Greifbar
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Sind die Lichter angezündet?

GreifBar 19 am 27. November 2005

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth. Jesaja 9,1-6

Machen Sie auch mit bei der Lichteroffensive? Sind Sie dabei beim Adventsfeldzug? Jeden Abend, wenn ich nach Hause fahre, komme ich durch das Kriegsgebiet. Einige Nachbarn kämpfen da um die eindruckvollste Adventsbeleuchtung. Vorbei die Zeiten, in denen man eine Kerze zum Advent anzündete. Die besinnliche Frage, ob die Lichter angezündet sind, bekommt hier eine ganz neue Bedeutung. Es begann, als Oma Schulze ihre sechs Elektrokerzen auf den Schwippbogen aus dem Erzgebirge stellte, Made in Taiwan. Als das der Nachbar sah, hat er sofort im dänischen Bettenhaus das 10armige Elektro-Kerzenset gekauft und aufgestellt. Danach hat Ronny, der 17jährige Enkel von Oma Schulze, die Initiative ergriffen. Seither sind die Büsche im Vorgarten von Lichterketten hell erleuchtet, sie sehen zwar aus, wie in Wurstpellen gezwängt, aber immerhin - es ist hell. Das lässt der Nachbar nicht auf sich sitzen, und schon wird die gesamte Linie der Dachrinnen von bunten Lämpchen erleuchtet. Dass einige verspätete Winter-Touristen das missverstehen und ein eher zwielichtiges Lokal im Haus des biederen Bürgers vermuten, ist nur eine kurzzeitige Störung. Für die Zukunft sind weitere Maßnahmen geplant: So soll es bereits eine Testversion adventlicher Laserkanonen geben, mit denen der Stern von Bethlehem an den pommerschen Winterhimmel gezaubert werden kann. Und Ronny ist ganz gerührt von einer Geschichte, die er in der Zeitung findet: ein Düsenjet ist versehentlich in der Garagenauffahrt einer amerikanischen Kleinstadtvilla gelandet, weil diese Auffahrt so sehr an die Landebahn des O’Hare-Airports von Chicago erinnerte.

Warum machen wir so etwas? Warum zünden wir die Lichter an im Advent? Wir tun das, weil wir ohne große Kommentare verstehen, was Finsternis ist und was Licht bedeutet. Wir zünden die Lichter an in der dunklen Jahreszeit, weil Finsternis uns bedroht und Licht uns Mut macht. Ich kenne das noch aus meiner Kindheit, wenn ich mal in den dunklen Keller musste und den Lichtschalter nicht fand. Finsternis macht Angst und Dunkel ist bedrohlich. Was wird da nach mir greifen? Wie soll ich meinen Weg finden? Was sind das für Geräusche aus dem Dunkel? Die finstere Jahreszeit ist für manchen von uns besonders belastend. Es ist, als lege sich das Dunkel von außen auch innen auf unsere Seele. Mir geht es so, je älter ich werde, desto beschwerlicher finde ich die langen, dunklen Monate.

Ganz anders ist es mit dem Licht. Ich muss manchmal früh morgens mit dem Zug nach Berlin fahren, und wenn es ein guter Tag ist, dann wird irgendwo zwischen Anklam und Pasewalk der Himmel rot, und zwischen Pasewalk und Prenzlau taucht die Sonne leuchtend auf und macht der Nacht ein Ende.

Ein altes Lied bringt es auf den Punkt: „Die güldene Sonne bringt Freude und Wonne, die Finsternis weicht. Der Morgen sich zeiget, die Röte aufsteiget, der Monde verbleicht.“

Es siegt nicht die Finsternis, wir sind nicht dem Dunkel für immer überlassen. Wir sind nicht für die Finsternis bestimmt. Es gibt einen neuen Tag.

So verstehen wir auch auf Anhieb Jesajas uralte Worte, die wir eben gehört haben: die Worte vom „Volk, das im Finsteren wandelt“ Und welche Hoffnung es bedeutet, wenn wir nach langer Finsternis ein helles Licht sehen, das muss ich niemandem erklären.

Finsternis kennen wir im Kleinen wie im Großen:

Für uns persönlich

• kann Finsternis die Krankheit sein, die uns droht oder ereilt.

• Finsternis, das sind die verwickelten Beziehungen, aus denen wir nicht mehr herausfinden. Das sind die merkwürdigen Verstrickungen, in die wir geraten, die ungesunden Verhältnisse.

