Suchen und Finden
Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wer ist unter euch Menschen, der seinem Sohn, wenn er ihn bittet um Brot, einen Stein biete? Oder, wenn er ihn bittet um einen Fisch, eine Schlange biete? Wenn nun ihr, die ihr doch böse seid, dennoch euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben denen, die ihn bitten!
Wer sucht, der soll finden, heißt es in der Bibel. Bei einer der ersten Quizshows musste man den Beruf eines Gastes raten. Einziger Hinweis am Anfang: Eine typische Handbewegung. Was z.B. ist das: <Handbewegung Kollektenbeutel> Na ist doch klar, Bundesverkehrsminister. Der Stolpe war doch früher bei der Kirche. Als er dann hörte: Toll-Collect, dachte er, mmh, Kollekte, das kann ich, gehen gehen wir einfach mit dem Klingelbeutel bei den Brummi-Fahrern vorbei!
Müssten nun meine Kinder eine typische Handbewegung ihres Vater vormachen, so sähe sie sicher so aus: <hektisches Abtasten aller Taschen>.
Sie könnten Geschichten im Dutzend erzählen von der Hektik, die im Schnitt wöchentlich ausbricht, wenn ich wechselweise die Schlüssel der Universität oder meine Geldbörse mit Kreditkarten verlegt habe. Dann zieht sich der Familienclan immer lieber etwas zurück, selbst das Hauskaninchen Sammy verschwindet dann lieber, bis der Sturm sich gelegt hat.
Besonders gerne erinnern sie aber an die Geschichte, die im Urlaub passierte, als wir mit dem Bus zu einer Wandertour aufbrachen, irgendwo mitten in Norwegen. Als wir aus dem Bus ausgestiegen waren, war Norwegen noch ein schönes Land, das Wetter prima, die Stimmung gut, die Blumen blühten, alles prima. Dann aber schoss es mir durch den Kopf, wo ist eigentlich das Portemonnaie mit der gesamten Urlaubskasse? <hektisches Abtasten der Taschen> Weg! Verloren! Es stellte sich heraus, das die Börse aus der Wanderhose heraus auf den Sitz im Bus gerutscht war- nun war sie auf dem Weg nach Oslo. Norwegen ist eigentlich gar kein sooo schönes Land, das Wetter oft schlecht, unsere Stimmung beim Nullpunkt, und vor meinem geistigen Auge sah ich schon schadenfrohe Finder auf unsere Kosten königlich tafeln. In diesem Fall zu Unrecht. Ein Anruf bei der Busgesellschaft half: Der Busfahrer fand die Börse, gab sie bei der nächsten Touristeninformation ab, wo wir sie nach gut 100 Kilometern abholen konnten.
Suchen und finden! Nicht immer geht es so gut aus. Nicht immer findet der, der sucht. Nicht immer bekommt der, der bittet, und manche Tür, an die geklopft wird, öffnet sich eben nicht. Das erleben auch Menschen, die sich Gott anvertrauen. Manche enttäuscht das so tief, dass sie Gott nicht mehr über den Weg trauen. Heinrich Heine bringt in Verse, was z.B. die hungernden schlesischen Weber empfunden haben mögen: „Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten in Winterskälte und Hungersnöten; wir haben vergebens gehofft und geharrt. Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt – wir weben, wir weben.“ So froh eben mancher erzählt, dass er fand, was er suchte, und dass er empfing, worum er bat, so enttäuscht und verbittert sind andere, denen genau das Gegenteil widerfuhr. Sie baten um Arbeit, blieben aber vor verschlossenen Toren stehen. Sie flehten um das Leben ihres Kindes, und es starb doch. Sie suchten Hilfe bei Gott in einer verfahrener Ehe, aber es wurde nur noch schlimmer mit dem Streit.
Wie verzweifelt kann ein Mensch sein, der sucht und nicht findet! Vor kurzem kam ein Mann bei uns auf den Hof. Er einfacher junger Mann vom Dorf. Sein Hund war ihm entlaufen. Und nun suchte er ihn, offenbar war dieser Hund sein ein und alles, und nun war sein ein und alles nicht mehr da. Die Verzweiflung war ihm ins Gesicht geschrieben. Überall verteilte er Zettel, versprach Finderlohn, gab nicht auf – und fand ihn doch nicht.
