Mit Gott reden
Fast alle tun es! Kinder tun es, zum Beispiel der kleine Dieter: „Lieber Gott! Mein kleiner Bruder ist vier Jahre alt. Bitte sorg doch dafür, dass er endlich aufhört, mich ständig zu ärgern. Sonst explodiere ich. Dein Freund Dieter.“ Von ihm ist noch’n Gebet bekannt: „Lieber Gott, wenn du bestimmt hast, dass Kinder immer den Abfalleimer ausschütten müssen, dann ändere das bitte.“ Der Alltag lehrt beten.
Selbst Madonna tut es; sie singt uns das Gebet einer frisch Verliebten entgegen: In am not religious! Ich bin zwar nicht so fromm, aber jetzt möchte ich beten, dass du immer hier bei mir bist. Das Glück lehrt beten.
In Kirchen liegen oft Bücher aus, in die man Wünsche schreiben kann. Menschen schreiben sich dort vom Herzen, was sie bewegt! Ein junger Mann: „Lieber Gott, ich habe jetzt meine Ausbildung angefangen und habe ein wenig Angst! Steh mir zur Seite!“ Und eine junge Frau: „Bitte lass mich und meinen Schatz nie auseinander gehen. Ich musste ihm schon so viele Male verzeihen, aber trotzdem liebe ich ihn und will ihn nie verlassen. Ich würde mir wünschen, wenn du ihn ab und zu mal beobachten würdest, ob er mir wirklich treu ist, was er mir immer sagt, ... Ich danke dir, egal was du tun wirst.“ Das Leben lehrt beten.
Fast alle tun es. Auch die, in deren Leben Kirche eigentlich nicht vorgesehen war. Claudia Rusch zum Beispiel. Sie hat gerade Erinnerungen an ihre „freie deutsche Jugend“ beschrieben. Nein, sagt sie, mit 14 habe sie doch auf Taufe und Konfirmation verzichtet. Dann lieber Jugendweihe. Warum? Naja, sagt sie, sie habe dann doch lieber Erich Honecker belogen als den da oben. Jahre später saß sie im Flugzeug nach England. Der Flieger geriet über dem Meer in schweres Wetter. Selbst die Stewardessen wurden hektisch und schrieen die Passagiere an. Claudia Rusch saß auf ihrem Platz und dachte: So, das war es also oder nicht. Du kannst nichts mehr tun. Außer zu beten. Also hat sie gebetet. Sie hat Gott versprochen: Wenn du mich hier heil raus bringst, dann zünde ich jeden Monat eine Kerze für dich an. Sie sind dann heil gelandet. Das mit den Kerzen hat sie doch nur zweimal gemacht. Sie schreibt: Naja, so gut kenn ich ihn halt nicht. Aber Not lehrt beten.
Kinder tun es, Madonna tut es, Menschen wie du und ich tun es: Sie beten. Sie schütten ihr Herz aus vor einem, den sie nicht sehen. Sie erhoffen sich irgendwie Hilfe, besonders wenn es nicht mehr weiter geht. Sie reden sich alles mal von der Seele und wünschen sich, dass einer zuhört. Ganz sicher sind sie nicht, aber sie tun es dennoch, manche öfter, manche nur selten, manche offen, viele versteckt, es wäre ihnen peinlich, wenn andere das wüssten. Aber sie tun es, im Alltag, im Glück und in der Not. Sie haben das Gefühl: „Die Bitte ist eine große, starke Sache.“
Das dachte auch eine kleine Frau, von der Jesus erzählt. Es ging ihr nicht gut. Sie war eine Witwe, und mit ihrem Mann war eigentlich auch sie schon gestorben: Sie war arm, sie war allein und sie hatte niemanden, der sich für sie einsetzte. Irgendein Fiesling machte ihr das Leben schwer. Vielleicht ein Nachbar, der auf ihr kleines Grundstück aus war! Sie tat, was ihr blieb: Sie wandte sich an den Richter in der kleinen Stadt. Aber, böses Schicksal, auch der half ihr nicht. Er war ein rechter Richter Gnadenlos und scherte sich weder um Gott noch um seine Mitmenschen. Wo bei anderen das Mitgefühl wohnt, saß bei ihm nur Gleichgültigkeit und Kälte, wo bei anderen das Gewissen sich regt, gab es bei ihm nur Habgier. Er hörte der Witwe kaum zu und wies sie hart ab. Da stand sie nun: brotlos, schutzlos, rechtlos. Hier ein mächtiger Mann, der das Recht mit Füßen tritt, dort eine kleine, schutzlose Frau.