• Finsternis, das ist der Untergang unserer Empfindungen in der Nacht der Depression. Das ist das dunkle Tal, durch das wir schleichen, wenn wir gar nichts mehr empfinden, wenn wir nicht einmal mehr Tränen haben.

• Finsternis, das sind auch die dunklen Möglichkeiten in uns, wenn wir uns erschrecken über uns selbst.

• Finsternis – da ist uns verdunkelt, wer wir sind, ob wir jemandem am Herzen liegen und ob es noch einmal gut wird mit uns.

Finsternis im Großen, das ist auch die Geschichte von Jessica. Aber es ist nicht nur die Finsternis böser Eltern, die ihr Kind im Stich ließen, es vernachlässigten und quälten, bis sie es am Ende verhungern ließen. Finsternis, das sind auch die Nachbarn, die nicht hinsahen, das ist die Schulbehörde, die nicht nachschaute, das sind die, die nicht merkten, dass hier eine Familie ins Dunkel trieb. Du bist Deutschland, ja, vielleicht. Aber dann auch: Du bist Jessica, wie die Frankfurter Allgemeine gestern titelte.

Es ist viel Finsternis um uns her. All diese Finsternisse in uns und um uns herum können wir nicht erhellen und beleuchten, egal wie viele Kerzen wir aufstellen und anzünden.

Woher aber kommt das Licht? Kommt es überhaupt? Jesaja, ein jüdischer Prophet, gut 700 Jahre vor unserer Zeitrechnung, redet ja nicht nur vom Volk in der Finsternis, sondern auch von dem großen Licht, das dieses Volk sehen wird. Er sprach in einer Zeit persönlicher und sozialer Katastrophen, einer Zeit des Hungers und der Unterdrückung. Warum aber spricht er gerade da vom Licht? Warum sieht das Volk, das im Finsteren lebt, ein großes Licht?

Jesaja sagt es so: Ein Kind wird uns geboren, sagt er, und dieses Kind ist unsere Hoffnung. Weil dieses Kind geboren wird, wird es nicht finster bleiben in uns und um uns herum!

Nun können wir auch das zunächst ganz leicht nachvollziehen. Man muss nur einmal den Gesichtsausdruck eines frisch geborenen Vaters sehen, der sein Kind im Arm hält. Kennen Sie das – diesen glückseligen, aber leicht dämlichen Blick? Es ist erstaunlich, was die Geburt eines Kindes aus uns machen kann. Wie ein Kind das Leben erleuchtet. Man hat plötzlich ganz neue Themen. Vorbei die nächtelangen Debatten über Hansa Rostock und den Dow Jones. Jetzt wird um die richtige Windelsorte gestritten und der Vorzug des Stillens gepriesen. Nächtliche Ruhestörung durch quakende Kleinkinder wird zur schönsten Musik, und voller Stolz ruft man angesichts einer stinkenden Windel: Ei, was hast du denn da Feines gemacht! Also, Kinder sind schon eine Revolution!

Aber hier geht es nicht um irgendein Kind. Da wird ein Thronfolger begrüßt, ein königliches Neugeborenes. Jesaja dachte wohl an einen jüdischen Königsspross, der das Volk von der Tyrannei der damaligen Besatzer befreien würde. Aber später hat man immer wieder diese Worte vom Kind, das uns geboren ist, auf das eine Kind hin gedeutet, das Kind im Stall von Bethlehem, das Weihnachtskind, das wir im Advent erwarten.

Im Alten Orient gab man übrigens den neugeborenen Königskindern besondere Namen. Die Namen sollten Hoffnung ausdrücken, Hoffnung auf einen König, der es hell macht und nicht finster im Land.

Bis heute zerbrechen sich Eltern ja den Kopf, welchen Namen sie ihrem Kind geben sollen. Dabei kommen manchmal etwas merkwürdige Lösungen zu Tage. In den letzten Wochen wurden in Greifswald z.B. ein Quentin Darius und eine Ginger Kimberly geboren, aber auch eine Jamie-Lee und eine Kimberley Fiona. Das ist aber keine Greifswalder Spezialität: Als ich im Kinderkrankenhaus arbeitete, auf der Frühchenstation, da gab es einmal eine Jamila Jacqueline Wernikenschnieder, und diese Kleine, die im Westfälischen übrigens Schamila Schackeline ausgesprochen wird, diese Kleine also lag zwischen Dustin Hoffmann und Michael Jackson. Namen sind schon so eine Sache.

