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Schwamm drüber

19. Januar 2003

„Schwamm drüber – Vergeben und vergessen?“

Von einem König wird erzählt, er habe ein Gerichtsurteil unterschreiben sollen. Der Richter ist zu dem Schluss gekommen: „Gnade unmöglich, im Gefängnis lassen.“ Dem König aber ist nicht wohl bei der Sache. Der Verurteilte hat Frau und Kinder. Was für eine Zukunft bliebe der Familie! So von Mitgefühl bewegt, ändert der König das Urteil. Er verschiebt nur ein Komma: „Gnade, unmöglich im Gefängnis lassen.“ Das ist unser Thema heute abend: Gibt es das: Vergeben und Vergessen? Gibt es die Chance, ganz neu anzufangen?

Wo Menschen zusammen sind, bleiben sie sich vieles schuldig. Vielleicht wird das am klarsten da, wo Menschen einander lieben. Wo Menschen sich lieben, können sie sich auch weh tun. Je näher sie sich kommen, desto tiefer können auch die Wunden sein. Ein Schriftsteller hat die Ehe einmal mit zwei Chirurgen verglichen, die sich gegenseitig operieren, bei vollem Bewusstsein, ohne Narkose, mit wachsender Kenntnis, wo es weh tut. Gibt es das: Vergeben und Vergessen? Gibt es das, einen Neuanfang, der alte Liebe neu entzündet und schlimmen Schaden heilt?

Am Anfang ist alles ganz einfach: Da finden sich zwei und finden Gefallen aneinander. Der andere ist ein traumhaftes Geschöpf. Dass er so anders ist, macht ihn gerade interessant.. Es ist so, als ob sie ein Konto eröffneten. Und beide zahlen sie ein auf dieses Konto: da ein Blümchen, hier eine Postkarte, da beim Umzug mitangepackt, dort den Geburtstag der kleinen Schwester organisiert, alles Einzahlungen auf das gemeinsame Konto. Bald ist es ein Konto mit fett schwarzen Zahlen. Kleinere Abhebungen, gelegentlicher Streit vom Konto stören nicht.. Das Konto bleibt ja in den schwarzen Zahlen.

Aber mit der Zeit wird das anders: Die Enttäuschungen nehmen zu. Mit der Gewöhnung lässt der Eifer nach. Nun zahlen die beiden nicht mehr so viel ein, aber sie heben munter ab vom Konto. Anders gesagt: Einer entzieht dem anderen die Liebenswürdigkeiten. Kleine Lieblosigkeiten markieren den Alltag. An die Stelle von Zuwendungen treten Abwendungen, ja sogar Bestrafungen. Und so wie früher jeder auf die Wohltaten des anderen mit Wohltaten reagierte, folgt jetzt Bestrafung auf Bestrafung. Und zugleich macht sich das Gefühl der Enttäuschung breit.

Wir wollten doch alles zusammen machen, aber jetzt lässt du mich allein. Der Job ist dir immer wichtiger als ich. Du willst zwar mit mir schlafen, aber du willst mich nicht mehr umwerben. Wie es mir geht, ist dir egal, Hauptsache, das Essen steht pünktlich auf dem Tisch. Für alles hast du ein Ohr, nur für mich nicht.

Lange Zeit geht das – sie zehren von der Substanz. Aber dann wird es irgendwann kritisch. Und jetzt kommt es alles darauf an gut hinzuschauen: Das Konto gerät tief in die roten Zahlen. Die beiden zahlen ja kaum noch ein. Wann war das mit dem letzten Blumenstrauß, wann war das letzte Abendessen zu zweit bei Kerzenschein? Lang, lang ist’s her.

Stattdessen herrscht entweder die heiße Auseinandersetzung oder der kalte Krieg. Entweder der Streit, der sich immer neue Themen sucht, an allem sich entzündet, rasch aufflackert und bald zum großen Kampfeinsatz eskaliert. Oder das kalte Schweigen, sich aus dem Weg gehen, nebeneinander her leben, förmlich und korrekt, aber eine kalte Faust schließt sich ums Herz.

Ich will nur zwei Beobachtungen gerne weitergeben:

Die erste: Beide sind nun überzeugt: Ich bin der Leidtragende. Wäre der andere nur etwas zugewandter, alles wäre o.k.!

§ Da sagt sie: Wäre er nur ein bisschen offener im Gespräch, ich müsste nicht so in ihn dringen. Aber er macht ja sofort dicht, wenn ich ein Gespräch anfange. Also muss ich doch etwas heftiger werden, damit er es überhaupt versteht.

