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Spiel des Lebens

„Spiel des Lebens“ (Mk 10,17-22)

0. Einleitung

Das Beste an dieser Europameisterschaft sind mal wieder die Interviews, wenn z.B. Fredi Bobic erklärt, warum er wieder kein Tor geschossen hat. Ich meine, so lange ohne Tor, das hat vor ihm nur der Timo Hildebrandt geschafft! Oder wenn Giovanni Trappatoni sich über seinen spuckenden Stürmer Totti aufregt: Där habe gespielt wie Seifänspänder.

Überhaupt, Interviews im Fußball: Ein paar Beispiele! Es sei ihm egal, ob er in Madrid oder Mailand spiele, Hauptsache Italien! Andy Möller! Nett wird es immer mit Fremdwörtern. Man solle das alles nicht so hochsterilisieren, forderte Bruno Labbadia, einst bei Bayern München. Und Fritz Walter, der Jüngere, berichtete, der Sanitäter habe ihm nach einem Schwächeanfall sofort eine Invasion gelegt. Dass man bei alledem den Sand nicht in den Kopf stecken sollte, wusste schon unser Lothar!

[Ein letztes Beispiel: Auch Politiker gehen ja heutzutage eher zum Fußball als in die Oper. Johannes Rau bringt es dann auch auf einen netten Spruch. Ein Reporter wollte von ihm wissen, warum die Arena auf Schalke nicht nach einer Frau benannt worden sei. Antwort Rau: Wie sollte dat denn gehen? Dem Ernst Kuzorra seiner Frau ihr Stadion? Oder wie?]

1. Das Spiel des Lebens: Stan Libuda

Damit sind wir bei Schalke 04, dem einzigen Bundesligastadion mit eigener Kapelle! Dort spielte auch Reinhard genannt Stan Libuda. Für die jüngeren unter uns: einer der besten Fußballer und vielleicht der beste Rechtsaußen, den der deutsche Fußball hervorgebracht hat. Er wurde im Pütt groß:

[Das hieß damals: abbruchreife Zechenhäuser und uniforme Mietskasernen, verschönt durch braunen oder grünen, mindestens fünf Jahre alten Anstrich und farbigen Tupfern an Balkonen. Weitläufige Hinterhöfe scheinen Platz zu lassen, für Kinder, Hunde, Lebewesen, die Bewegung brauchen. Allerdings nicht überall. Irgendwo prangt das Schild: Fußballspielen verboten. „Hauptsache, die Büstenhalter von Frau Schlebrowski dürfen aufgehängt werden“, ereifert sich ein Bergmann. „Wie soll Schalke so zu heimischen Talenten finden?“ Eines fanden sie, den Reinhard Libuda.]

Der bekam bald den Spitznamen Stan, nach Stanley Matthews, dem legendären englischen Außenstürmer, dem mit dem Stan-Matthews-Trick: rechts antäuschen, links vorbeigehen. Und er wurde ein ganz Großer: 1966 sah ich ihn als kleiner Knirps im Endspiel um den Europapokal. Damals spielte er für Dortmund gegen Liverpool, und in der 109. Minuten schoss er aus 35 Metern vom rechten Flügel eine Bogenlampe direkt unter das Lattenkreuz – und zum ersten Mal war eine deutsche Mannschaft Europapokalsieger. Das war das Spiel seines Lebens. 1970 war er dabei, als die deutsche Mannschaft bei der WM Dritter wurde. 1972 wurde er mit Schalke Pokalsieger. In diesen Tagen gab es mal in Gelsenkirchen, das liegt bei Schalke, eine kirchliche Großveranstaltung: „An Gott kommt keiner vorbei“, war auf den Plakaten zu lesen. An Gott kommt keiner vorbei. Ein Schalke-Fan pinselte darunter: Außer Stan Libuda.

Aber Libudas große Tage waren gezählt: Er war in den Bundesligaskandal verwickelt, hatte sich bezahlen lassen fürs Verlieren. Seine Karriere endete fast unbemerkt. Später verlor er alles: Seine Ehe ging in die Brüche, das viele Geld war weg, er wurde schwer krank. Anders als viele schrieben, nahm er es gar nicht so schwer. Er arbeitete in einer Druckerei und fand das o.k. Nur als eines Tages Reporter den Betrieb besuchten, da musste er auf Knien einen Ölfleck wegwischen. Und da sagte er: Dass ich so tief runter musste. 1996 starb Stan Libuda. Er wurde nur 52 Jahre alt.

