War das schon alles?
GreifBar 21
War das schon alles?
Von Midlife- und anderen Krisen
Gen 28,10-22
26. März 2006
I. „Ich krieg ne Krise!“
Wann kriegen Sie `ne Krise? Also mir fallen da gleich eine Reihe von Beispielen ein.
Zum Beispiel kriege ich regelmäßig beim Joggen eine Krise. Nicht weil mir die
Luft weg bleibt. Nein, weil ich als Jogger einen natürlichen Feind habe,
genau genommen zwei: Hunde und ihre Besitzer. Das tollste daran ist, wenn
so ein Viech mit bleckenden Zähnen, gefährlich knurrend, an einem
hochspringt und die Laufhose gefährlich in die Zange nimmt, da flötet es
fröhlich vom Herrchen: Der tut nichts! Der will nuuuuur spielen!
Manchen Zeitgenossen geht es aber noch viel schlechter: Kürzlich hörte ich
von einem Familienvater, der die Krise kriegte: Die Familie hatte Besuch zum
Abendessen. Und der Vater sagte zu seiner 6jährigen Tochter, sie solle bitte
das Tischgebet sprechen, also Gott für das gute Essen danken. Sie aber wollte
nicht. „Papa, ich weiß nicht, wie das geht, wie man ein Tischgebet spricht.“
Der Vater besteht darauf: „Sprich doch einfach nach, was ich heute morgen
beim Frühstück gesagt habe.“ „O.k.“, sagt die Tochter und fängt an: „O
Gott, heute abend kommen wieder diese schrecklichen Leute zum
Abendessen.“ Ich krieg ne Krise!
II. Die Midlife-Krise
Natürlich sind das alles ganz harmlose Beispiele. Unser Thema heute Abend dreht
sich um etwas Ernsteres. Wir konnten es eben ja schon in unserem Theaterstück
sehen: Mit etwa 40 schlägt das Schicksal erbarmungslos zu. Und es schlägt natürlich
zuerst bei uns Männern zu. Midlife-Crisis. Das Leben verdüstert sich, und von da an
geht es unwiderruflich bergab. Wie müssen wir uns das vorstellen?
Ich rede jetzt mal von den Männern – erstens werden auch die Frauen ihren Spaß
dran haben, und zweitens können sie das sicher besser für sich übersetzen, als
wenn ich das täte.
Mit 40 fängt „Mann“ an, seinen Körper des Verrats zu bezichtigen. Im Schnitt
nimmt der Mann nun ein Kilo pro Jahr zu. Beim Anzug von der Jugendweihe der
Tochter ist nun strenges Baucheinziehen angesagt. Gleichzeitig wird tapfer
behauptet, der Anzug von der Hochzeit vor 16 Jahren passe immer noch. Mit 40
beschließt „Mann“, dass der Badezimmerspiegel ein übler Lügner ist. Mit 40 denkt
„Mann“, dass die anderen immer jünger werden. Mit 40 muss „Mann“ den roten
Sportwagen kaufen oder mindestens die 500er Honda, ehe es zu spät ist.
Aber die ernsteren Fälle, das sind die, die sich klar machen: Sportlich gesehen
nähere ich mich der zweiten Halbzeit. Auch ich habe bisher die Welt nicht auf den
Kopf gestellt! Viele Träume sind geplatzt. Die Zeit läuft und läuft. Vielleicht gibt es
irgendwo da draußen eine hinreißende Frau, die bewundernd zu mir aufschaut und
mich noch einmal Flugzeuge im Bauch fühlen lässt! Im Beruf geht es nicht mehr
aufwärts. Der Rücken schmerzt, die Lust lässt nach, die Testosteronproduktion lässt
ab 40 um 1% pro Jahr nach. 1 kg mehr Gewicht auf der Hüfte, 1% weniger knapp
darunter - Der 60jährige ist dann als Mann nur noch der „Mister 80%“.
Schlimmer noch ist das Gefühl: das soll alles gewesen sein? Kommt da noch was
oder war es das schon? Wolf Biermann singt: Da muss noch Leben ins Leben hinein!
Drei Dinge machen es am Mittag des Lebens schwer: der Schmerz über das
Flüchtige und Vergehende, die Sorge vor Verfall und Niedergang, und das nagende
Gefühl, noch nicht wirklich gelebt zu haben.