Aber die Namen, die das Kind aller Kinder hier bekommt, die halten locker mit, mit den Jacquelines und Kimberleys. Das Kind, das Licht in unsere Finsternis bringt, soll heißen wunderbarer Ratgeber, und es soll heißen starker Gott, und es soll heißen Vater der Ewigkeit und es soll heißen Fürst des Friedens. Stellen Sie sich das mal vor, Sie melden ihr Kind beim Einwohnermeldeamt an: Wunderrat-Gottheld-Ewigvater-Friedefürst Meyer. Oder denken Sie mal an den Kindergarten: komm jetzt, Wunderrat, wasch dir die Hände, starker Gott, oder: Friedefürst, prügele dich nicht mit Jamie Lee. Wunderbarer Rat, starker Gott, Vater der Ewigkeit, Fürst des Friedens. Das sind die Ehrennamen, die dem Kind im Stall von Bethlehem mitgegeben werden.

Aber ehe wir uns über die Namen wundern, müssten wir uns über etwas anderes wundern: Ein Kind ist die Lösung aller Fragen? Ein Kind soll Licht bringen? Ein Kind als heller Schein über denen, die im Finsteren hocken? Seltsam! Warum bloß soll ein Kind die Lösung sein? Ich meine, beim Terminator kommt wenigstens eine ausgewachsene Kampfmaschine aus dem All auf die Erde, und Arnold Schwarzenegger hat all die Muskeln, die nötig sind, um die kleinen und großen Finsternisse zu vertreiben. Aber ein Kind?

Schauen Sie, das ist die Adventsgeschichte: Wir erwarten den, der unsere Finsternis hell macht. Wir zünden zum Zeichen Lichter an. Und dann wird uns erzählt, was passiert ist: Gott kommt wirklich zur Welt. Und während es die eingebildeten Großen alle nach oben zieht, zieht es ihn nach unten. Während bei uns alle groß werden wollen, will er klein werden. Er will nicht hoch hinaus, er will tief hinunter, mitten in unsere Finsternisse. Advent feiert die Ankunft eines Gottes, der klein werden will. Warum? Weil er zu uns will, und weil er nicht mit der Faust dreinschlägt, sondern sich hineinbeugt in unser Leben und es so, so und nicht anders hell macht. Gott wählt nicht den Weg der Erhöhung, sondern der Erniedrigung, nicht den Weg der Gewalt, sondern der Liebe, nicht den Weg von oben, sondern nach unten.

Wir können das nur in Bildern und Vergleichen ausdrücken. So wird uns erzählt von einem Mönch, Pater Damien, der sich aufmachte, um mit den Leprakranken auf Hawaii zu leben. Die, die alle scheuten, die suchte er auf, ging hin und lebte mit ihnen. Er verband ihnen ihre Wunden. Er berührte die Unberührbaren. Er umarmte die, vor denen alle wegliefen. Er baute Hütten für sie. Er predigte ihnen die Liebe Gottes. Mit seinen eigenen Händen zimmerte er 2000 Särge, um die Toten in Würde zu bestatten. Meinen Sie nicht auch, dass so Licht in diese Finsternis kam? Damien achtete nicht auf den Sicherheitsabstand, und er wusste, was er tat. Er kam nahe, und dafür liebten sie ihn. Eines Tages, als er wieder predigte, sagte er zu Beginn: Wir Leprakranken, und da wussten alle, dass er nun ganz einer der ihren war. Welchen Preis zahlt diese Liebe! Er lebte in ihrer Haut. Und der starb in ihrer Haut.

Und so ist es mit der Geburt dieses Kindes, Jesus, Sohn der Maria in Bethelem: Wir Leprakranken. Gott in unserer Haut. Gott in Windeln. Gott, 50 cm lang, 3 ½ Kilo schwer. Und Gott, in der Finsternis, tief unten bei uns. Die Herrschaft auf seinen Schulterm, das geht bei Jesus so, dass er sich die Lasten auf die Schultern heben lässt, unsere Lasten. Gott ganz unten, Licht in der Finsternis: In unserer Depression. In unseren verwickelten Geschichten. In Jessicas verdreckter und vermüllter Höhle. In ihrer letzten Stunde. Und danach. Aber auch in den Gefängniszellen. In unserer Schuld. In unserer Not. In unserer Freude. In unseren Schwächen. In unseren Stärken. Gott ganz unten. Darum: Licht in der Finsternis.