§ Und er sagt: Also, wenn sie schon anfängt: Vorwürfe über Vorwürfe. Da kann ich doch nur dicht machen. Wenn sie etwas behutsamer wäre, wenn ich nicht immer sofort auf der Anklagebank säße, es wäre alles nicht so schwer.

Und die zweite: Da schaue ich mal mehr nach innen, was so in uns los ist. Da ist ein erheblicher Leidensdruck. Wenn es nicht stimmt zwischen zweien, dann stimmt es auch in ihnen nicht. Kennen Sie das? Da ist ein ganzer Chor von Stimmen in uns. Ich bleibe mal bei der Seite von IHM, die kenne ich besser als die Seite von IHR. Ich nenn mal nur ein paar:

Da ist der Buchhalter: „Schon vor 6 Jahren war sie immer so stur.“ Da ist der Gemütliche: „Ach, komm, gehen wir erst einmal einen trinken.“ Ganz klein ein Stimmchen, fast von hinten: „Ach wär das schön, mal wieder Versöhnung feiern. Du könntest ja auch mal den ersten Schritt machen.“ Aber da kommt der Prolo: „Diese blöde Kuh, die kann mir mal gestohlen bleiben. Dies mal nicht, nein, diesmal nicht.“ Der Buchhalter kommt zur Hilfe: „Du hast doch schon damals den ersten Schritt gemacht, nach der Beule.“ „Erinnere mich bloß nicht, Frauen und Auto“, brüllt der Prolo. „Einmal den ersten Schritt ...“ „Biste wohl still!“ „Ach kommt schon, ein Bierchen.“ „Aber es wäre doch schön, den anderen in die Arme schließen.“ Der Skeptiker meldet sich: „Es wird doch eh nichts mehr. Jetzt versöhnste dich und morgen geht es von vorne los.“ „Ach was, diesmal nicht!“ „Halt die Klappe!“

Wir möchten heute eine neue Stimme zu Gehör bringen. Es ist die Stimme eines Menschen, der sein Leben lang Verzeihen und Vergeben nicht nur gelehrt, sondern gelebt hat, es ist die Stimme von Jesus, dessen Geburtstag wir gerade zu Weihnachten gefeiert haben. Er macht Mut, etwas Neues zu riskieren. Jesus macht Mut, das Verzeihen zu riskieren. Und dazu erzählt er eine Geschichte:

Diese Geschichte spielt in der Welt der Politik, bei den Leuten mit dunklen Anzügen und weißen Kragen. In den Bibeln wird sie meistens als das Gleichnis vom Schalksknecht überschrieben. Das meint nicht eine Story, bei der Fans des FC Schalke 04 hochgenommen werden, es geht um Leute, denen ein böser Schalk im Nacken sitzt, es geht um Mitarbeiter, die jede Firma ruinieren.

Aber fangen wir von vorne an: In der Firma ist Kassensturz angesagt. Das sind die Tage, an denen auch Spitzenmanager mit flauem Gefühl im Magen aufstehen und der Kaffee nicht mehr schmeckt. Es sind die Tage, an denen die Sekretärinnen hektisch Ordner hin- und hertragen, weil sich der Wirtschaftsprüfer angesagt hat. Heute aber kommt der Chef persönlich und sieht die Bücher durch. Die Abteilungsleiter müssen einer nach dem anderen Rechenschaft abgeben und ihre Bilanzen aufdecken. Einer drückt sich, so lange er kann, schiebt sich nach hinten, steht nass geschwitzt im der letzten Reihe. Aber auch er kommt an die Reihe, wird nach vorne gerufen, und bald wird es klar: Dieser Mann hat sich um Kopf und Kragen gebracht. Er hat Gelder veruntreut, nicht so ein paar Euros, nein, so richtig fett, ein Vermögen in Millionenhöhe, verspielt, vergeudet, teure Autos, teure Frauen. Und er weiß, was ihm blüht: Er wird in den Knast wandern. Er wird alles verlieren. Seine Familie wird mitbluten. Die Schande. Der Abstieg. Und dann: bis ans Ende des Lebens zahlen. So wird das sein. Alles Selbstgewisse ist von diesem Mann abgefallen, da setzt er alles auf eine Karte, eine letzte Karte: Er wirft sich vor dem Boss auf die Knie. Ein Raunen geht durch den Saal. Und er bittet um Gnade, tatsächlich, der Topmanager bittet den Unternehmer um Gnade. Nur nicht in den Knast, nur Zeit, Zeit will er, er will alles zurückzahlen, alles auf Heller und Pfennig. Da grinsen ein paar seiner Kollegen: Das schafft der nie! Das geht doch gar nicht. Aber der Chef, eben noch bereit, kurzen Prozess zu machen, stutzt. Da bewegt sich etwas in seinem Herzen. Da wird eine Stimme in ihm ganz stark: Hilf ihm auf! Da ändert sich seine Sicht der Dinge.