Ich will es persönlich sagen: Ich bin in einem Geschäftshaushalt aufgewachsen. In
den 50er und 60er Jahren ging es um Wiederaufbau, Geldverdienen, Häuschen
bauen. Meine Familie lebte für das Geschäft. Familienleben habe ich kaum
gekannt. Als ich dann heiratete, erfüllte sich ein Traum für mich: Wir bekamen vier
wundervolle Kinder. Die ersten 10 Jahre habe ich dann ziemlich viel falsch gemacht
und das Muster meines Elternhauses wiederholt: Fast immer hatte der Beruf
Priorität, und ich habe so viel verpasst bei meinen Kindern. Die zweiten 10 Jahre
waren besser, und das Zusammensein mit meiner Frau und meinen Kindern war das
größte irdische Glück, das Gott mir in meinem Leben geschenkt hat. Vorlesen und
Spielen, miteinander wandern, später gemeinsam die Lust am Kino, Sport, lange
beim Essen sitzen und reden. Sehen, wie die Kinder heranwachsen. Nun sind drei
Kinder aus dem Haus und das vierte scharrt schon mit den Hufen. Und ich habe
heftig zu kämpfen. Das war’s schon? Das war mein Traum vom Leben mit Kindern?
Wow, das ist heftig. Kommt jetzt noch was?
III. Die Midlife-Crisis „revisited“
Soweit ist das alles klar, und durch viele Fernsehberichte und Ratgeberbücher
sattsam verbreitet. Aber stimmt es eigentlich? Ich werde Ihnen jetzt 60 Sekunden
Wissenschaft zumuten. Es geht schnell vorbei, aber Sie können jetzt ein kleines
Kirchenschläfchen machen oder aber kurz mal zuhören, was die Forschung
herausgefunden hat:
Kurz und bündig: Die Rede von der zwangsläufigen Krise und dem Abbau nach der
Lebensmitte ist Humbug. Schlicht Unfug! Warum? Weil die Grundannahmen falsch
sind. Aber warum sind sie falsch? Keine Sorge, es geht nicht nach der Melodie:
„Guck mal, was uns alles erspart bleibt: keine Pickel, keine
Führerscheinprüfungen, keine nervenden Eltern, die einem in alles reinreden.“ Ist
zwar auch ganz nett, im Bett um 3:00 morgens noch Eis essen zu dürfen, aber nicht
des Pudels Kern. Was dann?
Erstens: Es ist nicht wahr, dass ab 40 alles bergab gehen muss. Keineswegs, das
Gehirn z.B. ist bei gutem Training im höheren Alter sogar besonders leistungsfähig.
Freud irrte, als er 1907 schrieb, dass der Erwachsene ab 50 nicht mehr Neues
lernen könne. Er war da übrigens gerade 51. Hirnforscher sagen: Das älter
werdende Gehirn gleicht einem dichten Wald mit zahlreichen Verknüpfungen. Das
Ganze läuft vielleicht etwas langsamer, aber der ältere Mensch wird sicherer im
Urteil, er hat mehr Erfahrung, die ihm zur Verfügung steht, und er kann sich auf
das Zusammenspiel von Bauch und Kopf besser verlassen.
Zweitens: Wer sich körperlich fit hält, geistig auf der Höhe bleibt, ein gutes Hobby
hat und gute soziale Beziehungen pflegt, kann das Altern als Gewinn und
keineswegs als Krise erleben. Darf ich übrigens bitten: Tanzen ist nicht nur für
Richard Gere das Mittel der Wahl gewesen: Es ist nachgewiesen, dass Tanzen eine
hervorragende Prophylaxe gegen Altersdemenz ist.
Drittens: Ob die Lebensmitte zur schweren Krise wird oder nicht, ist kein Schicksal.
Es hängt davon ab, ob ein Mensch in seinem Leben gelernt hat, mit dem stetigen
Wandel umzugehen. D.h. ob er gelernt, Lebensräume zu betreten, zu
durchschreiten und zu verlassen, neue Lebensräume wieder zu betreten, zu
durchschreiten und zu verlassen. Wie gebe ich ab, lasse los und fange neu an? Wer
darauf antworten hat, wird zwar immer noch den Übergang zum Älterwerden
spüren, manches betrauern, aber auch neugierig das Neue anpacken. Nicht das
Älterwerden ist das Problem, sondern unsere Ausstattung, um mit dem Leben und
seinen Sprüngen fertig zu werden!