Allerdings endet die Geschichte hier nicht: Unsere kleine Witwe lässt sich nämlich nicht abweisen. Sie hat keine Chance und die nutzt sie: Sie schreibt Briefe, sie wartet vor des Richters Haus, sie läuft ihm nach. Sie klebt an ihm wie ein verschwitztes Hemd. Sie ist eine rechte Mutter Courage, eine antike Inge Meysel: hartnäckig, mit einem großen Herzen. Die Bitte, so denkt sie, ist eine große, starke Sache. Und irgendwann wird es selbst diesem kaltblütigen Juristen zuviel: Diese Nervensäge werde ich nicht los. Er schätzt das ganz richtig ein: Entweder ich tue, was sie will, oder sie kommt eines Tages und verpasst mir ein blaues Auge. Und da haben wir die beiden: Hier ein starker, mächtiger Mensch, unnachgiebig und zielstrebig – und dort der Richter, ein bisschen lächerlich, wie er zittert vor dem k.o.-Schlag der kleinen Witwe. Und endlich tut er seine Pflicht und sie bekommt, was ihr zusteht.
Und die Moral von der Geschicht’? Jesus erzählte diese Geschichte, um zu zeigen, wie wichtig es ist, Gott unermüdlich um alles zu bitten. Die Bitte ist eine große, starke Sache. Das will Jesus deutlich machen.
Und dazu vergleicht er Gott mit diesem Richter Gnadenlos. Vielleicht ist das ganz nach unserem Geschmack. Vielleicht denken wir auch so: Beten, ja, beten werden wir wohl immer wieder einmal, aber es ist gar nicht so einfach, bei dem Alten da oben etwas herauszuschlagen. So leicht ist er nicht zu gewinnen. Und obendrein sind wir vor Gott nichts anderes als diese Witwe: brotlos, schutzlos und rechtlos.
Ist es mit Gott wie mit einer Behörde? Da ist es schwer, sich durchzusetzen. Oder haben Sie schon mal versucht, eine fehlerhafte Stromrechnung zu korrigieren oder gar einen Steuerbescheid? Man muss gute Nerven und einen langen Atem haben. Ist Gott also solch eine himmlische Oberbehörde? Dann musst Du musst schon quengeln und nerven und betteln, dann – vielleicht! - erreichst du etwas. Und Gott – ihn interessierst du eigentlich nicht, du bist wie so eine kleine, unwichtige Witwe auf der Schattenseite des Lebens. Gott! Er hat ein Universum zu regieren und muss die Engel bei Laune halten, wie soll er sich da auch noch um dich kümmern, um einen unter Milliarden? Vielleicht hämmerst du lang genug an die Türe, so dass sie sich mal einen Millimeter öffnet. Vielleicht!
Aber so hat Jesus die Geschichte nicht erzählt. Diese Geschichte funktioniert nicht nach dem Schema: „Wie hier –so auch dort“. Wie bei dem Richter – so bei Gott. Wie bei der Witwe – so bei uns! Sie ist ganz anders zu lesen, nämlich so: „Wenn schon hier – um wie viel mehr erst da“! Wenn schon ein Richter Gnadenlos sich erweichen lässt, wie viel mehr dann er, der alles andere ist als ein ungerechter Richter? Die Geschichte lebt vom Kontrast.
Unsere Stellung vor Gott ist ein ganz andere, sagt Jesus: Nicht gebückte Bittsteller seid Ihr! Gottes Lieblinge seid Ihr und sollt Gottes Kinder heißen. Ihr könnt frei wie Kinder zum Vater treten, und glaubt mir, er freut sich, eure Stimme zu hören. Das ist eure Lage.
Und Gott hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem Richter in der Geschichte. Der Richter war ungerecht, herzlos, respektlos, nur auf eigenen Vorteil bedacht. Gott ist gerecht, entgegenkommend und mitfühlend. Und Ihr seid Gottes Herzenssache.