Offenbar gilt nicht für alles und jedes die Zusage des Jesus von Nazareth: „Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopft an, so wird euch aufgetan.“
Wofür aber gilt es?
Ich versuche es einmal so: Das Versprechen, das Jesus abgibt, gilt nicht für alles, was wir von Gott erwarten! Wenn wir aber Gott selbst suchen, dann sollen wir ihn finden. Wenn wir ihn um seine Nähe bitten, bitten wir niemals vergebens. Wenn wir vielleicht zaghaft und zum ersten Mal an seine Tür klopfen, dann bleibt sie uns nicht versperrt. Gott öffnet die Tür und wir schauen in ein strahlendes Gesicht. Gott schaut uns an und lachend ruft er uns zu: Toll, das du kommst! Herzlich willkommen! Lass uns schauen, was ich Gutes für dich tun kann!
Warum aber sollten wir Gott suchen? Diese Frage zu beantworten, würde ein bisschen länger als 15 Minuten dauern. Ich mache daher nur ein paar erste Anläufe zu einer Antwort: Gott suchen wir, wenn wir Sehnsucht haben, dass unser Leben gut werden soll. Gott und gut gehören. Wer ein gutes Leben führen möchte, so sagte es einer der großen Weisen im Mittelalter, der soll es machen wie einer, der einen Kreis zieht. Setze ich den Zirkel an, dann muss ich den Mittelpunkt richtig setzen und auch halten, dann gelingt auch die Kreislinie. So ist es mit unserem Leben: Finde ich den richtigen Mittelpunkt, dann wird auch das Leben gut.
Ich mache es an zwei Beispielen konkreter: Gott in unserem Leben, das bedeutet Weite und Veränderung. Weite und Veränderung.
Vielleicht suchen wir nach Weite in unserem Leben. Die Frau im Theaterstück hat alles, einen guten Beruf, eine nette Familie, ein Haus. Und doch ist sie auf der Suche. Ihr fehlt etwas. Ich kann alles haben –und doch fehlt etwas – Kennen Sie das? Da ist ein Vakuum, das sich nicht füllen lassen will. Es hat etwas damit zu tun, dass wir etwas brauchen, das größer ist als wir selbst, etwas, das wir bestaunen und zu dem wir aufschauen können. Wir brauchen etwas, das uns fasziniert und in den Bann zieht. Etwas, wofür wir gerne alle unsere Kräfte anspannen. So dass wir sagen können: Mein Leben lohnt sich, es macht einen Unterschied. Ich bin an etwas beteiligt, das es besser werden lässt mit meiner kleinen Welt. Menschen, die lieben, kennen das: Keiner liebt leidenschaftlich und sagt dabei: Ist das Leben doch öde! Menschen, die von einer Aufgabe fasziniert sind, kennen das: selbstvergessen verlieren sie sich an das, was sie tun, und je mehr sie sich verlieren, desto mehr finden sie sich selbst. Sie empfinden keine Leere und kennen keine Langeweile. Wer das bei Jesus sucht, wird nicht enttäuscht. Wer sucht, findet. Er findet etwas, das Jesus in der alten Sprache „Reich Gottes“ nennt. Was das ist? Kein abgegrenztes Dominium. Nein, was das Reich Gottes ist, sieht man, wenn Jesus durch die Lande zieht und das Leben von Menschen berührt und es wird besser mit ihnen. Wenn er Schuldigen vergibt und Kranke heilt, Menschen den Zugang zu Gott aufschließt und sie mit Freude ansteckt. Das ist das Reich Gottes. Und das Spannende: Jesus sucht Menschen, die mit ihm tun, was er tut. Er sagt das auch: Kümmert euch um das Reich Gottes, ich kümmere mich um euch. Hört auf, euer Leben um Geld, Besitz, Ehre kreisen zu lassen. Lasst es um das Reich Gottes kreisen. Und das wird dann ganz konkret: Du kannst gut trösten, prima, sagt Jesus, dich brauche ich. Du bist ein guter Musiker? Toll, Jesus, sing den Menschen die Freude an Gott ins Herz! Du packst gerne tüchtig mit an – komm her, wie habe ich auf Menschen wie dich gewartet! Du bist ein begnadeter Gastgeber: Sei es für Menschen, die mich brauchen. Du kannst gut Geld verwalten – toll, danach werden sie in der Kirche noch in 2000 Jahren rufen! Und dann, wenn du dich so ganz verlierst an das, was du für mich und mit mir tun kannst, dann wirst du dich finden, und du wirst merken, das Loch mitten in deinem Herzen wird sich füllen. Du singst nicht mehr: I still haven’t found what I was looking for. Du singst: Ja, wer sucht, der findet, wer bittet, der empfängt, wer anklopft, dem tun sich die Türen des Gottesreiches auf! Das ist die Weite des Glaubens.