60 Sekunden sind um! Bitte aufwachen!
Also, wo stehen wir: Es gibt Herausforderungen, vor die uns das Leben stellt. Es
gibt sie mit 18 und 25 und 37 und 51 und 64 und immer wieder. Es gibt
Herausforderungen, nicht zwangsläufig Krisen, nicht zwangsläufig Niederlagen und
steten Abbau. Haben wir das Zeug, die Herausforderungen anzunehmen, Altes
hinter uns zu lassen, die Wüsten des Übergangs zu durchstreifen und das neue
Stück Leben in Besitz zu nehmen? Das ist die Frage!
IV. Jakob – ein Mann in der Krise
(1) Ich möchte Euch dazu eine Geschichte aus der Bibel erzählen. Es geht um einen
Mann namens Jakob. Jakob ist ungefähr 40 Jahre alt. Er stammt aus guter Familie.
Allerdings hat diese Familie eine gewisse Neigung zur Gaunerei, zu unehrlichen
Beziehungen, zu Lug und Trug. Jakob hat als jüngerer Sohn seinem älteren Bruder
Esau das Erbe abgeluchst. Erbschleicherei vom Feinsten. Mit 40 ist er immer noch
unverheiratet und wohnt im Hotel Mama. Überhaupt Mama, er ist der Liebling
seiner Mutter Rebekka. Und er ist ein guter Junge, gehorcht seiner Mutter aufs
Wort – mit 40. Sein Vater ist tief enttäuscht vom Sohn, der immer gut gekleidet,
eher feinsinnig zu Hause auf der Terrasse sitzt. Esau, der ältere Sohn, ist eher nach
Vaters Geschmack, ein wilder, harter Bursche, begeisterter Jäger, längst
verheiratet, er hat den Eltern Enkel beschert! Jakob nicht. Und doch kommt Jakob
lange ganz gut klar. Fühlt sich wohl. Er hat ja sein Auskommen. Er lebt ein
zurückgezogenes Leben. Aber es geht ihm nicht schlecht. Bis Esau eines Tages
platzt! Bis die Wut über Jakob überkocht und er dem Bruder ans Leben will. Da
wird es gefährlich für Jakob. Er muss fliehen. Anders gesagt: Er muss mit 40 sein
Leben noch einmal ganz neu anpacken.
(2) Seine Herausforderung ist eine Flucht. Er kann nicht zu Hause bleiben, wird von
seiner Mutter weggeschickt. Und plötzlich bricht das Kartenhaus von Herrn Jakob
zusammen. Plötzlich steht er mit leeren Händen da. Das erschlichene Erbe ist
unerreichbar, die Beziehung zu Vater und Bruder zerrüttet. Das Heim ist verloren,
der gewohnte Trott vorbei. Keiner bedient ihn. Mama kann ihn nicht mehr
schützen. Das ist für Jakob eine neue Herausforderung. Und er merkt: Ich habe
überhaupt nicht gelernt, mit so etwas umzugehen. Ich weiß nicht vor und nicht
zurück. Was soll mir das Leben noch bringen? Und nun ist er auf der Flucht zu
entfernten Verwandten. Unterwegs macht er Rast auf einem Feld. Ein Stein ist nun
sein Kopfkissen, hart für einen, der immer auf feinen Kissen ruhte. Niemand ist bei
ihm, er ist mutterseelenallein, die Vergangenheit kaputt, die Beziehungen zerstört,
die Zukunft unsicher, der Ort des Daseins unwirtlich.
(3) In der Nacht fällt er in einen tiefen Schlaf. Und im Schlaf fällt ihm ein Traum ins
Herz! Was sieht er? Er sieht eine Leiter, die vom Boden zum Himmel reicht. Und er
sieht Engel, Wesen aus der unsichtbaren Wirklichkeit, die auf dieser Leiter auf- und
niedergehen. Es ist ein Traum – erschreckend und von unwirklicher Schönheit
zugleich, denn die Spitze der Leiter berührt den Himmel. Auf einem Feld, nicht in
einer Kirche berühren sich plötzlich Himmel und Erde; der Himmel steht offen über
dem schlafenden Gauner.