Gebet bedeutet nicht: Wir müssen Gott bearbeiten, damit er etwas gibt. Gebet bedeutet nicht: Wir müssen ein bisschen Segen aus ihm herauspressen. Es ist Gottes Vergnügen und Freude, uns zu beschenken. Und darum geht es beim Beten mehr darum, dass wir die Hände öffnen und uns beschenken lassen, als darum, dass Gottes Knauserigkeit überwunden werden müsste.
Das ist es, was ich Euch heute abend zu sagen habe: Denkt nicht falsch von Gott. Er ist anders. Die Bitte ist eine große, starke Sache, weil Vater im Himmel nur darauf wartet, dass du anfängst, dich ihm anzuvertrauen.
Nun hat unser Theaterstück ja eine ganze Reihe von Fragen gestellt: Was macht Gott mit all den Gebeten? Warum bekommt Melissa keine Pickel? Und wenn keine Antwort kommt? Ich will Euch zum Schluss drei Tipps fürs Beten mitgeben, wie es klappen könnte.
Der erste: Sprich dir das von der Seele, was dir wirklich wichtig ist.
Um es gleich zu sagen: das mit Melissa weiß ich auch nicht. Ich frag mich so etwas auch gelegentlich: Warum muss der VfB Stuttgart durch so ein blödes Eigentor gegen diese Millionentruppe von Chelsea London verlieren? Da haben doch bestimmt Tausende schwäbischer Fußballfans um himmlische Unterstützung gebeten!
Vielleicht ahnen wir aber auch, dass ein Unterschied ist zwischen dem Gebet um Pickel für Melissa und den Sieg für den VfB einerseits und der Bitte der armen Witwe. Man kann auch leben, wenn der VfB nicht ins Viertelfinale kommt! Oder Melissa keine Pickel kriegt.
Es ist wohl so, dass es Aufregung im Himmel gibt, wenn einer kleinen Witwe Unrecht geschieht. Ums Recht ging es ihr, und von Gott heißt es in der Bibel, dass er das Recht lieb hat.
Es lässt den göttlichen Puls schneller schlagen, wenn es uns ans Leben geht, wenn unser Herz zu brechen droht, der Friede zerstört wird oder irgendwo ein Kind vor Angst und Hunger weint. Da ist Aufruhr im Himmel, wenn es einem Menschenkind das Herz zerbricht!
Auch Bruce Nolan/Allmächtig hat so beten gelernt. Erst spricht er schöne, feine Gebetchen, aber dann fragt ihn Gott, was er denn wirklich auf dem Herzen hat, und er spricht zum ersten Mal in seinem Leben ein Gebet, das er ernst meint. Dass die Beziehung zu seiner Liebsten in Ordnung kommt und dass sie, nicht er!, glücklich wird. Und Gott tut, worum er ihn bat.
Das zweite: Erwarte vor allem eines: Du musst nicht mehr alleine klarkommen!
Ich bete auch. Ich rede nicht wie ein Blinder von der Farbe. Ich bete. Ich danke Gott für das Essen, die Sonne, den guten Trollinger. Ich bitte ihn täglich, dass meine Kinder starke und lebensfrohe Menschen werden, die gerne glauben und tüchtig lieben. Ich bete, wenn der Computer wieder festhakt. Ich bete, dass ich keinen Blödsinn rede, wenn ich unterrichte oder predige. Ich rede es mir von der Seele, wenn ich doch wieder Mist verzapft habe. Ich bete, wenn ich mich sorge, weil wieder eine Ehe auf der Kippe steht oder ein Mensch mit einem Tumor kämpft. Und ich bete darum, dass das Morden im Land Jesu von Nazareth aufhört, auf beiden Seiten.
Und was passiert? Mal dieses, mal jenes. Oft staune ich, weil Gott in seiner Großzügigkeit sagt: O.k., ich gebe dir, was du willst. Da werden die Kinder starke Personen, die es ernst meinen mit Gott. Und da gelingt etwas im Beruf, was lange unmöglich schien. Da wird einer wieder gesund. Ich kann das nicht mehr Zufall nennen! Die Dinge laufen anders, wenn wir beten, als wenn wir nicht beteten!