Der katholische Priester, der ihn beerdigte, sagte: An Gott kommt eben doch keiner vorbei. Ist das die Moral von der Geschicht’? An Gott kommt eben doch keiner vorbei? Ehrlich, ich weiß es nicht. Ich finde diese Retourkutsche gehässig, fast schadenfroh: An Gott kommt eben doch keiner vorbei. Ich frage mich: Was hätte wohl Jesus zu Stan Libuda gesagt?

2. Das Spiel des Lebens:

Ein junger Mann begegnet Jesus

Da kommt ein anderer junger Mann daher. Er hat von Jesus gehört und darum macht er sich auf, um Jesus zu treffen. Als er ihn sieht, geht er vor ihm in die Knie. Aber anders als Stan Libuda muss er nicht den Dreck wegputzen. Er kniet vor Jesus, um die wichtigste Frage seines Lebens zu stellen. Und Jesus genießt es nicht, dass einer sich vor ihm bückt. Es heißt: Jesus gewann ihn lieb. Jesus war voller Sympathie und Zuneigung für diesen jungen Mann. Es ist eine Geschichte voller Gefühl, wie bei einem großen Fußballspiel. Aber dies hier ist das Spiel des Lebens, und der junge Mann möchte es gut spielen, er möchte es richtig spielen, er möchte es so spielen, dass er am Ende den Siegerpokal in der Hand hält. Darum wendet er sich an Jesus. Er kommt mit der richtigen Frage zu der richtigen Adresse. Mit der richtigen Frage: Wie bekomme ich das ewige Leben, fragt er. Er fragt nicht nach dem schnellsten Weg zum Eigenheim oder der großen Chance auf einen Aktiengewinn. Er fragt nach dem ewigen Leben. Und er fragt an der richtigen Adresse: Er ahnt, dass Jesus davon etwas versteht. Ganz viel weiß er noch nicht, das ist alles noch ein bisschen fremd für ihn, aber er ahnt es: Der könnte es wissen.

Worum geht es im Spiel des Lebens? Es geht erstens um den richtigen Siegerpreis – das ewige Leben, so nennt es der junge Mann in einer alten religiösen Sprache.

Das ewige Leben, das muss ich ein bisschen erklären. Ewiges Leben meint zum einen eine besondere Qualität von Leben, zum anderen eine besondere Quantität von Leben.

Ewiges Leben ist Leben mit Qualität: das heißt nicht, dass nun alles glatt geht und man nicht mehr vor die Wand laufen kann wie Stan Libuda. Nein, dagegen gibt es keine Versicherung im Spiel des Lebens. Ewiges Leben hier und jetzt heißt: Ich wache morgens auf und weiß, mein Leben ist auf gutem Kurs. Was ich tue, macht Sinn! Wenn mir Schweres widerfährt, habe ich einen, der mir hilft. Gott ist an meiner Seite, durch dick und dünn! Und wenn es gut läuft, freue ich mich doppelt, weil Gott mich gerade mal verwöhnt. Ich weiß: Ich habe einen guten Vater im Himmel. Und ich weiß: Ich kann in den Spiegel gucken und zu mir sagen: Du, das ist schon o.k. so, wie du bist. Und wenn ich heute Mist baue, und ich baue ganz schön viel Mist, dann zeigt mir Gott nicht die rote Karte, er nimmt mich beiseite, erklärt mir noch einmal, wie es geht, und dann geht’s wieder von vorne los. Das ist ewiges Leben – hier und jetzt Leben mit Qualität.

Aber ewiges Leben ist auch Leben mit Quantität. Wenn eines Tages mein Spiel nach 70, 80 oder 90 Jahren mit Nachspielzeit abgepfiffen wird, dann ist für mich nicht Schluss. Im Gegenteil: Dann bekomme ich den Siegespreis, und auf der Tribüne jubeln die anderen mir zu, weil ich jetzt nicht am Ende, sondern am Ziel bin. Und dann kommt das Beste. Dann kommt das Leben bei Gott ohne Schmerz, ohne Blutgrätsche, ohne Foulspiel und böse Niederlagen – Leben in Gottes neuer Welt. Ze Roberto sagt es so: Heute ist Gott bei mir und morgen werde ich an einem viel schöneren Ort bei Gott sein.

Ich habe Sehnsucht nach ewigem Leben und ich habe es bei Jesus gefunden. Und ich bin davon überzeugt, dass in uns allen die Sehnsucht nach dem Himmel wohnt, in den Kirchlichen und in den ganz Unkirchlichen, in denen, die fromm aufgewachsen sind, und in denen, bei denen man zu Hause vielleicht Stan Libuda oder Jürgen Sparwasser, aber nicht Jesus kannte, bei den Jungen und den Älteren: Ewiges Leben, das wär’s doch.