So kann das sein, bis heute: Ein Gottesdienst kann eine neue Welt erschließen, die
immer da war, und wir wussten es nicht. Ein Sonnenaufgang kann uns den Blick
weiten für Gottes Wirklichkeit. Großes Glück kann in uns den Wunsch erwecken,
jemandem zu danken. Bewahrung zeigt uns, dass sich um unser Leben schützende
Hände legen. In einem Traum bringt sich Gott in Erinnerung. In der
Herausforderung des Lebensmittags merken wir plötzlich: Da muss noch mehr sein,
und was, wenn es Gott ist?
Und dann heißt es: Gott selbst stand auf oben auf der Spitze der Leiter. Gott
betritt Jakobs Lebensbühne. Gott ist uns näher als wir ahnen. Plötzlich kann er die
Bühne unseres Lebens betreten, mitten in unserem Leben.
Und Er spricht Jakob an. Für Jakob muss das ein Schock gewesen sein. Nicht einmal
war bisher in seinem Leben ernsthaft von Gott die Rede gewesen. Nicht einmal
richtet Jakob ein Wort an irgendeinen Gott. Da war nichts. Nur Distanz und
Unkenntnis.
Gott – vielleicht war das bislang höchstens ein Wort. Eine Chiffre für traditionelle
Werte. Eine Drohung mit Strafe für unmoralisches Leben. Eine gewaltige
Verlängerung des prügelnden Vaters von zu Hause. Vielleicht etwas, das ich nicht
einmal denke, und das zu denken mir geradewegs peinlich wäre. Und doch war
Gott ihm näher als er ahnte – und jetzt tritt er in sein Leben. Und das ist schon
irre: Zuhause sind die Türen zu seinem Vater vernagelt, aber hier öffnet sich dem
Jakob die Tür zu einem Vater im Himmel, von dem er bisher nichts ahnte.
Das, was mich am meisten daran berührt, ist, was Gott mit Jakob zu besprechen
hat. Man müsste doch erwarten, dass ein anständiger Gott jetzt als Hüter des
Sittengesetzes streng mit Jakob redet: über seine Tricksereien, über den Kummer,
den er in seine Familie brachte, über das nutzlose, faule Leben, das er lebte. Aber
Gott sagt dazu nichts, kein Wort über Jakobs Vergangenheit. Aber er sagt viel über
das, was nun kommen soll.
Jakob, ich habe Großes mit Dir vor. Stell Dir vor, ich werde dein Leben noch reich
machen. Du hast das Beste nicht hinter dir, du hast es vor dir. Ich werde dir eine
große Familie schenken, dazu Land, Nachkommen, fruchtbare Felder, fruchtbares
Vieh. Was ich deinen Vätern versprach, das gilt nun auch dir. Und Jakob, damit
nicht genug: Wenn ich Menschen beschenke, dann immer so, dass ihr Leben einen
weiten Horizont bekommt: Du selbst sollst ein Segen werden für die Menschen, mit
denen du lebst. Und du sollst ein Segen werden für die, die nach dir kommen. Das
ist mehr als dein alter Ego-Trip, der dich nicht mehr glücklich macht. Ach, Jakob,
das Wichtigste zum Schluss: Ich werde von nun an immer in deiner Nähe sein. Ich
werde dich umgeben und beschützen. Ich bin immer in Rufnähe. Ich verspreche dir:
Ich lasse nicht von dir ab, bis ich alles getan habe, was ich mir vorgenommen habe.
Jakob, sei gewiss: Jedes Versprechen, das ich dir heute Nacht gebe, werde ich
einlösen. Ganz gewiss.