Manchmal passiert etwas ganz anderes, als ich bat. Manchmal verstehe ich es hinterher – manchmal verstehe ich es aber auch nicht. Manchmal stehe ich ratlos davor, weil ich dachte, also diese Bitte, die muss er doch gut finden. Und das gehört auch zum Beten, auch wenn ich es nicht verstehe. Oft ging es mir so als Seelsorger in der Kinderklinik, wenn wir für ein Kind beteten, um das Ärzte kämpften – und es dann doch nicht durchkam. Verstehen kann ich das bis heute nicht!
Eines passiert aber immer: Wenn ich ernsthaft bete, schmilzt der Abstand zwischen Himmel und Erde. Wenn ich ernsthaft bete, merke ich, wie mein Herz sich öffnet und weitet. Wenn ich ernsthaft bete, bin ich nicht mehr allein. Und das ist das Entscheidende: Was immer jetzt kommt, er kommt mit. Was immer passiert, er ist an meiner Seite. Nein, es passiert nicht immer, was ich will. Durchaus nicht. Aber das ist Gottes Versprechen: Du bist nicht mehr allein. Ich bin ganz nah, nur ein Gebet weit entfernt. Nichts täte ich lieber, als mit dir durch das hindurch zu gehen, was dich jetzt erwartet. Mit dir gehen, mit meiner Kraft, meiner Zuversicht, meiner Fähigkeit, dennoch zu lieben, zu hoffen und zu vertrauen. Greifbar nah! Ich bei dir und du bei mir, das ist die erste Antwort auf jedes ernsthafte Gebet. Und so schlimm kann es nicht mehr werden, wenn ich bei dir bin und dich halte.
John Ortberg erzählt einmal, dass er in einer etwas finsteren Gegend war und mitbekam, wie ein paar Schlägertypen einen wehrlosen Mann verprügelten. Irgendwie packte ihn die Wut und er schrie: Lasst den Mann in Ruhe. Die Schläger blickten auf, schauten in seine Richtung, Entsetzen trat in ihr Gesicht, sie ließen die Baseballschläger fallen und machten sich aus dem Staub. John war ein bisschen überrascht, dass er ganz allein diese Bande in die Flucht geschlagen hatte. Nun muss man John kennen, er ist nicht gerade eine Art Klitschko, er ist eher ein Nemo (Clownfisch!) als ein Klitschko, also eher so als so. Was war passiert? John drehte sich um und da sah er, dass ein paar Schritte hinter ihm der größte Typ stand, den er je gesehen hatte, Muskeln wie Berge! John begriff: Es war dieser Begleiter, der den Unterschied machte, und der es so drehte, dass ein Nemo wie ein Klitschko wirkte.
Das ist das Entscheidende am Gebet: Nicht so sehr, was genau passiert, ob unsere Bitte erfüllt wird oder nicht. Gott gibt nicht etwas, er gibt sich. Er selbst kommt zu dir und geht an deiner Seite, wie ein starker großer Freund, der dich nicht im Stich lässt, was auch immer noch kommt. Nicht dass es Beter immer leichter hätten im Leben, aber sie haben immer einen an der Seite, der stark ist und treu. Darum ist Bitten eine starke, große Sache!]
Drittens: Fang an und bleib dran!
Vielleicht wächst da etwas in Ihnen heran, ein erstes Zutrauen: Wenn ich wirklich einen habe, der Vater im Himmel genannt wird und mein starker Freund an meiner Seite, dann fang ich es an, dann rede ich mit ihm über das, was wirklich los ist in meinem Leben. Dann ist erst recht Aufregung im Himmel, dann lässt Gott die Korken knallen und die Glocken läuten, weil er sich so freut. Aber dann bleib auch dran: Mit einem zaghaften Gebet kann eine lebenslange Liebesgeschichte beginnen, zwischen Dir und Gott. Vielleicht so: „Ich weiß noch nicht genau, Gott, ob ich Dir über den Weg trauen kann, ich weiß ja nicht einmal mit Sicherheit, ob es Dich gibt. Und so vieles verstehe ich nicht. Aber wenn es wahr ist, dass Du nur auf mich wartest, wenn es stimmt, dass Du mit mir durch all das durch willst, was ich mitmache, dann lass es mich spüren! Ich möchte sehen, was Du tust. Hilf mir doch an diesem einen Punkt, an dem es gerade so weh tut.“ Und denk dran: Die Bitte ist eine große, starke Sache. Und das ist bestimmt wahr – oder: Amen
Michael Herbst