Ich habe in diesen Tagen einige Abschnitte aus der Lebensgeschichte von Bono gelesen. Bono, das ist U2, die irische Rockband, Bono, das ist aber auch ein Mensch aus Nordirland, einem Land, in dem jeder weiß, was Finsternis ist. Und Bono erzählt in seinen Erinnerungen auch, wie er begriffen hat, wer Jesus ist. Eines Tages sitzt Bono also in der St. Patricks-Kathedrale in Dublin. Und er ist müde von all den Reisen und der Weihnachtsgottesdienst ist total langweilig. Bono döst fast ein. Um sich irgendwie wach zu halten, liest er das Programmblatt für den Gottesdienst mit der Geschichte von der Geburt des Kindes. Er schreibt: „Und da dämmerte es mir zum ersten Mal so richtig.“ Es sackte so richtig ein. Gott – ein Kind, Gott bei uns, Gott in aller Finsternis, er selbst Licht im Dunkel! „Ich dachte: Wow! Welche Poesie. Nicht zu greifende Liebe und Macht wählt die verwundbarste Gestalt von allen. Ich saß da, Tränen strömten über mein Gesicht und ich erkannte das Genie, die absolute Genialität, sich einen bestimmten Punkt in der Zeit zu suchen und sich dafür zu entscheiden. Liebe muss eine Form finden, Vertrautheit muss leise daherkommen. Es ist logisch. Liebe muss Fleisch werden.“

Was Bono da beschreibt, ist die Geschichte von Advent und Weihnachten. Und ich muss jetzt noch einmal zu den verrückten Namen zurückkommen. Sie erklären uns nämlich, was mit uns geschieht, wenn wir uns auf Gott einlassen, und wenn er Licht in unsere Finsternis bringt.

Wie hieß doch gleich dieses Kind bei Jesaja? Wunderbarer Ratgeber, starker Gott, Vater der Ewigkeit, Fürst des Friedens.

Jesus in unserer Finsternis – das ist Rat für Ratlose, das ist Stärke für die Schwachen, das ist ewige Heimat für die ohne Heimat, das ist Versöhnung für die Friedlosen.

Rat für Ratlose. Wer es mit Jesus zu tun bekommt, der wird merken, wie ihm die guten Worte helfen, die Jesus uns hinterlassen haben. Er wird sie in der Bibel finden. Er wird sie von anderen hören, die auch dem Kind vertrauen. Eine Frau, erfolgreich in ihrem Beruf, gewohnt, dass sich vieles um sie dreht, gewohnt zu sagen, wo es lang geht. Eine Frau, entfremdet von ihrer Tochter, lange schon geht das so, das Zerwürfnis scheint unheilbar. Finster ist beider Leben. Da hört sie von einer Freundin: Halt Du die Türe offen, dein Kind wartet darauf. Es ärgert sie, das zu hören. Wieso ich, protestiert es in ihr! Wieso? Aber die Worte lassen sie nicht mehr los. Worte dessen, der den Titel Wunderrat trägt. Und weil diese Worte sie nicht mehr loslassen, geht sie wieder, noch ein letztes Mal, denkt sie, auf das Kind zu. Und die Tochter, wund in ihrer Seele, öffnet sich tatsächlich. Rat für Ratlose.

Stärke für Schwache. Ich staune darüber, wie Jesus das macht. Wir haben in unserer Mitte Menschen, die haben schwer zu tragen. Krankheit wütete in einer Familie, Tumorerkrankungen bei Kindern und Mutter – genug Finsternis für ein ganzes Menschenleben. Diese Familie lebt im Vertrauen auf Jesus. Und sie ist darunter nicht zusammengebrochen. Sie haben in der Finsternis das Licht über sich leuchten sehen. Jesus ist starker Gott, Kraft für uns Schwache. Und das hat sie bis heute durchgetragen.