Und er hebt den Mann aus dem Staub, beugt sich zu ihm und sagt ihm: Ich lasse dich frei. Und ich erlasse dir deine Schulden. Ich verzichte auf meine Forderung! Dein Konto ist wieder ausgeglichen. Fang noch einmal neu an. Ich ent-schulde dich hiermit. Und er nimmt den Bericht mit all den roten Zahlen und zerreißt ihn vor den Augen der Anwesenden.

Den Leuten fällt die Kinnlade herunter. Dieser Mann hat das 15fache eines Jahresgewinns veruntreut und er geht als freier Mann aus dem Haus. Eben drohte noch Haft, jetzt ist er frei. Eben noch hatte er schon Abschied neben können von den Seinen, jetzt kehrt er zur Familie zurück. Eben noch war sein Leben verspielt, verhunzt und vorbei, jetzt hat er eine zweite Chance. Der König sagt: Gnade, unmöglich im Gefängnis lassen.

So, wie dieser Unternehmer, sagt Jesus von Nazareth, ist Gott. So ist er! Gott, so sagt Jesus, wird bewegt von Mitgefühl. Er kann es nicht mit ansehen, wie Menschen sich verschulden und aus der Falle der Verschuldungen nicht mehr herausfinden. Er liebt es, das Komma zu verschieben. Er liebt es, Schuldscheine zu zerreißen und neue Anfänge zu schenken. Kommst du zu Gott mit deinen roten Zahlen, so erwartet dich Vergeben und Vergessen. Gott ist der, der Schulden entsorgt. Von höchster Stelle begnadigt, wird es uns auch hier unten neu möglich, den Schritt auf den anderen zuzutun, um Verzeihung zu bitten und Verzeihung zu schenken.

Das ist wie bei unseren Computern, wenn wir Dateien löschen. Dann lässt uns uns, wenn es gut geht, Bill Gates ganz freundlich per Menü fragen: Möchten Sie diese Datei wirklich löschen? Und Gott drückt voller Überzeugung auf „ja“ und das ganze Zeug verschwindet aus dem Verzeichnis unseres Lebens, entsorgt im Papierkorb und dort endgültig gelöscht.

So, erzählt Jesus nämlich weiter, soll es sein: Wenn Gott uns entschuldet, dann sollen wir auch dem anderen die Schulden erlassen.

Aber vor der Tür des Unternehmers ereignete sich Erstaunliches. Kaum war er draußen, noch hatte er nicht einmal seine Frau in die Arme geschlossen, da sieht er einen Kollegen. Da war doch was! Dem hatte er doch 100 Euro geliehen. Und jetzt werden Buchhalter, Prolo und Skeptiker in ihm laut, im Chor: Das war doch schon 1 Jahr her. Und hatte der zurückgezahlt, was er schuldete? Hatte er nicht! Versprochen hatte er es! Da kocht es in dem Mann hoch, er schnappt sich den Kollegen und packt ihn. Her mit meinem Geld! Aber der andere konnte es nicht zahlen! Dann lasse ich dich in Schuldhaft nehmen, bis du gezahlt hast, bis auf den letzten Cent. Aber hab doch Mitleid, sagte der Kollege, ich will ja alles zahlen, alles was ich brauche, ist ein bisschen Zeit. Zeit hattest du genug, widerspricht der Schalksknecht. Jetzt kannst du büßen! Die Geschichte ist schnell zu Ende erzählt: Der Unternehmer hörte von dem Vorfall. Er wurde tief traurig und dann tat er, was er tun musste: Er revidierte sein Urteil noch einmal. Ich habe dir alles erlassen, sagt er, und du konntest nicht ein einziges Mal Mitgefühl haben, und das bei solchen Peanuts? Um wie viel ging es? 100 €! So kleinlich bist du? So verspielst du alles. Und so landet der Abteilungsleiter am Ende doch noch im Gefängnis.

Jesus erzählt diese Geschichte, weil er eines deutlich machen möchte: Gott, der so gerne vergibt, erwartet, dass wir auch dem anderen eine neue Chance geben. Er möchte, dass sein Mitgefühl und seine Großzügigkeit ansteckende Wirkungen haben. Nicht: Wie du mir, so ich dir. Sondern: Wie Gott mir, so ich dir.