(4) Als Jakob erwacht, ist er schockiert. Jakob war ein Schlingel und keine fromme
Seele. Jetzt aber ist er tief erschrocken. Er merkt: ich habe in dieser Nacht an
einem Abgrund geschlafen und habe es nicht mal gewusst. Hier war der Himmel
offen über mir – und ich hatte keine Ahnung. Aber dann sagt er: Also, wenn das
alles so kommt, dann will ich es mit Gott wagen. Wenn Gott sein Versprechen wahr
macht, dann soll ihm mein Leben gehören. Dann will ich ihm vertrauen und mich
nach seinen Geboten richten. Das ist interessant: Jakob macht eine coole
Erfahrung, aber er verkauft sich nicht mit Haut und Haaren. Er weiß noch nicht
genau, ob er Gott auch trauen kann. Ein Traum von Gott ist eines, ein langes Leben
mit Gott ein anderes. Es dauert, bis er Vertrauen zu Gott fasst. Er lässt sich Zeit. Er
macht sozusagen ein Experiment: Ich habe das alles gehört. Und es könnte sein,
dass diese Nacht die wichtigste Nacht meines Lebens war. Es könnte sein, dass sich
nach all den persönlichen Katastrophen und Sackgassen ein neuer Weg für mich
auftut. Es könnte sein … Wird es so sein? Ich will es beobachten, will es Schritt für
Schritt wagen. Ich will mal anfangen, auf Gott zu achten. Was wäre, wenn die
Bewahrung im Alltag seine mächtige Tat wäre? Was wäre, wenn das Essen auf dem
Tisch seine Gabe wäre? Was wäre, wenn das freundliche Wort der Wirtin ein
Geschenk Gottes wäre? Was wäre, wenn der herrliche Sonnenaufgang ein Lächeln
des Himmels wäre? Was wäre, wenn jede Tür, die sich für mich öffnet, ein
eingelöstes Versprechen Gottes wäre? Das ist meine neue Perspektive – ich will ab
heute darauf achten. So beginnt Glauben. Nicht mit Haut und Haaren, aber
schrittweise, als das große Experiment meines Lebens.
(5) Eines muss ich noch erzählen: Wie ging es denn weiter mit Jakob? Wie im
Märchen? Fortan ging alles gut, die Mädels flogen ihm zu, er gewann eine Million im
Lotto, sein Bruder bat auf Knien um Entschuldigung, sein Vater übergab ihm das
Geschäft, an der Börse gewann er die nächste Million, und im Sommer flog er nach
Mallorca? Was änderte sich in Jakobs Leben?
Äußerlich erst einmal: NICHTS! Jakob ist immer noch auf der Flucht. Der Weg in die
Fremde bleibt ihm nicht erspart. Keine Abkürzungen! Es gibt mit Gott in der Regel
keine Abkürzungen! Glaube ist kein „Rundum-sorglos-Paket“! Er muss in die
Fremde. Und er erntet, was er gesät hat. Hatte er doch seinen Bruder betuppt.
Jetzt muss er erleben, dass ein entfernter Onkel ihn jahrelang ohne den verdienten
Lohn arbeiten lässt. Hatte er doch seinem Vater so viel Kummer bereitet, so muss
er später erleben, dass seine eigenen Kinder ihm heftig zu schaffen machen. Keine
Abkürzungen!
Aber was hat es dann gebracht? Jakob würde sagen: Von der Nacht auf dem Feld an
habe ich mich nie mehr nutzlos gefühlt. Ich wusste, Gott wird die Dinge meines
Lebens am Ende auf die Reihe bringen. Ich war nie mehr allein. Ich musste
Schweres durchmachen, aber ich spürte auch dann noch, dass ich es schaffen
werde. Ich merkte, da war so etwas wie ein Plan in meinem Leben. Und dann hat
Gott mich auch beschenkt, mit einer wundervollen Frau, er hat mir geholfen, mich
mit meinem Bruder auszusöhnen. Er hat mich nach einer langen Reise auch wieder
heimgebracht. Mein Leben bedeutete plötzlich etwas Gutes im Leben anderer
Menschen, ich war nicht mehr der nutzlose Trickser. Ich habe gelernt, großzügig zu
sein, das Wohl anderer zu verfolgen. Und im Rückblick kann ich sagen: Ja, es wurde
wirklich alles gut! Ich habe bald aus meinem Experiment ein festes Ja gemacht: Ja,
ich traue Gott. Ja, ich will tun, was er will. Ja, ich weiß mich bei ihm geborgen.
Ja, mit ihm kann ich die Krisen meines Lebens meistern!
