEHEN
A NKOMMEN
U NTERHALTEN
B EKENNEN
E RSTAUNLICHES
„Komm und sieh“ hat Philippus zu Nathanael gesagt. Er hat in einfach eingeladen.
Sie haben sich auch einladen lassen. Sie sind losgegangen und hier in der Jakobikirche angekommen. Sie haben schon die Hälfte der Strecke auf dem Weg des Glaubens zurückgelegt. Das Spannendste liegt noch vor ihnen. Bleiben sie dran! Geben sie nicht auf, bis auch sie Erstaunliches erleben.
Bleiben sie dran!
Das ist mein Wunsch für sie!
So ist es, oder: Amen.
Edwin Schulz