Jesus von Nazareth macht Mut, das zu riskieren. Vielleicht fragen Sie: Was heißt das nun für uns? Ich kann hier nur anfangen, etwas dazu zu sagen. Wir wissen, wie kompliziert es sein kann. Nur drei praktische Schritte zum Schluss:

Der erste: Jesus von Nazareth macht uns Mut, unseren Anteil am Schlamassel nicht länger zu leugnen. War ich nicht auch munter beteiligt? Habe ich nicht tüchtig abgehoben vom Konto und nicht mehr eingezahlt? Es gibt einen Ort, an dem diese Altlast meines Lebens unschädlich gemacht wird: Ich kann mein Versagen Gott sagen und hören, wie Gott es mir sagt: Du, von Herzen gern sei dir vergeben!

Das zweite: Jesus von Nazareth macht uns Mut, dem anderen zu vergeben und damit den Kreislauf der gegenseitigen Verschuldungen zu durchbrechen. Wir wissen das aus der Eheberatung: Beziehungen können nur dann wieder in Ordnung kommen, wenn einer der beiden etwas riskiert. Wenn er das Spiel durchbricht und sagt: Ich fange an. Ich gehe wieder auf den anderen zu. Ich tue ihm wieder Gutes. Ich zahle wieder ein auf dieses Liebeskonto. Was ich mir wünsche, tue ich zuerst, ohne Vorleistung. Ich wage es. Ich will verzeihen, was der andere mir angetan hat.

Vergebung ist aber auch für mich selbst eine Wohltat. Wir meinen ja: Jetzt sind wir mal so richtig edel und christlich und tun dem anderen was Gutes und vergeben ihm. Vergebung ist dann eine gute Tat am anderen. O.k. Aber das ist nicht alles. Wer vergibt, tut sich etwas Gutes. Er lebt gesünder, er kommt besser klar. Wer vergibt, tut sich etwas Gutes. Man kann das nachvollziehen: Vergeben tut zuerst etwas mit mir. Ich werde aktiv – und bleibe nicht in der Rolle des Opfers. Ich gehe voran, verabschiede meine Bitterkeit über das, was mir zugefügt wurde. Ich ergreife die Initiative in der Beziehung. Vergebung tut mir gut. Übrigens kann man das auch an der Sprache erkennen: Wenn wir einem anderen etwas nachtragen, wer, bitteschön, trägt denn da, wer, bitteschön, hat eine Last mit sich herumzuschleppen? Das sind doch wir? Der „Übeltäter“ hat es vielleicht längst vergessen, er lebt munter und in Freuden, aber ich schleppe mich immer noch mit dieser Last ab. Wer anderen vergibt, trägt nicht mehr hinterher, er entlastet sich in jeder Hinsicht. Wer dagegen sagt: Ich vergebe nicht, ich trage lieber nach, der ist so ähnlich dran wie einer, der sich mit nacktem Hintern auf ein Nagelbrett setzt.

Und das dritte: Jesus von Nazareth macht uns Mut für den langen Weg der Vergebung. Denn: Vergebung ist ein Weg und nicht ein Punkt. Da war ein Paar, das hat es versucht. In ernsten Schwierigkeiten haben sie einander vergeben. Aber an ihrem Beziehungssalat änderte sich nichts. Es ging so weiter wie zuvor. Bald waren sie wieder im Schlamassel. Die Frau sagte daraufhin: Bleibt mir bloß weg mit der Vergebung. Das ist doch nur eine fromme Sauce, die über die Probleme gegossen wird. Bleibt mir weg mit der Vergebung.

Recht hat sie, wenn Vergebung zum Ersatz wird. Recht hat sie, wenn Vergebung nicht auch einschließt, dass man miteinander an der Beziehung arbeitet. Vergebung ist dann eher ein Weg als ein Wort. Vergebung kann heißen: Ich gebe dem anderen und damit uns wieder eine Chance. Jetzt müssen wir wieder lernen, auf das Konto einzuzahlen. Wir müssen üben, über uns zu sprechen und nicht nur über den Wochenendeinkauf. Und wir müssen lernen, unsere Konflikte mit friedlichen Mitteln zu lösen. Vielleicht kann ein ausdrückliches Verzeihen sogar erst am Ende möglich sein. Nachdem wir alles angeschaut und manches miteinander neu gelernt haben, wollen wir den Müll der Vergangenheit nicht mehr mit uns schleppen. Wir bitten Gott und wir bitten einander um Vergebung.

Gott ist im Kommaverrückungsgeschäft. Und das ist so, das ist so wahr und sicher wie in der Kirche das Amen.

Michael Herbst