Und unser junger Mann fragt Jesus: Wie kann ich solches Leben bekommen?

Worum geht es im Spiel des Lebens? Es geht zweitens um die Spielregeln – die Gebote Gottes, so sagt es Jesus in einer alten religiösen Sprache.

Jesus gibt dem jungen Mann eine erste Antwort: Du musst das Spiel nach den richtigen Regeln spielen, sagt er. Und dann lächelt er, voller Sympathie: Du kennst doch die Spielregeln: den Hass nicht herrschen lassen, der Liebsten die Treue halten, nicht über andere herziehen, für die alten Eltern sorgen, Kindern geben, was sie brauchen ...

Verrückt, nicht wahr? Während es bei uns oft heißt: „Der Ehrliche ist der Dumme!“, sagt Jesus: Zum Spiel des Lebens gehört es, nach den richtigen Regeln zu spielen. Es macht dein Leben reich und gut, dich an die Gebote Gottes zu halten. So ist das: Gottes Gebote sind die guten Regeln im Spiel des Lebens. Und sie funktionieren wie die Regeln beim Fußball: Sie machen das Spiel erst richtig schön. Das beste Spiel ist doch, wenn der Schiri kaum unterbrechen muss, keiner dem anderen den Ellenbogen ins Gesicht rammt, keiner im Strafraum ‚ne Schwalbe macht. Das Spiel läuft am besten, wenn sich alle die Regeln halten. Es wäre ein ziemlicher Schwachsinn zu sagen: Fußball ohne die Regeln macht viel mehr Spaß. Schwachsinn! Maradonnas Hand Gottes hinterlässt einen schalen Beigeschmack und Tottis Spuckaktion ist einfach nur uncool.

Genauso meint es Jesus: Die Gebote Gottes sind nicht Hindernisse, ohne die das Leben viel mehr Spaß machen würde, sie sind die guten Spielregeln!

Beispiele? O.k., ein Beispiel:

Da geht es Jesus um Wahrhaftigkeit. In der frommen Sprache: nicht falsch Zeugnis reden wider seinen Nächsten. Das heißt: Was du sagst, soll wahr sein. Und es soll zugleich liebevoll sein. Und hinter dem Rücken anderer sollst du nicht reden, schon gar nicht über ihn herziehen. Wenn du etwas Kritisches zu sagen hast, dann direkt und klar. Stellt euch das mal vor: Du müsstest nicht fürchten, dass über dich schlecht geredet wird, wenn du gerade nicht im Raum bist. Oder stellt dir vor, du hättest in der Firma und bei deinen Freunden den Ruf, dass du nicht über andere herziehst. Jeder könnte dir vertrauen, weil er die Erfahrung gemacht hat: Dein Wort ist zuverlässig. Ich wünsche mir so zu werden. Ich wünsche mir den Mut und die Wachheit, mit meinen Worten so sorgsam umzugehen. Und ich ahne: Das ist ein gutes Spiel, wenn es nach diesen Regeln gespielt wird.

Und der junge Mann sagt zu Jesus: O.k., das sehe ich ein. Das sind die Regeln im Spiel des Lebens und daran halte ich mich, immer schon.

Dann geht Jesus aufs Ganze, voller Zuneigung zu diesem jungen Mann, der das Spiel des Lebens gut spielen will, voller Zuneigung zu jedem Mann und jeder Frau, die das Spiel des Lebens gut spielen wollen.

Worum geht es im Spiel des Lebens? Es geht dritens um den Ruf in die Mannschaft des Jesus von Nazareth – die Nachfolge, so sagt es Jesus in einer alten religiösen Sprache.

Am Ende sagt Jesus zu dem jungen Mann: Du, dann bitte ich dich um eines: Lass zurück, was Dich hier aufhält und festhält, und komm, komm mit mir mit, sei immer in meiner Nähe. In meiner Nähe hast du den Himmel, das ist das ewige Leben, in meiner Nähe fängt es an. Ich brauche Mitspieler wie Dich, Menschen, die so leidenschaftlich mitmachen. Komm mit mir, spiel in meiner Mannschaft, mach mit, wenn wir unterwegs den Menschen Liebe zeigen, sie heilen und ihnen neue Anfänge schenken, komm mit. Aber lass zurück, was dich so bleischwer macht, lass deinen Reichtum zurück, er ist nicht der große Preis beim Spiel des Lebens, er ist eher die große Last beim Spiel des Lebens.