V. Gibt es das wirklich? Die Geschichte von Johnny Cash
Geschichten wie die von Jakob könnte so mancher von uns GreifBar-Leuten
erzählen. Geschichten von einem Leben ohne Gott. Geschichten von Krisen,
kaputten Beziehungen, hoffnungsloser Zukunft. Geschichten von einem
unbekannten Gott, der plötzlich in ihr Leben trat. Geschichten von
überwältigender Liebe, mit der Gott sie überschüttet hat. Geschichten von einem
Leben ohne Abkürzungen, aber mit neuer Zuversicht, mit Sinn und Verstand.
Ich will heute aber nicht von einem von uns erzählen, sondern von einem modernen
Jakob, dessen Geschichte gerade das Kino erzählt: Es ist die Geschichte von Johnny
Cash, dem Countrysänger. „Walk the line“ erzählt vom Aufstieg und Fall eines
Stars.
JINGLE: WALK THE LINE
Cash kann den Stress einer Showkarriere nur mit Aufputschmitteln durchhalten.
Und mit der Zeit wird er süchtig, und die Sucht fängt an, ihn kaputt zu machen. So
erzählt es auch der Film im Kino. Eine Szene erzählt der Film nicht, und darum
möchte ich sie hier nachtragen: Als Johnny Cash ganz am Boden ist, zerfressen von
der Tablettenabhängigkeit, musikalisch am Ende, einsam und hoffnungslos,
beschließt er, sich das Leben zu nehmen. Er fährt mit dem Auto durch die Gegend,
bis er in einer einsamen Ecke landet. Er kriecht in eine Höhle, kriecht immer tiefer
und tiefer, bis er irgendwo in der Tiefe der Höhle einfach liegen bleibt. Hier will er
auf den Tod warten, der ihn von seiner Qual erlösen soll. Stattdessen spürt er
plötzlich, so wie nie zuvor, die Gegenwart Gottes. Und er hört in seinem Herzen
Gottes Reden: Ich gebe Dich nicht auf, und deshalb darfst du dich auch nicht
aufgeben. Und dieser Moment wird zum Wendepunkt im Leben von Johnny Cash.
Irgendwie findet er wieder heraus aus der Höhle, er weiß selbst nicht wie. Er fährt
zurück. Er ordnet sein Leben. Er macht eine Suchttherapie mit. Er heiratet June
Carter. Gemeinsam lesen sie in der Bibel, beten und besuchen die örtliche
Gemeinde. Cash findet auch künstlerisch wieder zurück, feiert große Erfolge. Aber
auch das ist die Wahrheit: immer wieder wird er gegen die Sucht kämpfen müssen,
und er gewinnt nicht jeden Kampf. Spektakulär bleiben seine Rückfälle, sein
Versagen auf der Bühne, bis zum Ende. Aber dennoch: Er bleibt nicht mehr liegen,
sondern steht immer wieder auf. Er weiß um Gottes Versprechen: Ich gebe dich
nicht auf. Darum gibt er sich nicht auf. So ist das mit Jakob, so ist das mit Johnny
Cash – und so kann es mit Ihnen und mir sein.
VI. Und wir?
Was tun wir hier eigentlich? Sie, unsere Gäste, wir, die wir GreifBar vorbereiten?
Warum kommen Sie, wenn da nicht so etwas wie eine Sehnsucht wäre, es möchte
wahr sein, mit Jesus, dem liebenden Gott? Warum tun wir das, wenn wir nicht
erlebt hätten, dass es wahr ist mit Jesus, dem liebenden Gott! Schauen Sie, wir
sind eine Schar von Jakobs und Jakobinas, wir erleben dieselben Krisen, wir werden
auf dieselbe Weise älter, wir kämpfen mit den Verlusten und Neuaufbrüchen wie
Sie auch. Aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass mitten in der Krise Jesus
immer noch da ist, und dann nimmt er uns bei der Hand und sagt solche Worte mit
Zuverlässigkeit und Kraft: Komm, lass los, geh weiter, ergreife das Neue. Ich bin
bei dir, beschütze dich und verlasse dich nicht, bis ich alle meine Zusagen an dich
erfüllt habe. Komm, ich gebe dich nicht auf. Darum gib auch du dich nicht auf. Das
ist gewiss wahr – Amen.