Versöhnung für die Friedlosen. Es ist eine merkwürdige Sache mit diesem Jesus. Man kann nicht in seiner Nähe bleiben und zugleich ein unversöhnlicher Mensch sein. Es funktioniert einfach nicht. Ich habe es oft genug probiert. Es klappt nicht. Wer ihn anblickt und wen er anschaut, der wird hingetrieben zur Versöhnung mit dem Nächsten. Da steckt eine enorme Kraft dahinter. In dieser Woche ist ein Film in unsere Kinos gekommen, der das erzählt. Es ist eine wahre Begebenheit aus dem Ersten Weltkrieg. Schottische und deutsche Soldaten lagen sich in Flandern in den Schützengräben gegenüber. Am 24. Dezember 1914 trauen die Schotten ihren Augen nicht. In den Gräben gegenüber flackern Kerzen auf kleinen Tannenbäumen. Wieder eine Kriegslist der Hunnen, wie sie die Deutschen schimpfen? Doch dann hören sie Gesang: Stille Nacht… Well done, Fritzens, rufen die Schotten, und „Merry Christmas, Englishmen“, ist von den Deutschen zu hören. In tollem Englisch rufen sie: „We not shoot, you not shoot“. Und tatsächlich schweigen die Waffen an der Front, erst zögernd, dann immer sicherer steigen sie hier und dort aus den Schützengräben und treffen sich im Niemandsland. Anstatt sich wie geplant umzubringen, schwatzen sie und prosten sich zu. Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Mitten in der Nacht feiert ein schottischer Militärgeistlicher einen Gottesdienst auf freiem Feld mit Deutschen und Schotten. Die Befehlshaber sind außer sich vor Wut, als die davon hören. Die Soldaten müssen sie abziehen und ersetzen, denn sie sind nicht mehr bereit, auf die anderen zu schießen. Auch der Pfarrer wird gerügt und abgezogen. Den Ersten Weltkrieg hat dieser Moment nicht verhindert, 15 Millionen Menschen starben in der Finsternis dieser Schlacht. Aber einen Moment lang wurde die Kraft des Kindes deutlich, der der Friedefürst ist, und dessen Friedenswille am Ende das letzte Wort behalten wird.

Rat für Ratlose, Kraft für Schwache, Fürst des Friedens. Der Advent trägt ein Versprechen mit sich: Es muss nicht finster bleiben. Es kann ein helles Licht über Ihrem Leben aufstrahlen. Und die Finsternis wird nicht das letzte Wort in dieser Welt haben. Das Licht Gottes wird am Ende siegen.

Sind die Lichter angezündet? Wer mir folgt, hat Jesus einmal gesagt, der wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern das Licht des Lebens haben.

Was wäre das für eine Adventszeit, für eine Vorbereitung auf Weihnachten, wenn wir eine Kerze anzündeten. Und dann denken wir an das Kind, das im Stall geboren wird. Und dann bitten wir ihn hinein in die Finsternis unseres Lebens. Komm, du Ratgeber, du starker Gott, du Vater der Ewigkeit, du Fürst des Friedens, komm in mein Leben. Komm in meine finsteren Zweifel. Komm in meine verzwickten Beziehungen. Komm in meine Ratlosigkeit wegen meiner Kinder. Komm in meine Schwäche an meinem Arbeitsplatz. Komm in meine Friedlosigkeit. Komm in meine dunklen Täler. Komm in meine Heimatlosigkeit. Komm in meine Unversöhnlichkeit.

Und in die Finsternis hinein strahlt das Licht: Du bist nicht dazu bestimmt, auf ewig in der Finsternis zu bleiben. Auch wenn Du Dein Leben so oft selbst verfinstert hast. Auch wenn andere Dir das Licht rauben. Ein Licht nach dem anderen wird in ihrem Leben angezündet. Und Sie werden es wissen, tief in ihrem Herzen: Es gibt noch ein Leben für mich nach all diesen Niederlagen. Es gibt noch jemanden, der mich sieht und mag. Ich darf Hoffnung haben für mein kleines Leben und für diese finstere große Welt. Ich merke, wie es heller wird in meiner Seele, nicht sofort und total, aber immer mehr. Ich muss nicht so bleiben wie ich bin.

Sind die Lichter angezündet? Ich wünsche es Ihnen sehr. Aber, bitte, rüsten Sie nicht zu sehr auf, es wäre doch peinlich, wenn eine Maschine der Lufthansa auf dem Flug von Stockholm nach Berlin versehentlich in Levenhagen landete.

Michael Herbst