Vielleicht suchen wir aber auch nach Veränderung. Veränderung, weil wir nicht so bleiben möchten, wie wir sind. Vielleicht sind wir enttäuscht über uns selbst. Ich meine das nicht in dem oberflächlichen Sinn: Aklso, klar wäre das eine tolle Veränderung, wenn ich den Raum betrete und alles schaut, weil da einer kommt, der aussieht wie George Clooney, Musik macht wie Eric Clapton, so erfolgreich und reich ist wie Michael Schumacher und so gebildet redet wie Ulrich Wickert. Ich meine das in einem tieferen Sinn, der uns nach Veränderung schreien lässt. Veränderung, weil wir uns nichts mehr vormachen, sondern zugestehen, dass wir nicht so sind, wie wir sein sollten. Ich will es ganz deutlich sagen: Ich denke daran, was vielleicht manche Väter mit mir denken, wenn sie an ihre Kinder denken. Sie sind das Schönste, was Gott meiner Frau und mir geschenkt hat. Ich möchte sie zum Lachen bringen, ich möchte in ihnen die Liebe erwecken zu einem neugierigen und starken Leben, ich möchte ihnen geben, was sie brauchen, um in dieser rauen Welt zu bestehen. Ich möchte ein Ohr für sie haben, wenn sie erzählen wollen, wie es ihnen ergangen ist. Ich möchte mit ihnen spielen und die Welt entdecken, sie in den Arm nehmen und für sie beten. So möchte ich sein. Und ich nehme an, dass ich es zuweilen ganz gut hinkriege. Aber ich denke auch daran, wie oft ich gehetzt bin und ungeduldig. Wie oft ich keine Zeit habe. Ich denke an Situationen zurück, als meine Jungs klein waren, wo sie z.B. etwas nicht so getan haben, wie ich es erwartet habe, und dann habe ich sie angebrüllt und sofort gewusst, jetzt habe ich eine winzige Wunde in ihr Herz geschlagen. Verwundert und verschreckt guckten sie mich an. Ich habe sie angebrüllt, weil ich groß bin und sie klein waren, obwohl ich auch vieles falsch mache und dann nicht angebrüllt werde. Und dann bin ich enttäuscht von mir und möchte anders sein. Und ich spüre, ich bin noch nicht der, der ich aus Gottes Sicht sein sollte. Muss ich so bleiben wie ich bin? Aber das weiß ich und erfahre ich: Komme ich so, suchend und bittend, zu Gott, dann sagt er mir: Du, schön dass du kommst. Ich weiß, wie dir zumute ist. Ich habe dich trotzdem lieb. Bei mir klopfst du nicht vergebens an. Ich weise dich auch nicht vor die Türe. Gut war das nicht, aber ich verzeihe dir, und dann überlegen wir zusammen, wie du es heute und morgen ein bisschen besser hinkriegst. So ist das: Tag für Tag! Kennen Sie Popeye, den Matrosen, den mit dem Spinat. Der sagt immerzu: Ich bin, der ich bin. Eben ein einfacher Seemann, der Pfeife raucht und kalten Spinat isst. Wenn er aber sagt „Ich bin, der ich bin“, dann klingt es immer ein bisschen traurig, ein bisschen resigniert. Erwarte nicht mehr viel vom Leben. Besser wird es nicht. Besser wird es auch nicht mit dir. Aber das ist nicht wahr, so muss es nicht sein. Es kann eher sein wie im „Herrn der Ringe“. Aus den gemächlichen, etwas langweiligen Hobbits können noch Helden werden, Frodo Beutlin, der von Tag zu Tag ein bisschen mutiger und stärker wird. Wenn wir Gott suchen, lässt er sich finden. Wenn wir ihn in unser Leben