Versteht ihr, worum es geht? Wenn ein Mensch nach dem ewigen Leben fragt, dann ruft Jesus ihn zu sich. In seiner Nähe ist das ewige Leben. Und manchmal muss ein Mensch dann zurücklassen, woran sein Herz hängt. Denn das sind unsere Götter: die Dinge, an denen unser Herz hängt. Bei diesem jungen Mann ist es das Geld. Bei einem anderen ist es vielleicht der Stolz: Bei uns glaubt man nicht an Gott und ich werde doch damit nicht anfangen. Sonst heißt es noch in meiner Clique: Jetzt ist er auch noch fromm geworden! Bei einem anderen ist es der Zweifel: Ich will erst handfeste Beweise, bevor ich mich darauf einlasse! Bei einem anderen ist es die Last der Vergangenheit: die ungeklärten allen Geschichten, die Schuld, die nie ans Tageslicht kam. Jesus sagt: Wenn du den großen Preis willst beim Spiel des Lebens, dann komm zu mir, lass los, was dich von mir fernhält und komm zu mir.

Versteht Ihr, darauf kommt es am Ende an: Bei Jesus ist das ewige Leben, ohne Jesus ist das Spiel schon verloren. Wenn er dich heute anrührt, irgendwo, im Herzen, im Gewissen, im Verstand, dann ruft er dich in seine Mannschaft. Komm, spiel das Spiel des Lebens mit mir – du sollst ein Sieger sein. Wenn er dich anrührt, irgendwo, im Herzen, im Gewissen, im Verstand, dann geht es nur darum aufzustehen und – vielleicht zum ersten Mal – zu antworten: Ja, ich will dir folgen, ich weiß noch nicht viel, ich zweifele noch heftig, aber ich habe so eine Ahnung, dass es gut ist bei dir. Anders wirst du nie herausfinden, ob es gut ist und ob es wahr ist. Wer auf der Tribüne sitzen bleibt, erlebt es nie. Ohne Bild: Die Kraft des Glaubens und die Wahrheit des Jesus Christus kriegst du nicht theoretisch heraus, sondern nur, indem du es wagst: Ja, Jesus, mit klopfendem Herzen, ja!

Wie das Spiel dann geht, wirst du allmählich lernen, wie man auf Jesus hört und nach seinen Regeln spielt, wie er einem das Spiel noch einmal ganz neu erklärt, und es plötzlich viel besser geht, das erfährst du mit der Zeit. Dieses Spiel ist nicht zu Ende, wenn man die 35 überschritten hat. Ich komme zum Ende:

3. Das Spiel des Lebens:

Was hätte Jesus zu Stan Libuda gesagt?

Irgendwie bin ich mir ziemlich sicher, dass Jesus Spaß an Stan Libuda hatte. [Ich glaube ja auch, dass im Himmel Fußball gespielt wird. Schließlich berichtet schon die Bibel vom Fußballspiel: Vor der Sintflut sagte Gott zu Noah: Geh du in den Kasten, ich mach’ Sturm!] Ich glaube, Jesus hatte seinen Spaß an Libudas Flankenläufen, und ich hoffe, dass er diesem genialen Stürmer noch begegnet ist, als er da unten kauerte und Ölflecken vor den Reportern wegputzen musste. Eines weiß ich aber genau: Am meisten Spaß hat Jesus an Fußballern und anderen Lebensspielern, die ihm ihr Leben anvertrauen. Die merken: Das ist das Spiel des Lebens, mit Jesus durch die hohen und tiefen Zeiten.

Es gibt auch unter den Fußballern welche, die das von sich sagen. Das sind dann andere Interviews. Lucio ist so einer, der den Erfolg genießt und doch weiß: Es braucht mehr zum Leben als Erfolg und Geld. Der Glaube an Jesus ist sein Halt. Der frühere Leverkusener Torwart Dirk Heinen ist so einer: Das Leben ohne Gott sei wie Fußball ohne Ball, hat er gesagt. [Auch Oliver Kahn weiß das: Als der Schalker Manager Rudi Assauer nach der verpassten Meisterschaft vor drei Jahren sagte, er glaube nicht mehr an den Fußballgott, da sagte Kahn: Das mit dem Fußballgott ist Blödsinn, es gibt nur einen Gott, und der hat mit Fußball nichts zu tun.] Auch Sammy Kuffour von den Bayern gehört hierher: Als sein Kind starb, fand er Trost, Halt und Hoffnung im Glauben an Jesus. Und der Dortmunder Stürmer Heiko Herrlich weiß: Den Hirntumor hat er besiegt, geholfen hat ihm der lebendige Gott.

Das ist das wirkliche Spiel des Lebens, und das endet nicht mit einem Euro-Finale. Aber ich ende jetzt, oder: „Ich habe fertig.“

Michael Herbst