bitten, kommt er. Wenn wir bei ihm anklopfen, tut sich uns eine neue Welt auf. Die Bibel ist voll von Menschen, der Leben sich wandelte, weil sie es mit Gott zu tun bekamen. Sie wurden nicht zu Superheiligen, aber man sah etwas bei ihnen glänzen, etwas bei ihnen sich verändern und erneuern, etwas bei ihnen gesund werden, so gesund, das es geradezu ansteckend gesund war. Die Bibel erzählt das, und auch wir haben es schon erlebt wie Menschen in unserer Mitte in diesen Monaten neu wurden. Einer hat es uns gerade erst erzählt: Er war so überwältigt davon, wie sehr Gott sich nach ihm sehnt, dass er nun täglich ein bisschen mehr von dieser Liebe an andere weitergeben möchte. Wer sich nach Veränderung sehnt, ist bei Gott an der richtigen Adresse. Sören Kierkegaard hat das so gesagt: „Mit Gottes Hilfe werde ich jetzt ich selbst werden.“
So ist das bei Gott: Weite und Veränderung, das gehört zu dem Guten, das uns erwartet, wenn wir uns auf Gott einlassen.
Jesus versucht, das noch etwas plausibler zu machen. Er sagt: Schaut, wie das bei euch Menschen ist. Da ist vieles nicht gut, aber eines funktioniert doch in der Regel: Wenn ein Kind seinen Vater um Brot bittet, dann gibt er ihm ein Brot. Welcher Vater wäre so zynisch, seinem Kind statt dessen einen Stein zu geben und zu sagen: Da hast du was zu kauen! Nein, so ist es selbst bei euch nicht. Und wenn es doch einmal so ist, schreit alles auf und weiß, es ist ein schlimmes Unrecht. Aber in der Regel traut ihr so viel Gemeinheit und Rohheit einem Vater nicht zu, oder? Wenn einer nicht ganz zu Unrecht ein Vater genannt wird, dann tut er so etwas nicht. Dann gibt er seinem Kind Brote und nicht Steine.
Einem Vater traut ihr das nicht zu, aber Gott traut ihr es zu? Seid ihr so krank in eurem Misstrauen Gott gegenüber?
Nein, müssen wir dann heute sagen, nein, ganz so ist es nicht. Aber, Jesus, heute ist es doch nicht ganz so selten. Wir dachten, wir würden Brot bekommen, aber es waren doch am Ende Steine. Väter heutzutage enttäuschen öfter ihre Kinder. Härte statt Geborgenheit, ungestillter Hunger nach Liebe, Kälte und Kargheit – doch, Jesus, das kennen wir wohl. Das macht es uns auch schwer, Gutes zu erwarten, zu vertrauen. Auch Gutes von Gott zu erwarten und ihm zu vertrauen. Nein, Jesus, einfach ist das nicht.
Und Jesus, was sagt er? Er schaut uns wehmütig an und sagt: Das ist schlimm, aber eines ist ganz sicher. So ist Vater im Himmel nicht. Er hat sich nicht geändert. Er ist so unglaublich zuverlässig und beständig. Was er einmal versprochen hat, das hält er auch. Wagt es doch, und ihr werdet es erleben: Wer ihn sucht, findet ihn, wer ihn um Gutes bittet, um Weite und Veränderung, der bekommt Gutes, und wer bei ihm anklopft, der erlebt es. Wisst ihr, Vater im Himmel steht schon hinter der Tür und wartet. Er lauscht, ob du kommst. Und wenn du kommst, dann reißt er die Tür auf. Dann musst du aufpassen, dass er dich nicht gleich in die Arme nimmt und lauthals ruft: Dass du kommst, ist das Beste, was mir geschehen kann. Sei mir willkommen, mein liebes Kind.
So ist es bei Gott, ganz bestimmt, oder: Amen.
Michael Herbst
